Im nordfriesischen St. Peter-Ording zieht ein neuer Geist ein. „Weg vom angestaubten Kachelambiente“, beschreibt Tourismus-Direktor Bernd Paulsen das Programm, welches das ehemalige „Kurmittelhaus“ des Nordseeheilbades vom Herbst an zum Gesundheitszentrum machen soll.
Und das liegt voll im Landestrend: Als Konsequenz aus der Gesundheitsreform der Bundesregierung streben Schleswig-Holsteins Bäder und Kurorte weg vom traditionellen „Kur“-Image und hin zur „Wellness-Adresse“.
Die Kurgäste sterben aus - dank Gesundheitsreform
Der traditionelle Kurgast ist selten geworden, seit die Gesundheitsreform greift: Um 50 Prozent ist nach Aussage des Vorsitzenden des Heilbäderverbandes, Günter Grote, der ambulante Kur- und Reha-Bereich seit Mitte der 90er Jahre eingebrochen. In St. Peter- Ording, das bis dahin gemeinsam mit Büsum Marktführer in Schleswig-Holstein war, ist der Umsatz von ehemals 2,6 Millionen Euro laut Paulsen um die Hälfte geschrumpft.
Bei den stationären Kuren in entsprechenden Kliniken dagegen hat sich nach Grotes Angaben die Lage entspannt: Auf 15 bis 20 Prozent beziffert er das Minus, und die Häuser, die den Schrumpfungsprozess überstanden haben, verzeichneten heute „eine vernünftige Auslastung“, sagt der ehemalige Kurdirektor von Büsum.
Von Kneipp zu Thalasso: Wellness statt „Anwendung“
Schleswig-Holstein ist mit einem blauen Auge davongekommen, weil hier der ganze Atemwegsbereich abgedeckt wird. Die Einrichtungen mit Schwerpunkt auf ambulanten Angeboten haben jetzt neue Märkte ins Visier genommen: Wo sich früher alles um die vom Arzt verschriebene „Anwendung“ drehte, ist heute ein Lieblingsbegriff von Ministerpräsidentin Heide Simonis in aller Munde: „Wellness“.
„Wohlfühlangebote“ richten sich an die, die eigenverantwortlich etwas für ihre Gesundheit tun wollen, erläutert St. Peter-Ordings Tourismus-Direktor. Die „Kernkompetenz“ im Bereich Medizin sei dabei ein Pfund, mit dem die Kurorte wuchern könnten - und die sie durch einen ganzheitlichen Ansatz ergänzen, betont der Vorsitzende des Heilbäderverbandes.
Erfolgsrezept: Tradition kombiniert mit Trends
In St. Peter-Ording etwa bedeutet das laut Tourismus-Direktor Paulsen, dass traditionelle Gesundheitsangebote wie Massagen, Bewegungsbäder und Schlickpackungen in entspannendem Ambiente angeboten werden, und zwar unter einem Dach mit Wellness-Einrichtungen wie Sauna-Landschaft und Freizeitfreuden im Erlebnis-Bad „Dünen-Therme“. Rund 4 Millionen Euro werden für den entsprechenden Umbau ab Herbst investiert, großzügig gefördert von der Landesregierung, wie Paulsen betont.
Auch in Büsum werden Wellness und Entspannung groß geschrieben. Dort entsteht zur Zeit ein Zentrum mit orientalischen Bädern, Schönheits- und Fitnessbereichen. Ähnliches steht seit zwei Jahren im Programm des neuen Syltness-Centers: von der Anti-Stressbehandlung über den Kraxenofen bis zum Rasul- Schlammbad. Außerdem ist in List auf Sylt ein Thalasso-Hotel mit Spezialeinrichtungen für Meereswasser-Anwendungen geplant.
Klotzen nicht kleckern: Hochkarätiges Euro-Roulette
An der schleswig-holsteinischen Ostsee dominiert das Heilbad Damp, ein Vorreiter bei der Kombination von Medizin und Touristik. 2001 wurde hier das „Therapie und Vital Centrum Damp“ eröffnet. Eingebettet ist dieses Angebot in das Damper Modernisierungsprogramm, das noch bis 2003 läuft und insgesamt rund 42 Millionen Euro kosten wird.
Doch auch die anderen Ostsee-Badeorte schlafen nicht: In Glücksburg soll statt des bisherigen Kurbetriebs ein Gesundheitszentrum für 15 Millionen Euro entstehen. Außerdem reift ein Erlebnisbad für 16 Millionen Euro heran. Bleibt zu hoffen, das die millionenschweren neuen Einrichtungen von zahlreichen Besuchern und Urlaubern angenommen werden.