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Donnerstag, 20. Juni 2013
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David Millar Der unwillkommene Vollblutprofi

 ·  David Millar hat sich angeblich gewandelt - vom Sünder zum Anti-Doping-Prediger. Beim Straßenrennen an diesem Samstag (11.00 Uhr) soll er helfen, dass die Briten das erste Olympia-Gold in London gewinnen.

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© AFP Wieder im Sattel: David Millar beteuert, seine Fehler zu bereuen

Er hat schon gewonnen. David Millar darf an diesem Samstag (Start um 11.00 Uhr / Live im Olympia-Ticker bei FAZ.NET) beim Straßenrennen über 260 Kilometer mitfahren. Es geht um das erste Gold für die Briten, um die nationale Frage, ob Englands neuer Sportheld Bradley Wiggins nach dem Sieg bei der Tour de France nun auch noch den Sprinter Mark Cavendish auf den Olymp zieht. Dieser Dienst am Landsmann würde den frischen Ruhm mit königlicher Würde verzieren.

Für den Teamkollegen Millar steht noch mehr auf dem Spiel. Es geht um den letzten Schritt auf seinem schweren Weg zurück in die Glaubwürdigkeit. Er war einmal ein Doper, schreibt Millar in seinem Buch „Racing Through The Dark“. Das weiß alle Welt, seit die Polizei ihn 2004 am Schlafittchen packte und nach dem Geständnis eine zweijährige Sperre bis zum Sommer 2006 folgte. Seitdem präsentiert sich Millar als geläuterter Athlet und prangert die Verführung junger Radrennfahrer im Manipulationssystem an.

Im Kreis der Profis fährt der 35 Jahre alte Etappensieger der vergangenen Tour längst wieder vorne mit. Den Olympiern aber ist er nicht willkommen. Warum? So ein Paulus und Anti-Doping-Prediger scheint kein Umgang für die Jugend der Welt. Deshalb hatte das Internationale Olympische Komitee 2007 beschlossen, überführten Dopern die Teilnahme an den folgenden Spielen zu verweigern. Weil das Internationale Sportschiedsgericht diese Regel mit Hinweis auf das Verbot einer doppelten Bestrafung 2011 kassierte, musste auch das Britische Nationale Olympische Komitee im Frühjahr seine seit zwanzig Jahren betonierte Haltung vorerst aufgeben.

Auf der Insel sollten positive Typen sogar lebenslang vom größten Sportfest ferngehalten werden. Nun knirscht mancher mit den Zähnen. „Ich denke, dass jemand, der zu den Spielen nach Rio (2016) will, Doping riskieren kann. Selbst wenn er erwischt wird, hat er doch eine Chance, wieder bei Olympia zu starten. Ich finde es eine Schande, dass die Regel gekippt wurde“, sagte Chris Hoy dieser Tage. Hoy ist nicht irgendwer, sondern Sir Chris, Englands Star unter den Bahnradfahrern.

Von Hoy existieren bislang keine tieferen, veröffentlichten Einblicke in die Welt der Kraftprotze und Ausdauerspezialisten des Radsports. Obwohl gerade auf der Bahn mit unvorstellbaren Muskelbergen allein zwischen Lende und Knie unglaubliche Wattzahlen getreten werden. Millar habe zumindest „Charakter“ bewiesen, erklärte Patrick McQuaid, Präsident des Internationalen Radsportverbandes, und lobte die Offenheit des Biographen auf fast 400 Seiten.

Unter dem doppeldeutigen Titel „Vollblutrennfahrer“ schildert Millar, wie er als gutgläubiger, leidenschaftlicher Amateur von der Insel von der brutalen Realität des Rennsports auf dem Kontinent überfahren wird. Er berichtet eindrücklich von der Sozialisierung der Debütanten im Feld der Profis. Wie sie beim Training vorgeführt und abgehängt werden, wie ihnen erfahrene Stars, in Millars Fall der Schweizer Tony Rominger, jede Illusion nehmen. Sauber zum Sieg? Vielleicht bei einem Tagesklassiker, vielleicht, aber doch nicht bei der Tour. Millar wachte auf und weinte: aus der Traum.

„Seitdem habe ich den Radsport gehasst“

Die jungen Burschen sind vor der Aufnahme in die Blutsbrüderschaft auf Leib und Nieren getestet worden von den Strategen der Teams. Sozusagen bei Wasser und Brot im Feldversuch, um herauszufinden, ob sich die mitunter nicht ganz risikofreie, weil hin und wieder doch entdeckbare, pharmakologische Aufladung lohnt, kurz: ob sich ein Talent zum Champion spritzen lässt.

In Millars Rennstall Cofidis kümmerte sich der „Soigneur“, einer der sich dem Namen nach also Sorgen um das Wohl und Wehe des Athleten macht, um die Einführung ins Profileben. Er bearbeitete Millar so lange, bis aus dem hoffnungslos verliebten Radrennfahrer der gewünschte Vollblutprofi wurde. An der besten Stelle seines Buches betrachtet Millar die Metamorphose wie ein distanzierter Zuschauer. Langsam floss der Stoff in seine Adern - und presste die Liebe heraus. Von diesen Tagen an „habe ich den Radsport gehasst“.

Die ersten Rezensenten der deutschen Übersetzung feierten „Vollblutrennfahrer“ wie eine Offenbarung. Als erkläre endlich mal ein Insider, wie man zum Doper wird, in die Szene rutscht, nicht mehr herauskommt. Das überrascht. Denn das „Sachbuch“ Millars hat keine Neuigkeit zu bieten. Im Gegenteil. Die Anfütterung von Minderjährigen über den Einsatz von (erlaubten) Schmerzmitteln, der Einstieg mit verbotenen Beschleunigern in der Amateur- und Nationalmannschaftsszene bis hin zum Arbeits- und Championsdoping bei den Profis ist schon vor Jahren beschrieben worden, erst von ehemaligen Kollegen und dann von Soziologen.

Die früheren Mitglieder der Radsportfamilie waren nicht nur schneller mit der Feder und detaillierter. Sie nannten auch Namen der Mitspieler, weitere Hintergründe, die mitunter zur Aufklärung beitrugen. Aber diese Herren fahren nicht mehr, selbst wenn sie zurückkehren wollten. Denn das Peloton, schreibt Millar im Vorwort, kann „grausam“ sein. Das gilt eben nicht nur für die Haltung im Wettkampf, sondern auch bei Verstößen gegen den ungeschriebenen Kodex. Wer das Schweigen bricht, wird vom Feld ausgespuckt. Die ganze Wahrheit erfährt man also nicht von Millar. Er will ja weiterfahren.

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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