Sabine Spitz war überall. Zum Beispiel auch beim Schwimmen. Vor jedem Wettkampftag lief im Londoner Aquatics Centre zur Einstimmung ein Film auf der Videowand, Szenen mit großen olympischen Momenten, Usain Bolt, Michael Phelps, Sir Chris Hoy. Und Sabine Spitz. Wie sie ihr Mountainbike vor vier Jahren in Peking kurz vor dem Ziel in die Hände nahm, hoch in die Luft stemmte und mit strahlendem Gesicht ins Ziel marschierte. Als Goldmedaillengewinnerin.
Vier Jahre später, bei der Entscheidung im Cross-Country-Rennen 2012 am Samstag, kam Sabine Spitz ins Ziel geradelt – weil die Amerikanerin Georgia Gould ihr auf den Fersen war. Sie holte sie aber nicht mehr ein, und so gewann die 40 Jahre alte Sabine Spitz hinter der Französin Julie Bresset die Silbermedaille. Damit ist sie die erste Mountainbikerin, die drei olympische Medaillen gewonnen hat. „Es ist eine golden glänzende Silbermedaille“, sagte ihr Mann und Manager Ralf Schäuble. Und Sabine Spitz freute sich, dass sie auch mit 40 noch gezeigt hat, was sie drauf hat.
„Ich bin jemand, der sich extrem fokussiert auf große Events vorbereiten kann“, sagte sie. „Und ich bin der Überzeugung, wenn der Wille da ist, spielt auch das Alter keine Rolle.“ Sabine Spitz fuhr am Samstag ihr bestes Rennen der Saison. Die war bisher ganz gut, aber nicht überragend verlaufen: Sie gewann EM-Bronze, wurde deutsche Meisterin, landete zuletzt beim Weltcup in Val d’Isère auf Platz sechs.
Bei Olympia aber stimmte die Form perfekt. Zudem kam ihr die Charakteristik des Kurses in Hadleigh Farm entgegen: Das ständige Auf und Ab ließ kaum Zeit zur Erholung, technisch schwierige Elemente wie Sprünge, Felsen und Steilwandkurven forderten viel fahrerisches Können. So hielt sie sich von Beginn an in der Spitze, erst ein Sturz in einer felsigen Abfahrt in Runde vier warf sie kurz zurück.
Wenig später aber war sie schon wieder Zweite – und diesen Rang verteidigte sie bis ins Ziel. Sie hatte sich zuvor intensiv mit dem Kurs vertraut gemacht, wie schon vor vier Jahren in Peking, als sie die Strecke „gedanklich im Schlaf abfahren“ konnte. Beim Testwettkampf vor einem Jahr sammelte sie mit GPS-Gerät und Helmkamera so viele Daten wie möglich, versuchte, den Kurs zu verinnerlichen, auswendig zu lernen, bis hin zu Details wie zu welchem Zeitpunkt welcher Gang angesagt ist, um aus einer Kurve heraus voll antreten zu können.
Es ist nicht zuletzt diese Professionalität, dank der Sabine Spitz seit Jahren zur Weltspitze zählt. Sie ist das Gesicht des Mountainbikesports in Deutschland, eines Sports, der eine merkwürdig unauffällige Rolle spielt hierzulande. Mountainbikefahren ist längst zur Massenbewegung geworden, doch was in der Spitze passiert, bei Weltcups, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, ist oft ein Fall für Spezialisten.
Das Medieninteresse hält sich in Grenzen, daran hat der Olympiasieg 2008 nur wenig geändert. Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat, vorsichtig gesagt, die Vermarktungs-Chance nach Peking nicht gerade entschlossen ergriffen. Das mag daran liegen, dass die junge Mountainbike-Sparte es schwer hat neben dem dominierenden Straßenradsport – oder auch daran, dass es der Verband schwer hat mit Sabine Spitz.
Die energische Schwarzwälderin sagt laut und deutlich, wenn sie der Ansicht ist, dass etwas schief läuft, und dieser Ansicht war sie in Sachen BDR immer wieder mal. Sie sprach sich gegen eine Wiederwahl des Präsidenten Rudolf Scharping aus, kritisierte dessen Distanz zu den Athleten und den halbherzigen Anti-Doping-Kampf. Sie konfrontierte auch Honoratioren wie DOSB-Präsident Thomas Bach und den damaligen Innenminister Thomas de Maizière direkt mit der Forderung nach härteren Maßnahmen im Kampf gegen Doping, rief immer wieder nach schärferen Kontrollen.
Sabine Spitz weiß, auch die Leistungen, die sie mit 40 Jahren erbringt, werden von manchen Beobachtern mit Argwohn gesehen. Auch deshalb setzt die ehemalige Weltmeisterin alles daran, zu dokumentieren, dass ihre Erfolge sauber sind. Zudem weist sie darauf hin, dass sie nicht viel mehr Jahre als Hochleistungssportlerin hinter sich hat als viele jüngere Konkurrentinnen.
Sabine Spitz war in Sachen Mountainbikesport eine Spätstarterin, fuhr erst mit 22 Jahren ihr erstes Rennen. 2000 schaffte sie auf den letzten Drücker den Sprung zu den Olympischen Spielen nach Sydney – und zeigte dort ihr bis dahin bestes Rennen, sie wurde Neunte. Das war für sie der Startschuss. Drei Jahre später war sie Weltmeisterin, dann kamen die Spiele in Athen. Das gesamte Rennen lief im Fernsehen, am Ende hielt eine glückliche Sabine Spitz Bronze in der Hand. Vier Jahre später in Peking stand sie ganz oben.
Olympia hat für Sabine Spitz und ihre Karriere immer eine herausragende Rolle gespielt. In London erlebte sie nun wohl ihre letzten Spiele. 2016 nach Rio de Janeiro zu fahren, könne sie sich zwar sehr gut vorstellen, sagte sie am Samstag. Vermutlich aber nicht mehr als Fahrerin.
Beruf: Profiradsportlerin
Geburtstag: 27. Dezember 1971
Olympia-Teilnahmen: 2000, 2004, 2008, 2012
Erfolge: Olympiasiegerin 2008, Olympia-Zweite 2012, Olympia-Dritte 2004, Weltmeisterin 2003, Weltmeisterin Marathon 2009, Europameisterin 2007 und 2008, Europameisterin Marathon 2007, elfmal deutsche Cross-Country-Meisterin, dreimal deutsche Marathon-Meisterin