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NBA Ein Schüler als neuer Michael Jordan?

 ·  Ein Basketball-Wunderkind macht Amerika verrückt: Der 18 Jahre alte LeBron James beflügelt nicht nur die Phantasien seiner Zuschauer. Sein Trainer sagt: „Ich mache mir Sorgen um den Jungen."

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Seit mehr als 22 Jahren arbeitet Terry Lyons in der New Yorker Zentrale der National Basketball Association (NBA). Ein solcher Zirkus, wie er sich derzeit um den Schüler LeBron James abspielt, ist selbst ihm neu. "Vielleicht müssen wir auch für die einheimischen Spieler eine Altersgrenze von zwanzig Jahren einführen", sagt NBA-Vizepräsident Lyons.

Am 30. Dezember ist James 18 geworden. Und wenn es nach seiner Mutter geht und seinem Stiefvater und allen, die längst das große Geld riechen, wird er im Juni als begehrtester Spieler auf dem Markt der Neuprofis (NBA-Draft) gehandelt. Daß der Junge aus Akron in Ohio genug Talent hat, darin sind Berater und Beobachter einig. Er kann fliegen wie der junge Michael Jordan, er kann passen wie der magische Earvin Johnson, er hat Spielintelligenz wie der legendäre Larry Bird. Böse Zungen behaupten, einige NBA-Teams verlören bereits absichtlich, weil sie auf das Zugriffsrecht für LeBron James spekulieren; die schlechteste Mannschaft hat beim NBA-Draft die erste Wahl.

Für fünf Millionen Dollar versichert

Bis zum Juni ist noch eine lange Zeit, aber schon jetzt schießen die Angebote für den jungen Mann in atemraubende Höhen. Der Versicherungswert seines 2,03 Meter langen und 109 Kilogramm schweren Körpers beträgt fünf Millionen Dollar. Für die Live-Übertragungen der Spiele seiner Schulmannschaft verlangt das lokale  Bezahlfernsehen 7,95 Dollar pro Partie. Im Dezember strahlte der Sportsender ESPN erstmals seit 13 Jahren wieder ein High-School-Spiel aus, weil die ganze Nation das Wunderkind sehen wollte.

Es ist beinahe unmöglich, hinter all den Fanfaren noch den Jungen selbst zu erkennen. Seine Mutter war 16, als sie mit ihm schwanger wurde. Der Vater tauchte erst wieder auf, als er absehen konnte, daß sein Sohn demnächst Millionen verdient. Gloria Marie James lebte von Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe und gab ihren Sohn zwei Jahre lang zu einer Pflegefamilie, weil sie sich außerstande sah, sich um ihn zu kümmern.

Für Basketball interessiert sie sich erst, seit sie erkannte, wie gut ihr Sohn zu werden verspricht. Seitdem aber hat sie keine Partie mehr verpaßt. Zu seinem 18. Geburtstag schenkte sie ihm einen "Hummer", einen 50.000 Dollar teuren Geländewagen. Danach ermittelte die Schule, weil sie einen Verstoß gegen die Amateurregeln witterte.

Zwangspause - und dann gleich 52 Punkte

Kaum war diese Untersuchung ergebnislos abgeschlossen, entstand neuer Wirbel, weil James signierte Trikots ehemaliger Sport-Stars als Gegenleistung für ein Gruppenfoto mit dem Personal eines Sportgeschäfts in Cleveland akzeptierte. Zunächst sperrte ihn seine Schule für den Rest der Saison, weil nur Geschenke im Wert bis zu 100 Dollar erlaubt sind. Doch James' Anwalt erreichte, daß sein Mandant nur zwei Partien aussetzen mußte. James bedankte sich auf seine Weise: Im ersten Spiel nach seiner Zwangspause erzielte er 52 Punkte.

Doch die Verlockungen außerhalb des Feldes werden nicht geringer. Adidas-Repräsentant Sonny Vaccaro bedenkt LeBron James mit Shirts und Trikots und Pullovern und allem, was seine Firma so produziert. Natürlich gibt es längst einen LeBron-James-Basketballstiefel mit drei Streifen. In Giftgrün, der Farbe von James' katholischer High School "St. Vincent-St. Mary". Adidas-Konkurrent Nike wittert ebenfalls ein Riesengeschäft.

Sein Trainer Dru Joyce II gehört zu den wenigen Mahnern in dem überhitzten Business: "Alle erwarten, daß LeBron direkt in die NBA geht und sie sofort dominiert, aber Kobe Bryant hat drei Jahre dafür gebraucht. Ich mache mir Sorgen um den Jungen."

Der LeBron-James-Starkult hat in Amerika die Debatte um ein Mindestalter für Profisportler aufleben lassen. Kritische Stimmen wie die von Lyons sind eher selten. Und auch er selbst ist von dem Gedanken eines Alterslimits nicht wirklich überzeugt. "Stellen wir uns vor, James wäre kein Basketballer, sondern Wunderkind, das das Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle mit geschlossenen Augen perfekt kopieren könnte", sagt Lyons, "wer würde dann schon darauf bestehen, daß es erst eine Kunsthochschule abschließt?"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2003, Nr. 72 / Seite 40
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