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Nachruf Helden der Herzen

14.08.2003 ·  Zum Tod der Fußball-Idole Helmut Rahn und Lothar Emmerich, für die Zeit ihres Lebens galt: Ein Mann, ein Tor.

Von Roland Zorn
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Ein Mann, ein Tor: Helmut Rahn mußte danach immer wieder den Moment seiner Karriere schildern, da aus dem Essener Rechtsaußen ein Held aus der Mitte des Volkes, später sogar eine Legende geworden war. Es schlug die 84. Minute des Endspiels um die Fußball-Weltmeisterschaft 1954, und es stand 2:2 zwischen dem Außenseiter Deutschland und dem Favoriten Ungarn, da rauschte Rahn heran.

Wie, das hat damals Herbert Zimmermann so einfach und eindringlich geschildert, daß die Reportage des Hörfunkreporters auch Jahrzehnte später ein Monument erlebter Zeitgeschichte geblieben ist: "Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen. Rahn schießt! Tor! Tor für Deutschland! Deutschland führt 3:2!" Und wird mit diesem Ergebnis Weltmeister.

Immer wieder die Frage: Wie war das mit dem Tor?

Geboren war das "Wunder von Bern", gefeiert wurden dessen Protagonisten. Vorneweg der "Boß" Helmut Rahn, der "Chef", Bundestrainer Seppl Herberger, und natürlich der Kapitän, Fritz Walter. Dieser im nachhinein funkelnde, am Sonntag der Entscheidung aber völlig verregnete 4. Juli 1954 gehört seitdem zu den wenigen deutschen Mythen der Nachkriegszeit. Und Helmut Rahn zu den Hauptfiguren eines Endspiels, das den Wiederaufstieg der Deutschen in den Kreis der weltweit respektierten Länder besser als jede andere Episode illustrierte.

Rahn selbst hat danach immer wieder in seinen Essener Stammkneipen erzählen müssen, wie er einen von den Ungarn abgewehrten Ball erlief, den Gegenspielern bei seinem Solo entlang des Strafraums davonstürmte und dann freie Schußbahn fand, um per Vollspann mit links "abziehen" und so den ungarischen Torhüter Grosics bezwingen zu können.

Ein Mann, ein Tor: Auch Lothar Emmerich, den alle Welt "Emma" nannte, wurde zeit seines Lebens immer wieder auf ein Tor, ein "Geistertor" angesprochen. Der Dortmunder, ein mitteilsames Kind des Ruhrgebiets wie Rahn in seinen besten Jahren, spielte nur fünfmal für Deutschland, aber einmal, im Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft 1966 in England, schoß er ein "Tor für die Ewigkeit": gegen Spanien, als er fast von der Grundlinie aus den Ball nicht in den Strafraum flankte, sondern diagonal unter die Latte des spanischen Tors wuchtete. Dank Emmerichs geglücktem Versuch, das Unmögliche zu wagen, siegten die Deutschen, die später mit dem Angreifer von Borussia Dortmund WM-Zweite wurden, 2:1.

Eine Fußball-Ikone und ein Fußball-Idol im Revier

Rahn und Emmerich sind in der Nacht zum Donnerstag, der eine im Alter von 73, der andere im Alter von 61 Jahren in ihren Geburtsstädten nach jeweils schweren Krankheiten gestorben. Die beiden, der eine eine deutsche Fußball-Ikone, der andere ein Fußball-Idol im Revier, verkörperten glaubwürdig und volksnah die heutzutage rare Spezies des mit sich und seinen Möglichkeiten im reinen gebliebenen Athleten. Mag sich der Hallodri Rahn auch ein paar alkoholische Eskapaden während seiner Laufbahn geleistet haben, so blieb der eigenwillige, nicht immer mannschaftsdienlich handelnde Außenstürmer doch jederzeit ein Mann von der Basis dieses von den Massen geliebten Sports.

Rahn spielte vierzigmal für Deutschland, schoß dabei 21 Tore - vier während der WM 1954, sechs bei der WM 1958 in Schweden -, verhalf seinem Heimatverein Rot-Weiß Essen 1955 zur deutschen Meisterschaft und trug mit acht Treffern seinen Teil zum zweiten Platz des Meidericher SV im Gründerjahr der vierzig Jahre alten Bundesliga bei. Rahn gebührte zudem die zweifelhafte Ehre, als erster Bundesliga-Vertragsspieler am vierten Spieltag der Saison 1963/64 nach einem groben Foul vom Platz gestellt worden zu sein.

Eigentlich aber war der "Boß" ein liebenswertes Enfant terrible, einer, der nicht viel Aufhebens von sich machte. Dabei war oft genug er es, der seinen ungleich sensibleren Zimmergenossen in der Nationalmannschaft, Fritz Walter, immer wieder aufmunterte. Walters Geniestreiche bereitete Rahn so manches Mal mit seiner unkomplizierten Haltung - wo ist das Problem? - vor. Auch deshalb hatte Herberger einen Narren an dem Essener Solisten gefressen, der zu Beginn des WM-Turniers in der Schweiz noch im Schatten des mannschaftsdienlichen Schalker Balltechnikers Bernie Klodt gestanden hatte. Am Ende hatte sich der "Boß" so eindrucksvoll durchgesetzt, daß ihn der "Kaiser", Franz Beckenbauer, postum mit dem Satz würdigte: "Rahn hat eine ganze Epoche bestimmt zusammen mit Fritz Walter."

Rahn wurde wieder zum Privatmann

Nachdem der auf dem Platz unwiderstehliche Stürmer 1965 seinen Rücktritt erklärt hatte, zog er sich von Jahr zu Jahr mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Den immer stärker zum Showbusiness und Geschäftsbetrieb mutierten Fußball mochte er nicht. Wichtigtuereien halbprominenter Kicker über alle Kanäle des Fernsehens verachtete der gelernte Autoelektriker, der wieder zum Privatmann geworden war. Nur im Kreis der anderen "Helden von Bern" ließ er sich zuzeiten blicken, und das manchmal nur, weil ihn Fritz Walter dazu überredet hatte. "Er war für mich während unserer aktiven Zeit immer ein echter Freund", hat Ottmar Walter gesagt, als er die Todesnachricht erfuhr. Fritz Walters Bruder, sein früherer Kaiserslauterer Mannschaftskamerad Horst Eckel und der Kölner Linksaußen Hans Schäfer sind die drei Weltmeister aus der Elf des Endspiels von 1954, die als Letzte die Erinnerung an einen der großen deutschen Momente wachhalten wollen.

Lothar Emmerich blieb anders als Rahn, obwohl längst schwer gezeichnet, bis kurz vor seinem Tod ein Fußball-Aktivist. Gemeinsam mit seinem früheren Mannschaftskameraden bei Borussia Dortmund, Alfred ("Aki") Schmidt, betreute er die Fanklubs des BVB. Mit der Herzlichkeit und direkten Ansprache, die den Menschen im Ruhrgebiet eigen ist. Emmerich war wie Rahn ein Mensch, der aus dem vollen schöpfen und wie in einem Bilderbuch ein Histörchen nach dem anderen aus seinem Profileben Revue passieren lassen konnte. Wo immer "Emma" redete, wurde viel gelacht. Der Mann kam wie in seinen Berufsjahren als Linksaußen unvermittelt zur Sache.

Mythen sterben einsam

1965 und 1966 wurde der einst von Max Merkel entdeckte Angreifer Torschützenkönig der Bundesliga. Die 31 und 28 Treffer aus seinen goldenen Jahrgängen trugen zu den 115 Toren bei, die der gelernte Autoschlosser in gerade sechs Bundesliga-Jahren schoß. Auf dem Weg zum ersten Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft, dem Dortmunder Triumph im Pokalsiegerwettbewerb 1966, erzielte Emmerich 14 Tore - beim 2:1 im Endspiel über den FC Liverpool allerdings waren seine Kollegen Held und Libuda - mit einer unvergeßlichen "Bogenlaterne" - erfolgreich.

Lothar Emmerich hat sich nach seinen Jahren in der Frühzeit des deutschen Profifußballs noch in Belgien (beim AC Beerschot) und in Österreich (bei Austria Klagenfurt) sowie in der deutschen Fußballprovinz (unter anderem in Schweinfurt und Würzburg) verdingt, ehe er als Trainer mit mäßigem Erfolg sein Glück versuchte.

Daheim war Emmerich, der mit 49 Jahren noch den seltenen Beruf des Kanaluntersuchers erlernte, erst wieder, als er nach Dortmund zurückkehrte. Dort haben sie ihr niemals wehleidiges Idol bis zuletzt geliebt; in Essen ließ sich unterdessen der längst schwerkranke Helmut Rahn nur noch ganz selten in seiner Eckkneipe im Stadtteil Frohnhausen blicken. Rahn war ja schon längst Legende und deshalb nicht mehr in der Pflicht, über sich und "sein" Jahrhunderttor für Deutschland zu erzählen. Da er sich immer weniger verstanden glaubte, hatte sich Helmut Rahn schon zu Lebzeiten von den Menschen verabschiedet. Mythen sterben einsam.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2003 / Nr. 187
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