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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Matthias Steiner im Gespräch „Dann erschlägt die mich, und alles ist vorbei“

 ·  Gewichtheber Matthias Steiner ist nach seinen Unfall im olympischen Finale erleichtert, dass nicht mehr passiert ist. Im F.A.Z.-Interview spricht der Olympiasieger von 2008 über die Last mit 196 Kilo im Rücken, die Angst und das Glück.

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© dapd Hat noch Schmerzen: Matthias Steiner nach seinem Unfall im olympischen Finale

Wie fühlen Sie sich?

Erleichtert.

Schon wieder gehen Bilder von Ihnen um die Welt. Musste das denn sein?

So etwas kann man nicht inszenieren. Ich will eigentlich ein ganz normaler Mensch sein. Aber unser Trainer Frank Mantek sagt immer: Ich kriege das gar nicht hin. Diesmal habe ich keine Medaille geholt, aber schon wieder für Aufruhr gesorgt. Ich kann doch nichts dafür. Irgendwas läuft da schief.

Würden Sie gerne die Zeit zurückdrehen?

Ich wundere mich selbst, was ich jetzt fühle. Im Hinterkopf finde ich es immer noch schade, dass ich diese Iraner und Russen, die Phalanx der - vorsichtig ausgedrückt - gestärkten Nationen nicht stören konnte. Ich habe gemerkt, dass der Olympiasieger (der Iraner Behdad Salimikordasiabi) vor mir Respekt hatte, das hat er auch geäußert. Weil ich ein Kämpfer bin. Ich kann zum Schluss was rausholen. Und wenn man sieht, wie sie im Stoßen eingebrochen sind, wäre eine Chance dagewesen. Aber ich bin wirklich froh, dass ich heute hier so sitze.

Tut’s weh?

Die Schmerzen sind mächtig. Ich stehe immer noch unter Schmerztabletten, unter Drogen sozusagen, aber das ist alles nur temporär und nichts Bleibendes.

Sind Sie erschrocken, als Sie die Bilder von Ihrem Unfall am Dienstag gesehen haben?

Ich habe nicht auf die Bilder warten müssen. Ich habe schon in der Bewegung selbst festgestellt, dass es sehr gefährlich ist.

Wie haben Sie das erlebt?

Da muss ich weiter ausholen. Das alles hat eine Vorgeschichte. Reißen ist generell nicht meine Schokoladendisziplin, und durch die schwierige Vorbereitung (Trainingsrückstand durch eine Knieoperation, Verletzungen und Infekte) hat es noch mehr gelitten. Da kann ich noch so sehr der Steiner und Olympiasieger sein - ich habe auch Schwächen. Und die Schwäche war, dass ich mir die Sicherheit und Stabilität nicht durch Wettkämpfe hatte holen können. Im Training bin ich nicht so der Typ, der Adrenalin einschießt und dann an die Grenzen gehen kann.

Trotzdem haben Sie mit der hohen Last von 192 Kilo angefangen.

In der Erwärmung ging es noch ganz gut. Und der erste Versuch draußen war nach Meinung des Trainers sehr gut - ich meine, dass er nicht ideal war. Dementsprechend bin ich an die 196 Kilo herangegangen, war aber erst einmal überrascht, dass sie leichter waren, als ich mir gedacht hatte. Ich habe aber einen technischen Fehler gemacht.

Und dann?

Ich bin ein Stück weit aufgestanden. In der Bewegung war die Hantel nicht mehr zu fixieren. Ich dachte noch, ich könnte einen Schritt nach hinten machen, dazu hat es aber nicht mehr gereicht. Darum ist sie heruntergefallen. Die fällt dann so schnell, dass ich keine Chance mehr habe wegzukommen, weder nach hinten noch nach vorne. Dann ist es passiert. Aber dass es so krass wird - ich habe hinten dringesessen und konnte mit dem Nacken nicht mehr ausweichen.

Und dann?

Das Gewicht fiel in meinen Nacken - das Gefühl war ekelhaft.

Der Schlag?

Nein, der Schlag nicht. Die Hantel musste so schnell wie möglich weg, wenn ich so verharre, dann erschlägt die mich, und alles ist vorbei. Das Einzige war - wegdrehen. Aber ich musste mich ja mit 196 Kilo drehen, und das hat sich in der Wirbelsäule so ekelhaft angefühlt. Ich habe ja versucht, den Kopf herauszukriegen. In dem Moment habe ich gedacht, es ist alles durch. So hat es sich angefühlt. Ich fühle noch im Kopf, wie es die Wirbelsäule verdreht hat. Das war ganz, ganz schlimm. Weniger im Nacken, da lag ja die Hantel, sondern im Brustbereich. Da habe ich jetzt auch die meisten Schmerzen.

Erstaunlich, dass Sie das alles noch so detailliert wissen und nicht durch den Schock vergessen haben.

Ich musste ja da raus. Ich war hellwach. Ich habe es meinen extrem guten Reflexen zu verdanken und meiner Beweglichkeit, dass ich da überhaupt rausgekommen bin. Was dann passiert ist, weiß ich nicht mehr genau. Ich habe auf der Seite gelegen, die Hantel lag auf mir drauf. Irgendjemand hat sie dann heruntergehoben, und ich habe mich auf den Bauch gedreht. Dann musste ich schauen, was los ist mit mir: Die Beine sind noch da, die Arme kann ich bewegen. Ich konnte von allein aufstehen, das war’s dann.

Sie wollten erst noch weiter heben?

Ich habe erst gedacht, ich probiere es noch mal. Das Adrenalin hat die ganzen Schmerzen weggeblasen. Ich bin noch einmal an ein Gewicht gegangen, aber es hat nicht mehr funktioniert. Die Angst war da, es könnte ein Wirbel angebrochen sein. Wenn man dann noch einmal an 250 Kilo rangeht, ist das Drama perfekt. Das Risiko war zu groß, ich hätte vielleicht später im Rollstuhl gesessen. Dann lieber gar nichts. Olympiasieger bin ich schon. Ich habe eine Familie. Da kommt dann die Vernunft durch. Ich bin jetzt bald 30 und will erwachsen sein.

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Moment des Unfalls: Die Last der Hantel wird Matthias Steiner zu schwer ... © dpa Moment des Unfalls: Die Last der Hantel wird Matthias Steiner zu schwer ...

Ihr Trainer Frank Mantek sagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Was haben Sie jetzt verstanden, was Sie vorher noch nicht wussten?

Wenn man im Januar bei null anfängt - das kann nicht funktionieren. Gut, ich hätte sagen können, ich fahre mit und werde vielleicht Sechster, Siebter oder Achter. Aber so funktioniere ich leider nicht. Ich will alles oder gar nichts, so bin ich gestrickt. Die Erkenntnis ist, dass es dafür nicht gereicht hat. Man kann diese Gesetze nicht außer Kraft setzen.

Welche Botschaft für die Zukunft steckt in der Erfahrung von London?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin natürlich gleich gefragt worden, ob ich weitermache. Ich habe gesagt: Das ist für mich kein Grund aufzuhören. Ich muss das alles erst einmal sacken lassen. Nachdenken, das Thema mit der Familie besprechen. Es ist nicht nur das gesundheitliche Risiko - so dramatisch ist es ja nicht immer. Die Familie muss mich entbehren, und ich will für sie da sein. Und ich muss fragen: Habe ich noch Lust? Und wie lange noch?

Bis Rio 2016?

Mit 25 ist man als Gewichtheber auf dem Zenit. Almir Velagic mit seinen 31 und ich mit 29 waren hier die Ältesten. Die Frage ist, ob der Körper noch so belastbar ist. In unserer Sportart haben wir einen großen Verschleiß. Und der Sieger ist in vier Jahren 26 - er bleibt immer acht Jahre jünger als ich.

Haben Sie Hoffnung, dass Sie ohne bleibende Schäden ihre Karriere beenden können?

Hundertprozentig. Ich habe eine gute Biologie. Ich habe nach der Operation gemerkt, welches Heilfleisch ich habe. Wie schnell ich wieder in der Hocke war. Ich habe in dreieinhalb Monaten die Olympiaqualifikation geschafft - das ist im Gewichtheben fast unmöglich. Und auch das, was mir am Dienstag passiert ist, zeigt, welche Physis ich habe. In meiner Familie sind die Leute zäh. Mein einziger Schwachpunkt ist mein Diabetes. Aber niemand ist perfekt.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.

Quelle: F.A.S.
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