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Red Bull Der Alleingang des Adjutanten

11.07.2011 ·  Die Streitereien und Sticheleien bei Red Bull zwischen Sebastian Vettel und Mark Webber werden zu einer unendlichen Geschichte. Vettel führt im internen Duell mit 204:124 Punkten und behauptet, dass ihn das alles amüsiere.

Von Michael Wittershagen, Silverstone
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Als alles vorbei schien, das Rennen und die Kämpfe auf der Strecke, da wurde Sebastian Vettel (Red Bull) plötzlich noch einmal überrascht von einem Angriff. Ein britischer Journalist zweifelte während der offiziellen Pressekonferenz daran, dass der Weltmeister der Formel 1 auch ein fairer Sportsmann sei. Oder warum sonst musste dessen Teamkollege Mark Webber beim Großen Preis von Großbritannien mit einem Funkspruch ausgebremst werden? „Das ist doch eine Schande, oder?“ Der Deutsche wehrte sich: „Es glaubt doch wohl niemand, dass unsere harten Manöver zum Schluss abgesprochen waren“, sagte Vettel. „Wir sind ein Rennen gefahren. Mark hat versucht, so hart gegen mich zu fahren, wie er nur konnte – aber er fand keinen Weg vorbei.“ Webber saß zwei Meter neben ihm, doch die Miene des Australiers ließ keinen Raum für Interpretationen. Er musste überhaupt nicht viel erzählen, um alles zu sagen. Für Webber scheint in dieser Saison nur noch eine Rolle vorgesehen: die des Adjutanten.

Doch damit will sich der Vierunddreißigjährige nicht länger abfinden: „Ich habe die Anweisungen des Teams ignoriert und einfach nur versucht, den Kerl vor mir zu überholen.“ Er antwortete den Verantwortlichen auf ihren Funkspruch („Mark, du musst den Abstand halten!“) nicht einmal, und nun wird sich zeigen, welche Folgen sein Alleingang hat. „Ich werde das alles mit Mark noch einmal unter vier Augen besprechen“, sagte Teamchef Christian Horner. Dabei wird es auch um die Vertragsverlängerung gehen. Ende dieser Saison läuft der Kontrakt von Webber aus, zuletzt war die beidseitige Unterschrift nur eine Frage von Wochen. „Wir werden sehen, welche Konsequenzen es nun gibt“, sagte Horner. „Das Team ist immer wichtiger als ein Fahrer.“

Interne Streitereien und Sticheleien

Zuletzt hatte er die neue Harmonie unter seinen Fahrern noch gelobt, doch schon vor diesem Rennwochenende in Silverstone äußerte Webber daran Zweifel: „Man wird sehen, wie die Situation ist, wenn ich wieder gewinne.“ Die internen Streitereien und Sticheleien bei Red Bull werden zu einer unendlichen Geschichte. Als Webber seinen Kollegen am Sonntag attackierte, kamen am Kommandostand Erinnerungen auf an das Rennen in Istanbul 2010. Damals war Vettel der Jäger, Webber verteidigte unnachgiebig seine Führung – und die Boliden kollidierten. „Wir wollten nicht, dass wieder das gleiche passiert“, sagte Horner. „Wir hatten Angst, dass die beiden zu viel Risiko eingehen.“ So, wie es ihrem Naturell entspricht. Vettel machte kein Geheimnis daraus, dass er womöglich genauso wie sein Rivale gehandelt und angegriffen hätte.

Vor einem Jahr gingen in Silverstone die Emotionen schon einmal durch mit Webber. Seinerzeit entschieden sich die Verantwortlichen dafür, den einzig verbliebenen neuen Frontflügel an das Auto von Vettel zu schrauben, Webber tobte, gewann das Rennen mit einem alten Flügel und funkte während seiner Ehrenrunde in die Welt hinaus: „Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Fahrer, oder!?“ Viele erinnerten sich nun genau daran, doch Webber wehrte ab, er will kein Beifahrer sein: „Nein, so fühle ich mich nicht“, sagte er. „Aber ich möchte einfach bis zum Ende ein Rennen fahren.“ Doch das Team änderte seine Strategie.

Stallorder ist nicht mehr verboten

Stets hatte der selbst erklärte Gute-Laune-Rennstall aus Österreich betont, auf das freie Spiel der Kräfte setzen zu wollen. Koste es, was es wolle. Im vergangenen Jahr riskierte man auf diese Weise sogar den WM-Titel – und gewann am Ende doch noch alles. Vor allem die Sympathien. Der Triumph von Vettel und Red Bull auf der Zielgeraden von Abu Dhabi schien wie der späte Beweis dafür, dass sich Fairness auszahlt. Schließlich war es Ferrari, das Fernando Alonso beim Großen Preis von Deutschland an seinem Teamkollegen Felipe Massa vorbei dirigiert und auf diese Weise in den Titelkampf eingegriffen hatte. Die Strafe erfolgte durch den Internationalen Automobil-Verband (Fia), die Italiener mussten 100.000 Dollar zahlen. Red Bull muss nun hingegen nichts fürchten, denn in dieser Saison ist die Stallorder nicht mehr verboten. Trotzdem haben die Verantwortlichen durch die Entscheidung vom Sonntag zumindest ihr Alleinstellungsmerkmal eingebüßt.

Offenbar ist der Respekt vor den Gegnern gewachsen. Ferrari hat an Entwicklungstempo gewonnen und konnte Red Bull auf der Strecke Paroli bieten. Die Mechaniker der Scuderia schraubten einen neuen Auspuff, ein neues Chassis, einen neuen Unterboden, einen neuen Heckflügel und eine veränderte Hinterachse an die Boliden, und nach dem Rennen konnte Sieger Alonso melden: „Alles hat funktioniert. Das ist natürlich ein gewaltiger moralischer Schub.“ Zudem profitierte Ferrari am meisten vom kurzzeitig veränderten Reglement, dass das Anblasen der Diffusoren mit den Auspuffgasen einschränkte. Am Nürburgring in zwei Wochen wird das Verbot wieder gelockert, Red Bull könnte profitieren und wieder mehr Anpressdruck generieren. Doch Alonso kündigte an, von nun an in jedes Rennen zu gehen, als sei es seine letzte Chance auf den Titel.

Der Deutsche führt mit 204:124 Punkten

Die ist auch für Webber längst gekommen, in seinem Alter darf man die Möglichkeiten nicht mehr ungenutzt lassen. „Mark hat die Fähigkeit und die Möglichkeit, Rennen zu gewinnen. Ich gebe ihn mit dem heutigen Tag nicht auf“, sagte Horner. Dabei sagt die Statistik etwas anderes: Zwei Mal stand Webber in dieser Saison auf der Pole Position, führte jedoch nach keiner einzigen der bisherigen 551 Runden dieser Saison ein Rennen an.

Seinen bisher letzten Grand Prix gewann er vor beinahe einem Jahr in Budapest, im internen Duell führt der Deutsche mit 204:124 Punkten. Nicht nur deshalb kam der WM-Führende zu einem simplen Fazit: „Ich verstehe nicht, warum hier so viel Wirbel gemacht wird“, sagte er. „Irgendwie amüsiert mich das alles nur.“ Doch auch Vettel sah nicht danach aus, als könnte er darüber lachen.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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