12.02.2009 · Leidenschaft, Dynamik und Tempo, das bekamen die Fans der deutschen Fußballelf oft zu sehen. Diese Zeit ist leider vorbei. Weil nur getestet wird, kosten die Niederlagen keine Punkte. Sie kosten Freude. Doch das ist schade genug.
Von Michael HoreniFebruar 2009, die erste Niederlage gegen Norwegen seit 73 Jahren. Da kann man nach dem 0:1-Kaltstart in der frühsommerlich überdachten Düsseldorfer Stadionluft auch mal tief in die historische Fußballkiste greifen. Also: Der bis heute nachwirkende Respekt vor dem deutschen Fußball stammt aus einer Zeit, in der Eventkultur und Komfortarenen noch Fremdworte waren.
Schlecht spielen und trotzdem gewinnen war das Motto des geheiligten deutschen Ergebnisfußballs, mit dem die Spieler in DFB-Grün die Welt verblüfften und erschreckten. Jahrzehntelang ging das gut, meistens jedenfalls. Dann kam die Zeit, in der aus schlechten Spielen auch schlechte Ergebnisse wurden. Die Trainer mussten immer schneller gehen, bis sich ganz allmählich die Ahnung ausbreitete, dass man doch etwas verändern müsse im Land der dreimaligen Weltmeisters, das über Generationen nur einem Grundsatz gefolgt war: weiter so.
Norwegens Trainer hat die deutsche Schwäche erkannt
Joachim Löw war vom ersten Tag an dabei, als sich die Nationalmannschaft vor knapp fünf Jahren auf ihre Abenteuerreise machte. Deutsche Spiele verwandelten sich in Erlebnisse, anfänglich mit ungewissem Ausgang, aber dann zu regelmäßigen, aufregenden Erfolgen. Die Zuschauer freuten sich auf jede Partie der Nationalmannschaft, weil man dort von der ersten Minute an zu sehen bekam, was in der Liga so oft fehlte: Leidenschaft, Dynamik und Tempo. Diese Zeit ist leider vorbei.
Der norwegische Trainer Olsen sagte nach dem überraschenden und verdienten Sieg, dass er sich die letzten deutschen Spiele genau angesehen und dabei eine Schwäche sehr genau erkannt habe: Die Deutschen kämen nur langsam in Gang, sie fänden ihren Rhythmus spät. An dieser Beobachtung ist einiges dran. Der Zauber des Anfangs (des Spiels) ist schon länger verflogen, von dem Joachim Löw einst sagte, er könne schon nach wenigen Minuten am engagierten und konzentrierten Verhalten der Spieler erkennen, dass es ein schöner Abend werde.
Als noch Eroberergeist das deutsche Team durchwehte
Das vom Bundestrainer nach der WM 2006 als „goldene Generation“ geadelte Team hat bei seinem Reife- und Veränderungsprozess seit gut einem Jahr an Frische verloren. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es dafür an Souveränität gewonnen hätte. Das 0:1 gegen Norwegen bedeutete nach dem 1:2 gegen England nun schon die zweite Heimniederlage in einem Testspiel nacheinander, und gegen das Eingeständnis von Philipp Lahm, in solchen Partien zehn Prozent weniger zu leisten, gibt es derzeit für den Bundestrainer offenkundig auch kein Mittel.
Das war schon mal anders, als Eroberergeist das Team durchwehte, das sich aber trotzdem auf Platz zwei der internationalen Bestenliste wiederfindet, weil nämlich die Ergebnisse im Ernstfall durchweg stimmen, wenn es bei Turnieren und in der Qualifikation darauf ankommt. Es ist schwer zu sagen, ob der Trend zurück zum Ergebnisfußball einen dauerhaften Rückschritt bedeutet. Denn bisher kosten Selbstzufriedenheit und die Rückkehr des Kosten-Nutzen-Kalküls weder Erfolge noch Punkte. Sie kosten Freude. Das ist schade genug.