23.03.2004 · Seltene Einigkeit in München: Der TSV 1860 hat seinen neuen Stadion-Geschäftsführer bestimmt. Uneinig geht es jedoch im Präsidium zu. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze werden immer härter.
Am Montagabend war sich der Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten 1860 München ausnahmsweise einig. Bei seiner Suche nach einem neuen Geschäftsführer für die Münchner Stadion GmbH verständigte sich das Gremium auf Walter Leidecker. Der bisherige Leiter des Finanz- und Rechnungswesens bei den „Löwen“ soll nun die Nachfolge von Karl-Heinz Wildmoser junior antreten.
Das war allerdings der einzige Punkt, in dem Übereinstimmung herrschte. Drunter und drüber scheint es in der neuen Führungsspitze unter Präsident Karl Auer und „Vize“ Hans Zehetmair zu gehen. Und Trainer Falko Götz ist prompt zwischen die neu entstandenen Fronten geraten. Vor allem seitdem sich der Klub am Sonntag, nach dem mageren 1:1 im Heimspiel gegen den SC Freiburg, den Abstiegsrängen genähert hat.
Heftige Kritik durch den „Vize“
„Das ist ein neuer Tiefpunkt“, urteilte Zehetmair bereits in der Halbzeitpause des Spiels am Sonntag, beim Spielstand von 1:0 für die Breisgauer. Zudem hatte der Vizepräsident zuvor die Transferpolitik („die teuersten Spieler sind die schlechtesten“) und vor allem den Trainer heftig kritisiert. Er hatte Götz eine mangelhafte Einstellung der Mannschaft und Fehler beim Auswechseln vorgeworfen.
Auer sah sich nach diesen Äußerungen zum Ordnungsruf gezwungen. „Ich war schon sehr überrascht von den Worten Zehetmairs. Über die Differenzen wird zu reden sein“, sagte der neue „Oberlöwe“.
Der Vizepräsident, der nach Bekanntwerden der Münchner Stadionaffäre zunächst selbst Favorit auf die Nachfolge von Karl-Heinz Wildmoser senior gehandelt worden war, gilt als Vertreter der Vereins-“Reformer“. Er hätte gerne Rolf Rüssmann als neuen starken Mann der ausgegliederten Fußball GmbH & Co. KGaA installiert gesehen.
Verlegenheits-Präsident Auer entstammt dagegen der Riege um den ehemaligen Präsidenten und versucht, die Erneuerer zu bändigen: „Die Richtlinien bestimme ich.“
Trainer und Präsident wehren sich
Mittendrin im Getümmel steht Götz. „Vielleicht sollten wir Zehetmair als Berater auf die Bank holen“, konterte er die Angriffe des Vizepräsidenten, der den Trainer am Sonntag offenbar am liebsten gleich rausgeworfen hätte. Als „nicht akzeptabel“ und als „Polemik pur“, empfand der Trainer die Kritik an der Mannschaft. In der DSF-Sendung „Bundesliga Aktuell“ sagte Götz: „Er polarisiert, er macht sich lustig über die Mannschaft - und das kann ich in keinster Weise akzeptieren.“
Auer dagegen scheint die Angriffe von Zehetmair auf Götz wohl nicht zu Unrecht auf sich zu beziehen. Natürlich billige er seinem „Vize“ seine Einlassungen zu, sagte er in der TV-Sendung „Blickpunkt Sport“, er habe ja auch mehr Erfahrung. „Aber sie dürfen versichert sein, ich werde schnell aufholen und ihn in dieser Beziehung bald überholen.“ Eine gemeinsame Basis, so ließ er erkennen, scheint das Führungsduo nicht zu haben: „Zehetmair spielt seinen Part, ich meinen.“
In seiner Rolle als Präsident sieht sich Auer nun veranlaßt, dem Trainer den Rücken zu stärken. „Ich bin überzeugt von ihm. Wir bauen eine neue Mannschaft auf, und da muß man halt ein bißchen Zeit geben.“ Die sportliche Leitung habe der Trainer, daran werde sich in nächster Zeit nichts ändern.
Götz wiederum lobt Auer: Der informiere sich über jedes Detail, die Zusammenarbeit mit ihm sei produktiv, und „das ist nicht mit jedem so“.
Weiterhin offene Stellen
Nicht einigen konnte sich der „Löwen“-Aufsichtsrat am Montag über die Neubesetzung vier weiterer offener Stellen. Nach wie vor werden ein zweiter Geschäftsführer für die Fußball-Abteilung (bisher Wildmoser junior), ein zweiter Vizepräsident sowie zwei Mitglieder für den Aufsichtsratsrat (für Auer und Zehetmair) gesucht. Als Kandidat für das Amt des „Vize“ wird der frühere 1860-Torhüter und „Löwen“-Idol Petar Radenkovic gehandelt.
Abschließende Gespräche mit dem FCB
Der FC Bayern hatte sich bereits zuvor auf seinen Vizepräsidenten Hans Rauch als neuen Stadion-Geschäftsführer verständigt. Rauch soll dem ehemaligen Bayern-Präsidenten Fritz Scherer nachfolgen, der schon vor Bekanntwerden des Schmiergeld-Skandals aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt zum 1. April erklärt hatte.
Die Vereine wollen die Neubesetzung der Geschäftsführer-Posten an diesem Dienstag bei gemeinsamen Gesprächen zum Abschluß bringen. Der neue 1860-Präsident Karl Auer pocht nach eigener Aussage darauf, daß Leidecker „gleichberechtigt“ mit Rauch die Stadion GmbH führen wird.