23.12.2009 · Michael Schumacher kehrt in die Formel 1 zurück. Der Rekordweltmeister will drei Jahre im Mercedes-Silberpfeil Runden drehen. Er spielt dabei mit seinem Renommée. Sportlicher kann man nicht sein. Ein Kommentar von Anno Hecker.
Von Anno HeckerWarum tut er sich das an? Hat er nicht schon genug Ruhm und Reichtum? Diese Fragen sind wohl unvermeidbar im Land der Dichter und Denker. In Deutschland will man es ja immer ganz genau wissen. Und hat doch schon die Antwort parat: Langweile muss es sein, die Schumacher wieder zurück in die Knochenmühle treibt. Und wohl die Lust, den Reichtum zu mehren. Standarderklärungen, die naheliegen.
Denn wie keine andere Sportart wird die Formel 1 mit Glanz und Gloria verbunden, als Betrieb betrachtet, in dem vorwiegend Geld die Räder bewegt. Kaum hatte Schumacher am Mittwoch seine Rückkehr glücklich wie „ein Zwölfjähriger“ vor der schönsten Bescherung verkündet, da rechneten die Finanzexperten der Branche schon mal den Mehrwert dieses besonderen Menschen in einer besonderen Maschine hoch: Schumacher im Silberpfeil, das schimmert nicht nur golden. Die Einschaltquoten und Zuschauerzahlen an den Strecken werden steigen, Sponsoren werden bereitwilliger investieren, Medien ausgedehnter berichten. Es gibt keinen Zweifel, Schumacher bewegt eine ganze Sportart.
Aber was bewegt Schumacher? Das ist die wesentlich spannendere Frage. Nur will die Antwort kaum jemand akzeptieren: Es ist die Leidenschaft, sich im Wettbewerb auf höchstem Niveau zu messen. Schumacher hat mit diesem Zweikampf Mann gegen Mann nie aufgehört. Das konnte man an seinen Ausflügen in die Motorradszene ablesen. Wie muss jemand gestrickt sein, wenn er als (damals) 37 Jahre Quereinsteiger auf einem 190 PS starken Zweirad Schräglagen übt, bis die Funken sprühen? Die Gefahr für Leib und Leben und letztlich die Erfahrung, in den Rennen nur in den persönlichen, aber nicht in den absoluten Grenzbereich vorstoßen zu können, haben ihn bewogen, zurückzukehren in den Kreis der besten Rennfahrer.
Schumacher hat ein Renommée zu verlieren
Schumacher sucht die Herausforderung, nicht die nächsten Millionen, den Wettkampf, nicht die Ablenkung von einem luxuriösen Alltag. Das ist schwer zu verstehen. Denn der bald 41 Jahre alte Extremsportler geht Risiken ein, die der gemeine Bürger in seinem Lebensplan vermeidet: die Gefährdung von Ruf und Reichtum, nach dem man sich über Jahre eine Existenz und Ansehen aufgebaut hat. Zugegeben, das Vermögen des Rheinländers wird kaum schrumpfen, falls er mit dem Silberpfeil nicht in die Gänge kommt. Aber Schumacher hat ein Renommée zu verlieren, den Nimbus des Siegertypen, der ihm als Pensionär für immer und ewig geblieben wäre, eine Verklärung der Taten im Ferrari inklusive. Was aber, wenn der junge Teamkollege Nico Rosberg den Altstar hinter sich lässt, was, wenn die nächste Generation Deutschlands Helden abhängt?
Man kann vieles berechnen und manches vorhersehen in der Formel 1. Das Silberpfeil-Team ist erstklassig aufgestellt, Schumacher hoch motiviert und erfahren genug, sich selbst einschätzen zu können. Garantien aber gibt es nicht. Deshalb ist das Comeback von Mercedes mit Schumacher eine packende Herausforderung. Zumal diese Kombination keinen Hehl aus ihren Ansprüchen macht: Sie will siegen. Und alle anderen wollen sie schlagen. Diese Konstellation steigert mit all ihren jüngeren und älteren historischen Bezügen die Motivation der Gegner von Alonso bis Vettel, von Ferrari oder McLaren, von den Motorsportnationen wie England und Frankreich.
Wer einen starken Schumacher in einem schnellen Mercedes schlägt, gewinnt den großen Preis. Die deutsch-deutsche Fahrgemeinschaft treibt die Formel 1 also auf die Spitze. Schumacher nimmt dabei keine Rücksicht – auf sich selbst. Sportlicher kann man kaum sein.