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Tim Lobinger : Sprünge ins Ungewisse

Gewerbetreibender in Sachen Hochsprung: Tim Lobinger Bild: Andreas Müller

In Peking geht das Ein-Mann-Unternehmen Tim Lobinger an den Start. Der Stabhochspringer kämpft nicht nur um Gold, sondern auch um seine berufliche Zukunft.

          Tim Lobinger kann kompetent über Fracht und Flüge sprechen. „Man braucht das Glück, dass jemand am Flughafen gut gelaunt ist und nicht nur die normale Ladeluke öffnet, sondern eine zweite aufschraubt, ein Netz abhängt, damit die Stäbe in den Frachtraum passen“, sagt er zum Beispiel. Oder: „Die 737-500 ist die kleinste Maschine, in die die Stäbe passen. Minimallänge ist 31,50 Meter. Drunter ist es aussichtslos.“ Lobinger verfügt über die Telefonnummern einer Reihe von Experten an den Flughäfen Europas und der Fluglinien der Welt. Das ist kein Spleen. Zu den Olympischen Spielen in Peking bringt Lobinger als einer der wenigen seine eigenen Stäbchen mit. Sie sind 5,20 Meter lang, aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt, haben einen Wert von jeweils knapp 1000 Euro und stecken zu siebt in einer robusten Hülle. Er braucht sie, um seinem Beruf nachzugehen. Lobinger, 35 Jahre alt, 1,93 Meter groß und sehr muskulös, ist Stabhochspringer.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In Wirklichkeit hat der Rheinländer, der seit eineinhalb Jahren in München lebt, viele Berufe. Denn um mit dem Stab bis zu sechs Meter hoch zu springen, wie es ihm 1997 und 1999 gelang und wie er es wieder schaffen muss, um an diesem Freitag Olympiasieger zu werden, muss Lobinger nicht nur sein Training organisieren. Er muss sich um das Trainingslager kümmern, Wettkämpfe auswählen, Verträge schließen, anreisen. Der Athlet im Unterhaltungsgeschäft ist nicht mehr freischaffender Künstler, wie die Finanzämter es früher sahen, sondern Gewerbetreibender. Lobinger unterhält deshalb die Tim Lobinger Sport- und Event-Agentur, eine GbR. Was nicht sein Management „Taste One“ in Leverkusen übernimmt – die Vertragsverhandlungen mit den Veranstaltern und die Rechnungslegung –, macht der Athlet selbst.

          1800 Euro Spritgeld in einem Monat

          Da ist er mal Reisebürokaufmann, mal Logistikfachmann, mal Trainer, mal Ernährungsberater, mal Psychologe, und mal akquiriert er Sponsoren. Manchmal veranstaltet er sogar selbst Springen. Wie früher in Köln das Springen auf der Domplatte hat Lobinger im Juli auf dem Ringfest zum 850. Geburtstag Münchens ein Stabhochspringen auf die Beine gestellt. „Ein Happening mit meinen Freunden“, nennt er es. Im nächsten Jahr soll es weitergehen.

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          Wie jeder Selbständige kann Lobinger leidenschaftlich klagen. 1800 Euro hat er allein im Juni für Sprit bezahlt, für 22 Tankfüllungen. „Und da ist der Verschleiß noch gar nicht dabei!“ Reisekosten machen den Löwenanteil der Belastungen des Unternehmers Lobinger aus, zumal Veranstalter nicht nur weniger, sondern zunehmend auch pauschal bezahlen. „15.000 Dollar für einen Sieg, das ist Neunziger-Jahre-Musik“, erinnert sich der Springer. „Heute gibt es im Idealfall 5000 Dollar.“ Durch den Kursverfall ist das deutlich weniger als ein Drittel des damaligen Wertes.

          Lobinger war einer der ersten Leichtathleten, die ihr Geschäft als Unternehmen aufzogen. Als er vor fast zwölf Jahren den Sportverein Bayer Leverkusen verließ, beschäftigte er erstmals selbst einen Trainer, statt einem Trainer zu dessen Verein zu folgen. Inzwischen startet Lobinger für den SV Stadtwerke München und lässt sich von dem ehemaligen Stabhochspringer Chauncey Johnson aus Südafrika trainieren. „Was er wert ist, könnte ich gar nicht bezahlen“, sagt Athlet und Arbeitgeber Lobinger. Johnson veranstaltet Trainingslager in Südafrika, was ihm ermöglicht, für Lobinger auf Honorarbasis tätig zu sein.

          Verwöhnte Organisatoren, niedrige Prämien

          Gut ein Dutzend Wettkämpfe bestreitet Lobinger in der Hallensaison, dreißig bis vierzig über den Sommer. Im besten Fall nimmt er von einem Wettkampf in Deutschland 4000 Euro mit, einschließlich Höhenprämie, wenn es über 5,70 Meter geht, sowie Kost und Logis für Springer und Trainer an zwei Tagen. Ein verlorener Wettkampf ist ein Verlustgeschäft. Und man muss überhaupt starten dürfen. „Die Meeting-Direktoren sind so verwöhnt und ignorant, dass sie die Teilnahme erst acht Tage vor einer Veranstaltung bestätigen“, schimpft Lobinger. „Man fragt acht Wochen vorher an, dann verweisen sie auf das Bonus-System, das im Internet veröffentlicht ist. Startgeld gibt es nicht. Und eine Zusage erst sieben Wochen später.“ Früher überwies das Fernsehen den Veranstaltern fürstliche Honorare, die in Athletenverpflichtungen flossen. Heute zahlen die Veranstalter, damit das Fernsehen überhaupt überträgt. „Sponsoren und Ausrüster zahlen schlechter“, sagt Lobinger, „die Athleten verdienen schlechter.“

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