17.06.2004 · Die Mannschaft will so spielen wie gegen die Holländer, der Teamchef aber wird gegen Lettland den Angriff stärken. Erster Kandidat als zweiter Stürmer ist Fredi Bobic.
Rudi Völler wird gegen den Willen der Mannschaft das Erfolgssystem vom EM-Auftakt ändern: Der DFB-Teamchef rückt nach dem 1:1 gegen die Niederlande im zweiten Vorrundenspiel bei der Europameisterschaft am Samstag in Porto gegen Lettland (FAZ.NET-Spezial Euro 2004) von seiner Defensivtaktik ab und bringt einen zweiten Angreifer. Die besten Chancen auf den vakanten Platz im Sturm neben Kevin Kuranyi hat der Berliner Fredi Bobic, der Bremer Frank Baumann wäre das „Opfer“.
„Wir werden mehr in Ballbesitz sein, deshalb müssen wir mehr nach vorne und offensiver spielen. Es wird eine zweite Sturmspitze reinkommen“, kündigte Völler entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten am Donnerstag bereits zwei Tage vor dem Spiel gegen die Letten an. Auf einen Namen wollte er sich allerdings noch nicht festlegen, sagte aber immerhin: „Fredi Bobic ist derzeit in guter Verfassung.“ Miroslav Klose, WM-Held von 2002, Thomas Brdaric und Lukas Podolski bliebe wiederum nur ein Platz auf der Ersatzbank.
Völler mahnt zur Besonnenheit
Gleichzeitig war der Teamchef am Tag vor dem Abflug nach Porto bemüht, die aufkommende Begeisterung, die bereits Formen wie vor zwei Jahren während der WM annimmt, zu bremsen. „Es ist ja schön, wenn in der Heimat alle mit uns zufrieden sind und man wieder an uns glaubt. Aber es geht nicht von alleine“, warnte Völler, der auch das Gerede vom Mythos Turniermannschaft langsam nicht mehr hören kann: „Darauf darf man sich nicht verlassen.“
Vielmehr nahm der 44jährige seine Stars vor dem zweiten EM-Auftritt gegen die vermeintlich schwächeren Letten, die zum Auftakt gegen Tschechien 1:2 verloren hatten, in die Pflicht. „Wir sind nicht der Typ Mannschaft, der einen Gegner nur mit 80 oder 90 Prozent schlagen kann“, betonte Völler und ergänzte: „Wir sind absolut gefordert. Nur mit spielerischen Mitteln wird es auch diesmal nicht gehen.“ Bei erwarteten Temperaturen von über 30 Grad um 17 Uhr Ortszeit sei das Spiel ohnehin „eine Willensfrage. Da ist Charakter gefragt, bis an die Grenzen zu gehen, wenn es richtig heiß ist“.
„Man darf sich nicht täuschen lassen“
War die Vorbereitung gegen die Niederlande für das Trainerteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) fast ein Selbstläufer, müssen Völler und Co. den Spielern nun immer wieder klarmachen, den 53. der Weltrangliste nicht zu unterschätzen. „Man darf sich nicht täuschen lassen. Die Letten sind nicht umsonst hier“, sagte der Teamchef und verbat sich Rechenspiele in Richtung Tordifferenz: „Es wäre fatal, davon zu sprechen. Wir müssen erst einmal gewinnen.“
Dafür baut Völler auch das System um. Während sich Kuranyi, gegen die Niederlande Alleinunterhalter im deutschen Angriff, über die Entscheidung von Völler freute, dürften Kapitän Oliver Kahn und Co. nicht gerade begeistert sein. Vor allem der Keeper hatte sich nach dem 1:1 gegen Holland für die Beibehaltung der Defensiv-Taktik ausgesprochen. Dies sei „unser Spiel. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern“. Auch Routiniers wie Dietmar Hamann oder Christian Wörns hatten die Vorzüge mit nur einem Angreifer herausgestellt.
„Da ist noch Luft nach oben“
Double-Gewinner Frank Baumann, der gegen die Niederlande nicht vollauf überzeugen konnte, wollte seine „Ausbootung“ am Donnerstag noch nicht wahr haben. „Ich muß die Entscheidung des Teamchefs akzeptieren. Ich bin aber optimistisch, daß ich auch gegen Lettland spiele“, sagte der Bremer Kapitän.
Größere Chancen auf einen Einsatz hat im Gegensatz zu Baumann der 19 Jahre junge Bastian Schweinsteiger. Der Mittelfeldspieler von Bayern München sitzt dem etablierten Leverkusener Bernd Schneider nach seinem frechen Auftritt gegen die Niederlande im Nacken. Gegen Lettland wird er abermals als Joker erste Wahl sein. „Mit seiner Unbekümmertheit ist er sehr wichtig. Er deutet im Training immer wieder seine fußballerischen Fähigkeiten an“, lobte Völler, warnte aber auch wie bei seinen anderen Youngstern wie Philipp Lahm (20) vor zu hohen Erwartungen: „Man darf das Alter der Jungs nicht vergessen. Da ist noch Luft nach oben.“
Die voraussichtliche deutsche Mannschaftsaufstellung am Samstag gegen Lettland:
Oliver Kahn - Arne Friedrich, Christian Wörns, Jens Nowotny, Philipp Lahm - Dietmar Hamann - Bernd Schneider, Michael Ballack, Torsten Frings - Kevin Kuranyi, Fredi Bobic.