16.06.2005 · Da konnte Klinsmann noch so sehr die amerikanische Kraft des positiven Denkens bemühen, der Zweifel an der Tauglichkeit des deutschen Abwehrverbunds ließ sich nicht vertreiben. Die deutsche Elf hat das Mauern verlernt.
Von Michael HoreniNach dem Schlußpfiff herrschte eine seltsame Stille im Stadion. Die Zuschauer jubelten nur für einen kurzen Augenblick, und die meisten deutschen Spieler standen verdutzt auf dem Rasen und suchten das Gespräch miteinander. Dabei vergaßen sie sogar den rituellen Gang zu ihren Fans, um sich für deren Unterstützung zu bedanken.
Die Deutschen trotteten stattdessen nach ein paar Minuten des Selbstfindungsprozesses in Richtung Kabine, begleitet nicht vom Applaus, sondern allein von stummer Ratlosigkeit. 4:3 hatten sie zwar ihre Auftaktbegegnung gegen Australien in einer unterhaltsamen Begegnung gewonnen, doch die drei Gegentreffer und die bangen Momente in der Nachspielzeit, als die Australier nach ihrem dritten Tor auch noch auf den Ausgleich drängten, hatten ihre defätistische Wirkung auf Mannschaft und Fußballvolk nicht verfehlt.
"Wer so viele Tore kassiert, kriegt auf Dauer Probleme"
Da konnte der Bundestrainer nach dem Schlußpfiff noch so sehr die amerikanische Kraft des positiven Denkens bemühen, der Zweifel an der Tauglichkeit des deutschen Abwehrverbunds als Grundlage für erfolgreiche Tage im Confederations Cup ließ sich nicht vertreiben. Kapitän Michael Ballack machte daher auch gar keinen Hehl mehr aus der offenkundigen Schwäche und den Konsequenzen, die eine nur bedingt verteidigungsbereite deutsche Mannschaft noch zu gegenwärtigen hat, falls ihr nicht schleunigst die sicherheitspolitische Wende in den Gruppenspielen gegen Tunesien und Argentinien gelingt. "Wir haben teilweise sehr gut nach vorne gespielt, aber im Rückwärtsgang genauso viele Fehler gemacht. Das müssen wir abstellen", sagte Ballack, "wer so viele Tore kassiert wie wir in letzter Zeit, der kriegt auf Dauer Probleme."
Auch Oliver Kahn war restlos bedient am Abend seines 36. Geburtstags. "Für einen Torwart war es ein grausames Spiel", sagte Kahn, der im Kabinentrakt mit blutender Wunde unter dem Auge seinem Ärger über einen Abend als hilfloser und am Ende auch noch verletzter Statist lautstark Luft gemacht hatte. "Da stehst du rum und holst die Bälle aus dem Netz - das ist auch eine Beschäftigung", sagte er am nächsten Morgen mit einer gehörigen Portion Sarkasmus über einen Sieg, der auch im Mannschaftskreis nur ein einziges Thema kannte: die Krise des deutschen Stabilitätspakts.
„Die gesamte Mannschaft steht in der Verantwortung"
Schon beim Testspiel gegen den FC Bayern (2:4) und danach bei den Länderspielen in Nordirland (4:1) und gegen Rußland (2:2) hatte das deutsche Team erhebliche Sicherheitslücken aufgewiesen. Die Hoffnung allerdings, sie bis zum Confederations Cup schließen zu können, trog gewaltig. Nach den drei Gegentoren von Skoko (21. Minute) und Aloisi (31. und 90.), die zum deutschen Glück Kuranyi (17.), Mertesacker (23.), Ballack (60., Foulelfmeter) und Podolski (88.) mehr als nur ausgleichen konnten, standen die deutschen Abwehrspieler auch nach dem Spiel unter Verteidigungszwang.
Aber ganz so einfach, das deutsche Sicherheitsrisiko nur beim jungen Viererkettchen Friedrich, Mertesacker, Huth und Hitzlsperger zu verorten, machten es sich die Deutschen nicht mehr. Der künftige Stuttgarter Hitzlsperger, bei Aston Villa mit der Viererkette bestens vertraut, erweiterte die Diskussion schon unmittelbar nach dem Spiel: "Es ist sehr einfach, die Abwehr zu kritisieren. Aber die gesamte Mannschaft steht in der Verantwortung."
Koordinierungsschwäche zwischen den Mannschaftsteilen
Der Hinweis auf die Gesamtverantwortung des Personals war mehr als nur eine rhetorische Schutzfigur. Er benannte tatsächlich einen Teil des deutschen Defensivproblems - und auch den Ansatz zu seiner möglichen Lösung. "Vielleicht müßten die Mittelfeldspieler auch mal helfen", sagte er in süßsaurem Tonfall über die erhebliche Koordinierungsschwäche zwischen den Mannschaftsteilen. Am nächsten Tag war Hitzlspergers Haltung deutsches Allgemeingut.
Die Zentralstelle im deutschen Verteidigungsausschuß gab zudem ein viel facettenreicheres und eben nicht nur tiefschwarzes Bild ab, als es drei Gegentore und ein halbes Dutzend brenzliger Momente vermuten ließen. Innenverteidiger Mertesacker etwa bot eine imponierende und individuell nahezu fehlerlose Leistung - wie schon seit Wochen und Monaten. Hinzu kam diesmal auch noch sein herrlicher Treffer zum 2:1, der auch seine offensiven Qualitäten aufscheinen ließ. "Per spielt auf dieser Position hervorragend", sagte der in Sicherheitsfragen äußerst sensible Kahn. Auch Friedrich auf der rechten Seite hatte neben seinen Schwächen starke Momente wie in der 60. Minute, als er nach einem dynamischen Antritt und Angriff erst im Strafraum durch ein Foul gestoppt wurde, das zum Elfmetertor durch Ballack führte. In der ersten Halbzeit hatte auch schon Kuranyi von dem Berliner profitiert, als er dessen Torschuß den Weg mitten ins Ziel wies.
Trotz netter Worte: Schwere Zeiten für Huth
Weit weniger gute Argumente in eigener Sache hatte Innenverteidiger Huth zu liefern, der nach seinem famosen Start in der Nationalelf nun immer wieder mit sich und seinen Gegnern schwer zu kämpfen hat. Nicht nur der Bundestrainer erkennt, daß Huth als Ersatzmann bei Chelsea der "Rhythmus" abhanden gekommen ist. "Daß er hier und da Fehler macht, ist klar. Wir wissen aber, was er für ein Potential hat", sagt Klinsmann. Aber daß Huth angesichts mangelder Spielpraxis in England seinen Platz einbüßen könnte, klang bei Klinsmann auch trotz netter Worte durch. "Robert hat ein schweres Jahr vor sich. Wir hoffen, daß sein Weg weiter nach oben führt." Der Wunsch in der Nationalmannschaftsführung, daß der Dortmunder Metzelder nach seiner Verletzung wieder zurückfindet, ist derzeit jedenfalls größer denn je. Aber zumindest beim Confederations Cup gibt es für den Bundestrainer keine Hoffnung auf personelle Verstärkungen. Klinsmann nimmt es mit Humor: "Wir kriegen keinen Sponsor mehr aus der Betonbranche."