10.03.2004 · Im Schmiergeldskandal um den Bau des neuen Münchner Fußballstadions haben die Ermittler das Vermögen des „Löwen“-Präsidenten Wildmoser sperren lassen. Der beteuert seine Unschuld, läßt aber sein Amt ruhen. In der Politik kursieren Namen möglicher Nachfolger.
Im Korruptionsskandal um den Bau des neuen Münchner Fußballstadions sieht die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe nach weiteren Ermittlungen und ersten Vernehmungen „erhärtet“. Der Präsident des Fußballklubs TSV 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser, und sein Sohn waren am Mittwoch weiter in Untersuchungshaft, wie die Behörde mitteilte.
Die beiden Männer sollen Schmiergeld bei der Vergabe des Baus erhalten haben. Die Vorwürfe konzentrieren sich aber offenbar auf Wildmoser junior. Derweil mehrten sich Sorgen, daß die Affäre die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland belasten könne.
In den Vernehmungen sei eher Wildmoser junior belastet worden, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld. Von einer Entlastung des Vaters könne aber nicht gesprochen werden. Laut Münchner „Abendzeitung“ soll ein mutmaßlicher Strohmann ausgesagt haben: „Der alte Wildmoser wußte von nichts - und durfte auch von nichts wissen.“
Oberstaatsanwalt Schmidt-Sommerfeld sagte dagegen, es gebe ausreichend Anhaltspunkte dafür, daß Wildmoser senior durchaus Dinge gewußt und diese bewußt unterstützt habe. Er habe nach seiner Verhaftung die Vorwürfe zurückgewiesen, sich zur Sache aber nicht geäußert. Sein Anwalt Steffen Ufer sagte, daß sein Mandant in wenigen Tagen rehabilitiert sein werde. Wildmoser junior wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Mittwoch mehrere Stunden lang vernommen. Er habe umfangreiche Angaben gemacht, die jedoch noch überprüft und bewertet werden müssten.
Ermittler haben inzwischgen das Vermögen der Wildmosers sperren lassen. Zur Höhe des gesperrten Vermögens machte das bayerische Innenministerium am Mittwoch in München keine Angaben. Dabei könne es sich sowohl um Barvermögen als auch Immobilien und andere Werte handeln, sagte der kommissarische Leiter des Bayerischen Landeskriminalamts, Johann Georg Koch.
Wilmoser junior als Hauptverdächtiger
Wildmosers Sohn Karl-Heinz junior, den die Staatsanwaltschaft für den Hauptverdächtigen in der Bestechungsaffäre hält, wurde am Mittwoch vernommen. Über den Inhalt konnte Schmidt-Sommerfeld zunächst keine Angaben machen, der Beschuldigte sei jedoch aussagebereit. Die Ermittlungen liefen weiter gegen die beteiligte Baufirma Alpine, derzeit gebe es jedoch noch keine Festnahmen.
Wildmoser senior läßt wegen der Vorwürfe seine Vereinsämter ruhen. „Er möchte sein Lebenswerk - den TSV 1860 München - im Moment nicht belasten“, erklärte sein Anwalt Steffen Ufer laut Münchner Tageszeitung „tz“. Unterdessen wird über die Nachfolge Wildmosers an der Vereinspitze des TSV 1860 spekuliert. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) brachte den früheren bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair ins Gespräch. Der CSU-Politiker ist Mitglied des Verwaltungsrats bei den „Löwen“. Auch der Name des früheren CSU-Vorsitzenden und Bundesfinanzministers Theo Waigel wird genannt. Der FC Bayern schaltete inzwischen einen Rechtsanwalt ein, der prüfen soll, ob dem Deutschen Rekordmeister durch die Korruptionsaffäre Nachteile entstanden sind.
Verdacht der Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung
Die Wildmosers waren mit zwei weiteren Personen am Dienstag in München festgenommen worden. Grund für die Haftbefehle ist der Verdacht der Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Neubau des Münchner Fußballstadions "Allianz-Arena". Die Männer sollen bei der Ausschreibung für das 280 Millionen Euro teure Projekt das österreichische Bauunternehmen Alpine, das im Jahr 2002 den Zuschlag für das Projekt erhalten hat, bevorzugt haben und dafür als Schmiergeld ein Prozent der Bausumme (2,8 Millionen Euro) erhalten haben, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld berichtete. 21 Staatsanwälte, mehr als 70 Polizisten sowie rund 30 Beamte der Steuerfahndung durchsuchten am Dienstag mehr als 30 Geschäfts- und Wohnräume in München, Dresden, Frankfurt, Salzburg und in der Schweiz.
Einer der vier Festgenommenen hat am Dienstag abend ein „umfangreiches Geständnis“ abgelegt, wie der Chef der Staatsanwaltschaft München I, Christian Schmidt-Sommerfeld, mitteilte. Es handelt sich um einen mutmaßlichen Strohmann Wildmosers. Der Haftbefehl für den Mann aus Dresden wurde daraufhin außer Vollzug gesetzt.
Karl-Heinz Wildmoser junior ist Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH, Bauherrin des neuen Stadions. An dieser Gesellschaft sind die Münchner Bundesligavereine TSV 1860 und FC Bayern jeweils zur Hälfte beteiligt. Der Hauptvorwurf der Untreue durch höhere Baupreise als Folge der Schmiergeldzahlungen richte sich gegen Wildmoser junior, sagte der Staatsanwalt. Wildmoser senior werde der Bestechlichkeit verdächtigt. Außerdem komme bei ihm die Beihilfe zur Untreue in Betracht. Er sei am Dienstag nachmittag dem Haftrichter vorgeführt worden, da er zur Sache nichts aussagen wolle, während die Ermittler mit dem Anwalt seines Sohnes Gespräche geführt hätten. Im Mai des vergangenen Jahres war Wildmoser senior wegen Steuerhinterziehung zu einer Strafe von 27.000 Euro verurteilt worden.
Ausgangspunkt des Ermittlungsverfahrens zum Stadionneubau ist nach den Worten des Staatsanwalts im vergangenen Herbst eine Umsatzsteuer-Sonderprüfung bei einem Münchner Immobilienunternehmen gewesen, das einem Schulfreund von Wildmoser junior gehört. Der Schulfreund, der als Strohmann gewirkt haben soll, ist ebenso verhaftet worden wie der Angestellte einer Immobilienfirma der Wildmosers in Dresden. Das Schmiergeld ist nach den bisherigen Erkenntnissen als Gegenleistung für angebliche Beratungen kassiert worden. Aufgrund der Scheinrechnungen hätten die Wildmosers auch Steuern hinterzogen, hieß es. Als Beweismittel seien am Dienstag zunächst 150 Aktenordner sowie Daten auf Computern sichergestellt worden, berichtete Johann Georg Koch, Vizepräsident des bayerischen Landeskriminalamtes.
"Neue Ausschreibung ginge zu weit"
Der Bau des Stadions könne uneingeschränkt fortgesetzt werden, kündigte Koch an. Schmidt-Sommerfeld ergänzte, eine kurzfristige Verzögerung sei aber nicht auszuschließen, falls eines der Bauunternehmen in den Ermittlungen nicht zur Zusammenarbeit bereit sei. "Eine neue Ausschreibung ginge aber auf jeden Fall zu weit", sagte er.
Auch die Geschäftsstelle des FC Bayern ist am Dienstag durchsucht worden, allerdings nur, um Unterlagen im Zusammenhang mit dem Stadionbau zu suchen, wie die Ermittler betonten. In der vergangenen Woche war der zweite Geschäftsführer der Stadiongesellschaft, Fritz Scherer, überraschend zurückgetreten. Der ehemalige Präsident des FC Bayern nannte für die Entscheidung persönliche und gesundheitliche Gründe. Es gebe keine Anhaltspunkte für einen Zusammenhang des Rücktritts Scherers mit den Vorwürfen gegen den Geschäftsführer Wildmoser, sagte Schmidt-Sommerfeld.
Oberbürgermeister Ude entsetzt und erschüttert
Die "Allianz-Arena" im nördlichen Münchner Stadtteil Fröttmaning soll bis spätestens April 2005 fertiggestellt sein und Schauplatz des Eröffnungsspiels der Fußballweltmeisterschaft 2006 sein. Mit 66.000 Sitzplätzen wird das Stadion eine der größten Sportarenen in Deutschland. Im Juli 2001 waren auf die europaweite Ausschreibung für den Bau 28 Bewerbungen eingegangen. Drei Monate später entschieden sich in einem Bürgerbegehren zwei Drittel der Münchner, die an der Abstimmung teilgenommen hatten, für den Neubau als Ersatz für das mehr als 30 Jahre alte Olympiastadion. Nach der Vorauswahl im November 2001 für zwei Anbieter fiel im Februar des folgenden Jahres die Entscheidung für die Alpine Bau Deutschland GmbH, eine 1989 gegründete Tochtergesellschaft der Alpine-Mayreder Bau GmbH in Wals bei Salzburg, mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Auch das Architekturbüro ist am Dienstag durchsucht worden.
Der Bau des Stadions hatte im Oktober 2002 begonnen. Inzwischen gilt das Oval im Rohbau am Ende der Autobahn 9 als ein neues Wahrzeichen von München. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte am Dienstag im Bayerischen Rundfunk nach der Verhaftung Wildmosers, er sei entsetzt und erschüttert.