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Peking Die Stadt unter der Olympiastadt

 ·  Besucher, die diesen Sommer zu den Olympischen Spielen reisen, erleben abseits der Wettkämpfe ein futuristisches Peking. Erst ausgeprägte Streifzüge durch die Stadt offenbaren die Vielschichtigkeit der Metropole. Denn die chinesische Hauptstadt ist wie ein offenes Buch.

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Was werden die fünfhunderttausend Besucher aus aller Welt sehen, die jetzt zu den Olympischen Spielen nach Peking reisen? Jenseits der Wettkämpfe präsentiert sich ihnen eine Stadt, die allem Anschein nach ganz auf Zukunft eingestellt ist, auf eine noch etwas unsortierte, unübersichtliche Zukunft voller Schnellstraßen, Hochhaussiedlungen, großer Einkaufszentren und diverser Architekturwunder, die als Solitäre ohne erkennbare Ordnung nebeneinanderstehen.

Bei so viel Futurismus, den sich dieser autoritär gemanagte Kapitalismus leistet, können einem historische Überbleibsel wie das Mao-Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens so unwirklich und skurril vorkommen wie der warholeske Mao-Pop, den man im Kunstviertel „798“ besichtigen kann.

Unter der Oberfläche

Gegenüber den harten Fakten des Wirtschaftsaufstiegs und Machtkalküls, die sich in Peking so unübersehbar kundtun, scheint die jüngere Vergangenheit von Stadt und Land bloß noch ein propagandistisches Relikt ohne praktische Bedeutung zu sein. In der westlichen Welt hat man sich daran gewöhnt, die Ideenkämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts, die von den Neutralisierungen der gegenwärtigen Geschäftstüchtigkeit so weit entfernt sind, bloß als Exotik und Folklore anzuerkennen. Sie lassen sich allenfalls vor Sehenswürdigkeiten wie dem Checkpoint Charlie in Berlin noch gut verkaufen.

In Peking jedoch könnte kaum etwas verfehlter sein als eine solche Vorstellung, mit der die hiesigen Exaltationen von Ökonomie und Architektur völlig in der Luft hängen würden. In Wirklichkeit ist die Geschichte im kollektiven Unterbewussten hier ganz und gar gegenwärtig: Die Stadt drängt sie zwar nicht auf, aber sie verbirgt sie auch nicht. Man muss die Orte nur aufsuchen, in denen sich die Geschichte materialisiert, dann zeigt sich dem Besucher hinter den globalisierten Fassaden noch eine zweite Topographie der Stadt. Und erst sie enthüllt die Antriebskräfte Pekings.

Schon damals westlich

Wer etwa die Öffnung zum Westen, die bei den Olympischen Spielen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen wird, für etwas radikal Neues und einen Abschied von der chinesischen Vergangenheit hält, sollte hinausfahren in den nordwestlichen Bezirk Haidian, in dem hinter den Elitehochschulen Tsinghua und Peking-Universität der Alte Sommerpalast liegt.

In diesen „Gärten der vollkommenen Klarheit“ beginnt die chinesische Gegenwart. Man spaziert in einer naturbelassenen Parklandschaft zwischen den Trümmern von Schlössern umher, die unverkennbar barock und europäisch sind. Sie stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert, als Kaiser Qianlong in seiner Begeisterung für westliche Kultur die Jesuitenmönche Giuseppe Castiglione und Michel Benoist zehn Höfe und Paläste im europäischen Stil errichten ließ, die an Raffinesse und Pracht alles vereinten, was die Zeit zu bieten hatte.

Wie ein modernes Pompeji

In einer der vielleicht absurdesten Wendungen der Weltgeschichte wurden diese Gebäude dann 1860 von britischen und französischen Truppen im Zweiten Opium-Krieg zerstört, zusammen mit den Hunderten von chinesischen Pavillons, Tempeln, Gärten und Seen des kaiserlichen Parks. Ausgerechnet das bis dahin herausragendste Dokument der kulturellen Öffnung zum Westen wurde vom Westen vernichtet und führte China mit nicht zu überbietender Deutlichkeit seine Ohnmacht gegenüber dieser bis dahin mit treuherziger Großzügigkeit betrachteten Welt vor Augen.

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02.08.2008, 14:00 Uhr

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