18.03.2011 · Motorradpilot Valentino Rossi hat aus einer Randsportart ein Spektakel gemacht. Nun soll der italienische Superstar die unbändige Ducati zähmen und Weltmeister werden. Nie zuvor in seiner Karriere war der Druck auf ihn größer.
Von Michael WittershagenDie Schmerzen in der Schulter wollen einfach nicht verschwinden, sie sind immer noch da, und die Folgen kann jeder in seinem Gesicht ablesen. Valentino Rossi lächelt nicht mehr so häufig. Ausgerechnet er, der rasende Clown in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Beinahe ein Jahr ist vergangen, seit der Italiener irgendwo in der italienischen Pampa mit seiner Motocross-Maschine stürzte und sich verletzte. Im vergangenen November ließ er sich operieren, die Probleme sind geblieben.
Eine Sehne, die zu seinem Bizeps führt, ist noch nicht richtig verheilt, und das kann selbst ein Genie auf zwei Rädern, wie er es ist, nicht kompensieren. Die Schulter, sie könnte auch ein Symbol sein. Nie zuvor in seiner Karriere war der Druck auf Rossi größer. Der Zweiunddreißigjährige ist von Yamaha zu Ducati gewechselt, es ist die letzte Station seiner Karriere, seine letzte große Aufgabe: Rossi soll aus der traditionellen italienischen Marke wieder ein Weltmeisterteam formen.
Der spektakulärste Motorrad-Pilot der Gegenwart
30 Millionen Euro - das ist der Preis dafür. So viel bekommt Rossi in den kommenden beiden Jahren bei Ducati, kein anderer italienischer Sportler verdient mehr. Es ist der Preis für den spektakulärsten Motorrad-Piloten der Gegenwart. Neun WM-Titel gewann er, 105 Mal stand er nach einem Grand Prix auf dem Siegerpodest. Honda und zuletzt Yamaha hat Rossi beinahe aus dem Nichts zurück an die Weltspitze geführt, und nichts weniger erwarten die Italiener nun von ihm bei Ducati.
„Es ist eine Traumhochzeit“, sagt Giacomo Agostini, der mit fünfzehn WM-Titeln noch immer der erfolgreichste Motorradpilot der Geschichte ist. Die Tifosi sind schon jetzt verrückt nach ihrem Liebling. Nachdem der Wechsel zu Ducati öffentlich wurde, beschlagnahmten Carabinieri Tausende von illegal produzierten Fanartikeln. In der vergangenen Woche kamen beinahe 40.000 Menschen auf die Piazza Maggiore in Bologna zum Nachtfest von Ducati und feierten Rossi frenetisch.
„Es ist die ultimative Herausforderung“
Dabei wurde die neue italienische Vollgasgemeinschaft längst von der Realität eingeholt. Dem Prestige-Projekt droht eine Fehlzündung beim Saisonauftakt in Qatar an diesem Wochenende. Bei den bisherigen Testfahrten hatte Rossi zeitweise beinahe zwei Sekunden Rückstand auf seine Gegner. „Wir haben sicherlich noch eine ganze Menge Arbeit vor uns“, sagt er. Es ist nicht nur seine Schulter, die ihm Sorgen bereitet. Es fehlt auch an der Abstimmung, Mensch und Maschine sind noch nicht zu einer Einheit verschmolzen. Die Desmosedici GP11 ist ein Biest mit beinahe unbändiger Kraft, das kompromisslos auf Leistung und Hochgeschwindigkeit konstruiert wurde. Genau das macht die Maschine so schwer zu kontrollieren, und selbst einer wie Rossi sagt deshalb: „Es ist die ultimative Herausforderung.“
Dabei soll nichts dem Zufall überlassen sein. Mit Rossi ist gleich ein ganzer Stab mit Technikern und Mechanikern von Yamaha gekommen. Die entscheidende Figur ist dabei Jeremy Burgess. Ein unscheinbarer Australier mit grauem Haar und einer Lesebrille. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der Renningenieur mit Rossi zusammen, der Siebenundfünfzigjährige wurde zum Hirn des Erfolgs. Zuletzt hat er die Yamaha zum Maßstab in der MotoGP-Klasse gemacht, doch Rossi war bei den Japanern schon lange nicht mehr unumstritten. Stattdessen setzten die Verantwortlichen auf Jorge Lorenzo.
Rossi wollte schon immer mehr sein als nur ein Rennfahrer
Spätestens nachdem Rossi im vergangenen Juni im Training zum Großen Preis von Italien in Mugello auf den Asphalt stürzte und einen offenen Schienbeinbruch erlitt, hatte er keine Chance mehr gegen Lorenzo. Der junge Spanier gewann die WM - und Rossi zog die Konsequenzen. „Ich will nicht ein Motorrad für meinen schlimmsten Feind entwickeln“, sagt Rossi noch heute. In der Box von Yamaha schotteten Trennwände die Teamkollegen voneinander ab. Nun gehen sie erstmals auch offiziell als Gegner in eine Saison - und Rossi verschickte in der italienischen Talkshow „Chiambretti Night“ sogleich eine Grußbotschaft: „Lorenzo ist großartig, denn er schafft es, dass jeder ihn nicht mag.“
Das ist die Rolle von Rossi, der schon immer mehr sein wollte als nur ein Rennfahrer. Er versteht sich als Entertainer, wechselt beinahe von Rennen zu Rennen sein Helmdesign, fuhr schon mal eine Ehrenrunde mit einer Gummipuppe als Sozius und trat im Arztkittel oder als Sträfling verkleidet auf das Podest. Auf seiner Lederkombi steht in bunten Lettern „The doctor“. Die knallgelbe Startnummer „46“ hat er zu seinem internationalen Markenzeichen gemacht und verdient auch daran kräftig. „Dieser Typ ist phantastisch“, sagte selbst Bernie Ecclestone schon einmal. Der mächtige Vermarkter der Formel 1 machte kein Geheimnis daraus, dass er Rossi auch gern einmal in der Formel 1 gesehen hätte. „Nun ist es zu spät, ein Formel-1-Fahrer zu werden“, sagt Rossi.
Dabei geht es mittlerweile bereits fast um mehr. Ducati und Rossi - das ist beinahe schon ein Projekt von nationalem Interesse. In den Hauptrollen: Ducati, eine italienische Legende, vergleichbar nur mit Ferrari; und Rossi, jener Mann, der aus einer Randsportart ein Spektakel gemacht hat. Die Augen werden auf ihn gerichtet sein. Ganz egal, ob er gewinnt oder die anderen nur vor sich herjagt.
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Ralf Offermanns (ralf.offermanns)
- 20.03.2011, 00:06 Uhr