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Sutil-Urteil Fremdgesteuert an die Wand gefahren

01.02.2012 ·  Rennfahrer leben in einem Konkon, konzentrieren sich nur darauf, bestens über die Runden zu kommen. Mancher ist dabei schlecht beraten. Für Sutil ist es nach dem Urteil nun Zeit, selbst zu denken.

Von Anno Hecker
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Zum bitteren Ende erregte Adrian Sutil im Gerichtssaal Mitleid. Diesen in der Formel 1 beim Umgang mit Journalisten zwar distanzierten, aber doch stets höflichen Menschen traf schließlich die Härte des Gesetzes. Man kann das Strafmaß angesichts des vom Gericht festgestellten Tatbestands „gefährliche Körperverletzung“ zwar als angemessen bezeichnen. Trotzdem aber stellt sich ein Unbehagen ein. Nie zuvor hat sich Sutil etwas Schulden kommen lassen. In wenigen Sekunden stellte er mit einem Schlag seine Existenz in Frage.

Es ist im Moment zwar nicht zu klären, ob seine Zukunft in der Formel 1 von dem Urteil berührt wird. Da Sutil zweifellos zu den besten zehn Piloten zählt, könnte es wieder Angebote geben. Denn eigentlich ist die Formel 1 nicht besonders wählerisch und schon gar nicht moralisch. Was zählt, ist der Speed, nicht das Führungszeugnis. Im Moment aber wird die Szene wohl auf Abstand gehen. Sutil hat sich an die Wand gefahren.

Bisweilen groteske Abhängigkeit

Es sei ihm eine Lehre, hat der Bayer nach seiner aufrichtigen Entschuldigung bei Eric Lux gesagt. Aber was bedeutet das? Wenn Spitzensportler von der Bekanntheit Sutils sich als Vorbilder zu verhalten haben, wie es die Richterin forderte, dann müssen sie sich zu ihrer Selbstverantwortung bekennen und entsprechend handeln. Sutil hat das vermissen lassen nach dem Vorfall in der Diskothek und in den Monaten danach. Das ist nicht untypisch für Formel-1-Piloten in Bredouille. Sie leben nur in ihrem Kokon, konzentrieren sich nur darauf, bestens über die Runden zu kommen. Den Rest lassen sie nolens volens von der Entourage erledigen.

Dabei kann zweierlei geschehen: Es entsteht das Gefühl, einer Elite anzugehören, und gleichzeitig entwickelt sich eine bisweilen groteske Abhängigkeit von anderen bei Dingen des Alltags, vor allem bei Einschätzungen, die des Blickes über die Rennbahn hinaus bedürfen. Die besten Steuerleute fremdgesteuert, das ist kein Hirngespinst, das ist mitunter Realität im PS-Zirkus.

Sutil hätte sich mit seinem gesunden Menschverstand selbst in Frage stellen und nach dem blutigen Zwischenfall in der Diskothek reagieren sollen, wie es sich nach einem solchen Vorfall für einen mutigen Rennfahrer mit Hirn und Herz gebührt. Sonst zeichnet es doch seinesgleichen aus, sich auf dem Weg zum Ziel von nichts und niemandem abhalten zu lassen. Diese Geradlinigkeit hat er nicht konsequent betrieben. Sutil war also äußerst schlecht beraten, allein die Karriere im Blick gehabt zu haben und dabei die Realität auszublenden.

Nun ist es Zeit, sich umzusehen. Das müsste eine Lehre sein, nämlich erkennen zu wollen, wer gut und wer schlecht ist für einen selbst. Insofern kann der Fall dem Rennfahrer auch helfen, nach der Klärung mit Lux auch mit sich ins Reine zu kommen. Die Aussichten sind gut und die Grundlage trotz des einschneidenden Urteils bei weitem nicht so schlecht, wie es hätte sein können. Denn Sutil hat Glück gehabt. Ein Einstich verpasste die Halsschlagader von Lux nur um einen Zentimeter. Eine Verletzung des Gefäßes, sagte der Sachverständige, wäre tödlich gewesen.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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