30.11.2009 · Von der kommenden Saison an startet Mercedes wieder mit einem eigenen Werksteam in der Formel 1. Die Silberpfeile wecken weltweit noch immer Emotionen aufgrund der glorreichen Vergangenheit: Szenen von spektakulären und tragischen Ereignissen. FAZ.NET blickt in Wort und Bild zurück.
Von Anno HeckerPS-Schleuder, rasende Kiste, Bolide: Es gibt so viele Spitznamen für Rennwagen. Aber seit nun 75 Jahren nur eine geniale Idee - Silberpfeil. Da kann selbst ein Ferrari nicht mithalten, das Synonym für Formel-1-Erfolge seit 59 Jahren. Wer von Ferrari spricht, denkt vielleicht an Schumachers Taten oder nur an brüllende Straßenflitzer in Rot, Gelb oder gar Blau. Silberpfeile aber rufen weltweit immer noch die gleichen Bilder in Erinnerung: Szenen von spektakulären, dramatischen, unfassbar tragischen Ereignissen.
Eigentlich ist die Zeit der Silberpfeile längst abgelaufen. Achtzigjährige schmieden keine großen Pläne mehr. Als Jungen haben sie mit aufziehbaren Blechautos das deutsch-deutsche Duell der dreißiger Jahre nachgespielt: Mercedes gegen Auto-Union, Caracciola gegen Rosemeyer, Silberpfeil gegen Silberfisch.
„Kaum zu kontrollieren, eigentlich unfahrbar“
Bis heute streiten Historiker, wer zuerst mit der neuen Nationalfarbe durch die Welt rauschte. Erst 1992, kurz vor dem Wiedereinstieg von Daimler in die Formel 1, verkaufte Audi das Markenrecht „Silberpfeil“ an die Stuttgarter. Als kaum jemand noch zweifelte, dass ein Silberpfeil nichts anderes als ein gewaltiger, röhrender Mercedes sein konnte.
„Mit so kleinen Reifchen“, wie der greise Manfred von Brauchitsch kurz vor seinem Tod 2003 ausrief und als Hinweis zwischen Daumen und Zeigefinger ein paar Zentimeter Platz ließ. Das war der schmale Grat zwischen Leben und Tod, auf dem sich die Herrenfahrer à la Brauchitsch bewegten. Der Formel-1-Weltmeister von 2008, Lewis Hamilton, schüttelte im Juli den Kopf, nachdem er versucht hatte, mit einem Silberpfeil ein paar Kurven zu bekommen. „Kaum zu kontrollieren, eigentlich unfahrbar.“
Mehr als achtzig Menschen starben in Le Mans
Und doch erreichten Hamiltons Vorgänger auf den Geraden je nach Modell mehr als 300 Kilometer pro Stunde, ohne Sicherheitsgurte, mit einer Lederkappe auf dem Haupt und umgeben von einem Tank, der sich beim Aufprall als Brandbombe entpuppte. Mut, Fortschritt durch Technik und vermeintliche Opferbereitschaft belohnte Adolf Hitler mit einer finanziellen Unterstützung. Als Gegenleistung bekam der Diktator Siege und Geschwindigkeits-rekorde im Zeichen des Hakenkreuzes bis zum Kriegsausbruch.
Die Silberpfeile waren so schnell, dass selbst die Agenten Ihrer Majestät König Georg VI. in Schutt und Asche nach Bauplänen suchten. Was die Engländer fanden, half ihnen aber nicht auf die Sprünge. Im Wirtschaftswunder sausten auch die neuen Silberpfeile von Mercedes wieder voran. Trotzdem entschloss sich der Konzern noch vor dem furchtbaren Unglück in Le Mans 1955, wo Pierre Leveghe mit seinem Silberpfeil in die Zuschauer raste, auszusteigen. Mehr als achtzig Menschen starben.
Der erfolgreiche, unpolitische Teil soll sich wiederholen
Erst 38 Jahre später wagte Mercedes als Motorenlieferant von Sauber wieder einen Start in der Formel 1. Ein halbherziger Schritt, der auch mit silbernem Lack auf dem McLaren ab 1997 nicht übertüncht werden konnte. Erst mit der Übernahme von Brawn sind die Stuttgarter wieder alleinverantwortlich im Rennen. Zwar wird das Auto in England gebaut, aber erstmals seit 55 Jahren hat mit Sportchef Norbert Haug wieder ein Mercedes-Mann das Steuer in der Hand.
Jetzt soll sich der erfolgreiche, unpolitische Teil der Silberpfeil-Geschichte wiederholen. Mit einer Wortschöpfung, die eine ideale Kombination suggeriert: Edelmetall und Geschwindigkeit.
Historische Videos: Die Geschichte der Silberpfeile