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Sebastian Vettel „Geh raus und gib es ihnen“

15.09.2008 ·  Schon einmal wurde der Vergleich zu Michael Schumacher gezogen: als Sebastian Vettel in seinem ersten Grand Prix gleich einen Punkt einfuhr. Dann wechselte er von BMW zu Toro Rosso - und bewies in Monza sein ziemlich beeindruckendes Talent.

Von Anno Hecker, Monza
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Sebastian Vettel, der neue Schumacher! Dieser Satz ist schon einmal geschrieben worden. Im Sommer des vergangenen Jahres. Testfahrer Vettel, von BMW-Sauber 2006 jeweils beim Training am Freitag eingesetzt, hatte den Stammpiloten Robert Kubica beim Rennen in den Vereinigten Staaten ersetzt. Der Pole war nach seinem schweren Crash in Kanada für ein Rennen aus dem Verkehr gezogen worden.

Vettel startete als Achter in Indianapolis und kam als Achter ins Ziel: „Baby-Schumi“ titelte der Boulevard. Der Aufstieg schien sicher. Doch statt bei BMW-Sauber (siehe: Nick Heidfeld: Immer nur der Zweitbeste) in die Gänge zu kommen, statt bei einem Top-Team zu landen, wechselte Vettel noch während der Saison zum kleinen Privatier Toro Rosso. Raus aus dem Bühnenlicht, rein in die Zwergenschule der Formel 1.

Der eloquente Abiturient mit der steilen Lernkurve

Toro Rosso nimmt sich junger Piloten an. Dafür wirbt der Hauptgeldgeber Red Bull. Im Team der Besitzer Dietrich Mateschitz und Gerhard Berger, dem ehemaligen Grand-Prix-Piloten, sollen sich Talente so frei wie möglich entwickeln. Der Amerikaner Scott Speed hatte nicht den Kopf dafür. Nachfolger Vettel, ein eloquenter Abiturient, der sich selbst managt, aber den nötigen Durchblick. Er wurde mit 21 Jahren und 73 Tagen der jüngste Formel-1-Sieger der Geschichte - der bisherige Junior Fernando Alonso war bei seiner Premiere ein Jahr älter (siehe: Formel 1 in Italien: Vettel jüngster Grand-Prix-Sieger aller Zeiten).

„Der Druck ist bei uns natürlich längst nicht so hoch wie in einem Werksteam“, sagt Teamchef Franz Tost, „deshalb können sich die Fahrer viel stärker auf das Fahren konzentrieren, dürfen mehr Fehler machen.“ Die aber scheint Vettel selbst unter schwierigsten Bedingungen wie am Samstag und zu Beginn des Rennens am Sonntag, weitgehend zu vermeiden: „Bei Sebastian“, erklärte Tost, „stellen wir eine unheimlich steile Lernkurve fest.“

Toro Rosso wurde Runde für Runde besser

Schon beim Regenrennen in Japan 2007 war der jüngste deutsche Fahrer einer Überraschung entgegen geflogen - ehe er von einem unorthodoxen Manöver des Führenden Lewis Hamilton abgelenkt, ins Heck von Red-Bull-Pilot Mark Webber krachte. Doch schon ein Rennen später in China trugen die Mechaniker ihren Youngster auf Händen: Vierter. Es war zwar das beste Resultat von Toro Rosso, ehemals Minardi, bis zum Sonntag.

Doch in dieser Saison ist die deutsch-italienische Fahrgemeinschaft, befeuert vom Saft-Ertrag des Milliardärs Mateschitz, Runde um Runde besser geworden. Seit der Einführung des neuen Autos in Monaco tauchte Vettel immer wieder unter den ersten Zehn auf: Fünfter im Fürstentum, Achter in Kanada, Achter in Hockenheim, Sechster in Valencia, Fünfter in Belgien, nun Erster in Monza. „Das tolle ist“, sagt Vettel, „dass wir eine kleine Einheit sind. Die Stimmung ist klasse, wir feuern uns an, die Jungs sagen mir, ,geh raus und gib es ihnen'. Ich glaube, wenn man diese Courage hat, dann kommt man so weit wie wir heute.“

Vettels Erfolg stellt den Aufwand der großen Teams in Frage

170 Mann, nicht mal ein Fünftel der Belegschaft von Ferrari oder McLaren-Mercedes, trimmen den Toro Rosso in Faenza so auf Tempo, dass Vettel nun nicht nur das beinahe identische Auto des Mutterteams Red Bull regelmäßig überflügelt, sondern auch den Aufwand der ganz Großen in Frage stellt. Am Sonntag bemühte sich McLaren-Pilot Heikki Kovalainen vergebens, Vettels Vorsprung einzudämmen.

„Wir hatten einen irren Speed auf der Geraden“, sagte Vettel. An dem Schub hatte der Ferrari-Motor seinen Anteil. Vettels Renningenieur vertraute aber auch den Fähigkeiten seines Piloten im Regen. „Wir haben eine Trockenabstimmung gefahren“, erzählte Vettel: Also auch eine flache Flügeleinstellung gewählt. Damit werden die Rennwagen in den rutschigen Kurven nicht so auf den Asphalt gepresst. Auf der Geraden aber entzieht sich der Renner mit weniger Luftwiderstand dem Angriff der Verfolger.

Schumacher sieht noch Potential - im Fußball

Vettel bewies - als Führender bei bester Sicht - das nötige Feingefühl für die Straßenlage. Auch deshalb ist er schon einen Schritt weiter. Im nächsten Jahr wird der Sohn eines Zimmermanns im Namen von Red Bull kreisen. Man kann sich größere Schritte vorstellen. Doch selbst Deutschlands Chefpilot im Ruhestand, Michael Schumacher, sieht noch Lernpotential: „Jetzt müssen wir ihm erstmal das Fußballspielen beibringen.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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