14.09.2008 · Der Heppenheimer Formel-1-Pilot Sebastian Vettel hat beim Großen Preis von Italien in Monza bewiesen, dass Kunst von Können kommt - und das Glück manchmal vom Himmel fällt. Im Autodromo Nazionale siegte er mit großem Vorsprung.
Von Anno Hecker, MonzaEr legte die Hände aufs Visier. Er faltete sie, er schüttelte den Kopf, er schrie und lachte unter dem Helm. Sebastian Vettel konnte sein Glück kaum fassen. Dabei kam die Kunst, alle Größen der Formel 1 hinter sich zu lassen, Sieger, Weltmeister, Konzerne, von Können: Erstmals in seiner Karriere hat der Heppenheimer ein Formel-1-Rennen gewonnen.
Am Sonntag ließ er beim Großen Preis von Italien Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes) und Robert Kubica (im BMW-Sauber) hinter sich. Wenig später stand der jüngste Sieger in der Geschichte der Formel 1 beinahe fassungslos vor Freude auf dem Podium (siehe: Sebastian Vettel: „Geh raus und gib es ihnen“). „Unglaublich, unglaublich. Als ich die Ziellinie überfahren habe, die Runde zurück, die Gefühle, die Zeremonie. Das war der beste Tag meines Lebens. Diese Bilder. Es ist so viel besser, als man denkt. Dank an alle, an das Team. Wer hätte das gedacht“, sagte Vettel ohne Punkt und Komma, bevor er schloss: „Ich bin sprachlos.“
Ferrari: nicht auf Höhe der Konkurrenz und doch einen Schritt nach vorn gemacht
Als die deutsche Hymne erklang, kämpfte der Hesse mit den Tränen. Seit Michael Schumachers letztem Sieg 2006 in China wurde Haydns Melodie aus dem Kaiserquartett nicht mehr zu Ehren eines Siegers angespielt. Diesmal erklang sie ausgerechnet in der Heimat von Vettels Team Toro Rosso. Und damit auf dem Terrain der Mutter aller Rennställe: Ferrari. Die Scuderia kam in Monza auf dem über weite Strecken des Rennens nassen Asphalt nur schleppend über die Runden. Im Regen ist der Bolide nicht auf der Höhe der Konkurrenz.
Und doch fühlt Ferrari einen rechnerischen Fortschritt. Denn als Sechster reduzierte Felipe Massa den Abstand in der Fahrerwertung hinter McLaren-Pilot Lewis Hamilton (7.) vier Rennen vor Ende der Saison auf einen Punkt. Vettel sprang mit dem Triumph von Rang zwölf auf neun vor (23 Punkte). Bester Deutscher hinter Vettel war Nick Heidfeld (BMW-Sauber) als Fünfter. Toyota-Fahrer Timo Glock belegte Rang elf, drei Plätze vor Nico Rosberg (Williams). Letzter wurde Adrian Sutil mit seinem Force India.
Vettels Vorteil: Freie Sicht
In Position bringen bis zum ersten Boxenstopp. Das war die Devise nach der Entscheidung der Rennleitung, dem Grand Prix die erste Spannung zu nehmen: Kein Start aus dem Stand. Das erschien angesichts des Nieselregens zu gefährlich. Eine vernünftige Entscheidung. Und so rollte das Feld hinter dem Safety-Car zwei Runden geordnet durch den königlichen Park. Angeführt von Vettel, dem jüngsten Gewinner einer Pole-Position in der Geschichte der Formel 1.
Weitere 17 Runden schoss der 21 Jahre alte Heppenheimer den Großen der Branche vor der Nase her durch die Gischt. Bis der Tankwart zum ersten Mal rief. Die Überraschung vom Samstag hatte sich Vettel zwar auch mit einer geringeren Benzinmenge, also mit weniger Gewicht, eingekauft. Doch die Taktik war klug: „Wenn man im Regen vorne fährt, hat man immer einen Vorteil“, sagte Vettel, „ich hatte freie Sicht, das war ein Schlüssel.“
Hamilton bremste die Konkurrenz zunächst nach allen Regeln der Kunst aus
Vettel gegen Hamilton, Leicht- gegen Schwergewicht, so hieß das Duell des Tages auf Distanz. Der Brite, erstmals in seiner Karriere 15. des Qualifikationstrainings, war am Samstag Opfer seiner Risikobereitschaft geworden. Weil er „Intermediates“ gewählt hatte statt Regenreifen. Da der Wasserstand aber wuchs, schaffte es der Überflieger der Branche ähnlich wie Weltmeister Räikkönen (Ferrari) nicht in die letzte Runde des Startplatzrennens: Verzockt.
Am Sonntag dann versuchte der 23-jährige Brite mit vollem Tank von hinten nach vorne zu rasen. Er schoss über die Randsteine, kürzte ab im Eifer des Gefechtes, ließ sich zurückfallen, bremste aber auch hier und da die Kollegen nach allen Regeln der Kunst aus. Der Reihe nach: 10. Runde Fisichella (Force India) mühelos überholt, 14. Heidfeld leicht, 16. Glock mit Verdrängungspotential, 17. Kubica (BMW-Sauber) ansatzlos, 19. Alonso (Renault) nach Gegenwehr, 22. Trulli (Toyota) im zweiten Versuch, 24. Rosberg problemlos, trotz eines Rückfalls.
Rein, raus, ab zum Sieg? Der Regen hörte auf, Hamilton blieb Rang sieben
Als Hamilton seine erste Angriffswelle abgeschlossen hatte und als einer der letzten zum ersten Tanken abbog, lag er nur eine Sekunde hinter Vettel, aber einen Schachzug vor dem Deutschen: Nur ein Stopp statt zwei. Rein, raus und dann zum Sieg, aus der achten Startreihe, so wie es Michael Schumacher in Spa-Francorchamps 1995 geschafft hatte?
Nicht doch. Die Laune der Natur verdarb dem McLaren-Mann diese beflügelnde Aussicht. Der Regen hörte auf, die Strecke trocknete peu à peu ab. Und plötzlich kreuzten alle wieder an ihren Service-Stationen auf. Einmal „Intermediates“ bitte! Hamilton musste seine Taktik über den Haufen werfen, um das im Sekundentakt steigende Tempo halten zu können. Während Vettel seinen ohnehin eingeplanten zweiten Stopp zur Umrüstung nutzte, fiel Hamilton mit dem unplanmäßigen zweiten Halt wieder zurück auf Rang sieben.
„Es kann Richtung Weltmeisterschaft gehen“, sagt Schumacher über Vettel
Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, so wie der generelle Verlust. Denn Hamilton tauchte direkt hinter seinem schärfsten Rivalen um den Fahrertitel auf. Das große Rennen ist nach dem neunten Platz von Räikkönen endgültig zu einem Duell geworden. Irgendwann wird vielleicht auch Vettel so weit sein: „Er hat das Chaos bravourös gemeistert“, sagte Michael Schumacher. „Es kann in die Richtung gehen.“
Glückwunsch,aber
resi mayer (kimwales)
- 14.09.2008, 20:16 Uhr
Schweiz
Friedrich Wilhelm (friedwilli)
- 15.09.2008, 02:43 Uhr