Home
http://www.faz.net/-gtl-p6or
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nationalmannschaft „Den Laden ausmisten“: Bierhoff und Klinsmann stehen bereit

16.07.2004 ·  Die beiden früheren Kapitäne der Nationalmannschaft haben ihre Bereitschaft bekräftigt, dem neuen Bundestrainer zur Seite zu stehen. Allerdings seien massive Veränderungen nötig.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff stehen bereit, um das schlingernde deutsche Fußball-Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Die beiden ehemaligen Kapitäne der Nationalmannschaft kündigten an, daß sie für Gespräche mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) offen seien.

„Ich sage gerne: Ich bin bereit, mich für diese Sache zu engagieren“, erklärte Klinsmann in der Stuttgarter Zeitung. Der 39 Jahre alte Wahl-Amerikaner ist ebenso wie der drei Jahre jüngere Bierhoff für den bislang nicht existenten Posten des Managers der Nationalmannschaft oder DFB-Sportdirektors von führenden Köpfen des deutschen Fußballs wie Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, aber auch dem designierten Geschäftsführenden DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger vorgeschlagen worden.

„Schutzschilder für uns alle“

„Ich würde es für sinnvoll halten, solche Persönlichkeiten in die Arbeit miteinzubinden. Auch als Schutzschilder für uns alle brauchen wir um die Nationalmannschaft herum Leute, die aus dem Profibetrieb kommen“, sagte Zwanziger. Während sich die sogenannte Trainerfindungskommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nach wie vor schwer tut, einen Nachfolger für Rudi Völler zu präsentieren, werden also offensichtlich parallel dazu bereits Lösungen gesucht, wie man dem künftigen Bundestrainer den Rücken freihalten kann.

„Ich kenne diesen Gedankenspiele aus der Zeitung. Mit mir hat aber noch niemand gesprochen. Ich denke, die müssen erst einmal einen Trainer finden und werden sich erst dann mit den anderen Dingen befassen“, sagte Bierhoff, der sich trotz seiner diversen anderen Verpflichtungen einen Job beim DFB grundsätzlich vorstellen kann.

„Ich könnte mir prinzipiell vorstellen, mit Jürgen in diesem Bereich zu arbeiten. Aber zunächst muß man eine präzise Stellenbeschreibung festlegen. Ich glaube zwar im Moment nicht, daß er die USA verläßt, aber er wird den DFB sicherlich unterstützen, wenn vielleicht auch nur beratend. Ich werde ihn die Tage mal anrufen, um mir seine Vorstellungen anzuhören“, sagte Bierhoff .

„Wir brauchen dringend eine Struktur-Reform“

Klinsmann selbst sieht den Gesamtzustand des deutschen Fußballs äußerst kritisch: „Wir sind kurz davor, auf internationaler Ebene den Anschluß zu verpassen. Aber das darf nicht passieren. Wir brauchen jetzt dringend eine Struktur-Reform“, sagte der Welt- und Europameister und ergänzte in der Süddeutschen Zeitung: „Im Prinzip muß man den ganzen Laden auseinandernehmen.“

Der 108malige Nationalspieler hat auch konkrete Vorschläge, wie man die Misere dauerhaft beenden kann: „Es sollte einen Workshop geben. Drei, vier Leute von Verband und Liga, einer vom WM-OK, drei, vier Top-Trainer und drei, vier Top-Manager der Bundesliga. Und die müssen es mal richtig krachen lassen. Im Moment ist es so, daß jeder um den heißen Brei herumredet und jeder denkt, wenn wir jetzt schnell einen Nationaltrainer präsentieren, dann ist der Druck weg. Dann haben wir uns wieder rausgemogelt.“

Um diese Mogelpackung zu verhindern, fordert Klinsmann weitreichende Änderungen: „Die gesamte Trainingslehre des DFB muß dringend reformiert werden. Die Nationalmannschaft ist ja nur das Aushängeschild. Man muß alles darunter bis in die Jugend durchleuchten. Uli Hoeneß hat mal Bayern München von einer Unternehmensberatung durchleuchten lassen, um herauszufinden, was man besser machen kann. So muß es jetzt beim DFB auch sein. Man schaut, wo es nicht paßt, und dann muß man Leute suchen, die das ändern können. Dies Leute gibt es.“
Klinsmann fordert „Zehnjahresplan“ - mindestens

Die Installation eines Nationalmannschaftsmanagers - „Das kann Bierhoff sein oder auch Andy Köpke“ - wäre für Klinsmann bei der Vielzahl von Problemem deshalb auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Es ist nicht damit getan, einen Manager zu finden und irgendwann auch einen Trainer zu finden.“

Dabei geht es dem Weltmeister von 1990 nicht nur um die kommenden knapp zwei Jahre bis zum WM-Start in Deutschland: „Zwei Jahre sind nur der Anfang. Aber man muß ja irgendwann mal loslegen. Das muß langfristig geplant werden, da muß mindestens ein Zehnjahresplan entwickelt werden. Aber viele beim DFB haben die Einstellung: Hauptsache, ich bin bei der WM 2006 noch im Boot. Danach bekommen wir für mindestens 30 Jahre ohnehin keine Großveranstaltung mehr.“

Dabei nimmt der WM-Botschafter auch die künftige Doppelspitze des DFB mit den beiden Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und Zwanziger in die Pflicht: „Die Frage ist, inwieweit die Herren - in diesem Fall Herr Mayer-Vorfelder und Herr Zwanziger - inwieweit diese Herren offen sind. Oder ob sie nur eine schnelle Lösung suchen, damit sie bis 2006 aus dem Schneider sind.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1