19.10.2006 · Heinz-Harald Frentzen, Ralf Schumacher und Nick Heidfeld wären ohne Michael Schumacher wie Heilsbringer im Land der Autofahrer gefeiert worden. So blieben sie Randfiguren einer Ära, Episoden einer Serie: „Der Rivale“, „Das Bruderherz“ und „Der jugendliche Freund“.
Von Anno HeckerEinmal gegen Michael Schumacher ein Formel-1-Rennen fahren. Das hätte Sebastian Vettel gefallen. Zu spät. Wenn der hochgeschätzte Testfahrer von BMW-Sauber in absehbarer Zukunft zum Stammfahrer befördert wird, werden die Rollen vertauscht sein: Vettel fährt, Schumacher schaut zu.
Mit dem Großen Preis von Brasilien am Sonntag in São Paulo endet die Hoffnung aller deutschen Rennfahrer, den Chefpiloten im direkten Duell zu überflügeln. Schumachers Aufstieg vom Überraschungsgast 1991 in Spa-Francorchamps zum Überflieger der Branche schürte das Interesse vieler Formel-1-Teams an deutschen Steuermännern.
Drei Episoden einer Serie
Seine Erfolge aber stellten Piloten in den Schatten, die vor der Ära des Rheinländers, in den siebziger und achtziger Jahren, wie Heilsbringer im Land der Autofahrer gefeiert worden wären. Heinz-Harald Frentzen, Ralf Schumacher und Nick Heidfeld sind von der Gnade der späten Geburt nur mit Blick auf den Sicherheitsstandard in der Formel 1 begeistert. In der Schumacher-Ära bilden sie drei Episoden einer Serie: „Der Rivale“, „Das Bruderherz“ und „Der jugendliche Freund“.
Frentzen kam mit einer Empfehlung in die Formel 1: Dieser Mann sollte schneller sein als Schumacher. Zumindest posaunten Experten Zeitenvergleiche aus der gemeinsamen Sportwagenzeit durch das Fahrerlager. Und siehe da, der Mönchengladbacher sauste auf Anhieb als Pilot des Sauber-Mercedes seinem Teamkollegen Karl Wendlinger davon. Aber zu dem hochstilisierten Duell Rheinländer gegen Rheinländer kam es nie.
Der arglose Frentzen
Frentzen verpaßte seine größte Chance im Frühjahr 1994. Nach dem tödlichen Unfall von Ayrton Senna bot Williams' Teamchef Frank Williams dem Sauber-Piloten den Umstieg in den führenden Rennstall an. Sofort. Schumacher hätte in vergleichbarer Situation zugegriffen. Frentzen aber lehnte ab. War es nur aus Rücksicht auf seinen Teampatron Peter Sauber, der ihm den Formel-1-Einstieg erst ermöglicht hatte? Oder bekam der Mönchengladbacher auch Angst vor der eigenen Courage?
Im Rückblick wirkt die Absage wie eine Schlüsselszene der Karriere. Statt Frentzen übernahm der spätberufene Damon Hill die Führungsrolle bei Williams und wurde 1996 Weltmeister im Kampf mit Schumacher. Jener Hill, den Frentzen 1999 bei Jordan an die Wand fuhr. Als einer der „talentiertesten Piloten“, wie es Frank Williams später formulierte, 1997 endlich zu Williams kam, war es zu spät. Der arglose Deutsche wurde vom „Politiker“ Jacques Villeneuve und dessen Hausmacht quasi überfahren: Villeneuve fuhr gegen Schumacher - und siegte. Danach begann der Abstieg des Rennstalls. „Frentzen“, behauptete Williams' Technischer Direktor damals seherisch, „wird vielleicht fünf Rennen in seiner Karriere gewinnen.“ Es wurden drei.
Die Wut des Jüngeren auf den Älteren
Nie zuvor haben Brüder in der Formel 1 so viel Erfolg gehabt. Zehn Jahre schon sausen die Schumacher in der Formel 1 um die Wette. Aber nicht auf Augenhöhe. Der Ferrari-Star betrachtet den Toyota-Piloten aus der Sicht des älteren Bruders: wohlwollend, fürsorglich. Nur auf der Piste kennt der siebenmalige Champion weder Freunde noch Verwandte.
Jagdszenen unter Brüdern mit Kampfeinsätzen bis aufs Blut sind beim Streit ums Spielzeug zwar selbst in Kinderzimmern zu beobachten. Aber als der Ferrari-Schumacher den BMW-Schumacher einst beim Start zum Rennen auf dem Nürburgring bedrohlich nahe an die Boxenmauer drängte, um seine Führungsposition zu behalten, staunte die Szene nicht schlecht. Ein Kinderspiel war das nicht mehr.
Unterschied zwischen Siegern und Champions
Die Wut des Jüngeren auf den Älteren hat sich immer wieder entladen. Zuletzt nach einer Attacke kurz vor dem Zielstrich in Monaco 2005. „Der hat sie doch nicht alle“, schimpfte Ralf. Tatsächlich scheint Ralf Schumacher eine gewisse Verrücktheit zu fehlen. „Michael denkt schon vor dem Frühstück an die Formel 1“, schilderte Ralfs Teamchef von 1999 bis 2004, Frank Williams, den für ihn entscheidenden Unterschied zwischen Siegern und Champions.
Ralf wies die Mahnung stets zurück. Immerhin hatte er Zeit genug, eine Fluglizenz zu erwerben, den Jagdschein zu machen oder seine Yacht durch Untiefen zu steuern. Mit witziger sowie bissiger Eloquenz setzte er sich von seinem Bruder ab. Der Konfrontationskurs machte ihn nicht schneller, wirkte aber profilbildend.
Heidfeld steht Schumacher am nächsten
Frentzen saß im Weltmeister-Auto, Ralf Schumacher fuhr einen siegfähigen Boliden, Nick Heidfeld aber hatte bislang kein Glück mit seinen Rennern. So kam der zweite Mönchengladbacher Michael Schumacher auf der Piste nicht wirklich nahe. Andererseits steht Heidfeld dem Ferrari-Star am nächsten - als Berufskollege. Man kann sich leiden. Selbst die seltenen, aber heftigen Treffen auf der Strecke haben daran nichts geändert.
In Melbourne 2005 ließ sich Heidfeld von Schumacher nicht einschüchtern. Beide kreiselten von der Piste. Zuletzt in Ungarn wehrte sich der WM-Kandidat so lange gegen den BMW-Mann, bis sich die vordere Radaufhängung verbog - am Ferrari. Diese unverbrüchliche Harmonie hat eine Geschichte. Heidfeld lernte die Ideallinie auf der Kartbahn in Kerpen mit Hilfe eines prominenten Fahrlehrers - Schumacher war so frei.