18.01.2012 · Die Rallye Monte Carlo erlebt eine Renaissance. Bei der Rückkehr der Grande Dame des Motorsports soll die Erinnerung an glorreiche Zeiten wieder aufleben. Beim Auftakt dominiert Sébastien Loeb.
Von Leonhard KazdaSie hat viel Spott ertragen müssen in den zurückliegenden Jahren - die große Dame des Motorsports: die Rallye Monte Carlo. „Eine Rallye für Weicheier“, grummelte schon vor 13 Jahren Christian Geistdörfer, der einstige Beifahrer der deutschen Rallye-Legende Walter Röhrl. Selbst der Großmeister des deutschen Rallyesports, der es als einziger Fahrer fertigbrachte, auf vier verschiedenen Autos das Rennen zu gewinnen, sprach despektierlich von einer „Micky-Maus-Rallye.“
In diesen Tagen erlebt der Klassiker jedoch eine Renaissance. Drei Jahre lang war die Monte nicht im Kalender der Rallye-WM zu finden. In diesem Jahr nehmen die Titelkämpfe nun wieder an der Mittelmeerküste ihren Auftakt.
Und endlich umfasst die Rallye, die am Mittwoch begann, wieder vier aufregende Tage mit insgesamt 18 Wertungsprüfungen. In den Jahren zuvor war die wilde Hatz durchs Fürstentum kürzer gewesen, was bei den Fans nicht gut ankam. Bei der Rückkehr der Grande Dame des Motorsports soll nun die Erinnerung an glorreiche Zeiten wieder aufleben - schließlich ist es die achtzigste Auflage der Rallye.
So wird es die Rückkehr einer lange verschwundenen Tradition des Rennens geben: die „Nacht der langen Messer“. Durch ein Nachtfahrverbot, das die Rallye-WM verhängt hatte, war der inoffizielle Höhepunkt gestrichen worden. Am Samstag überquert die Monte gleich zweimal den legendären Col de Turini.
Eine der Prüfungen wird sogar bei Dunkelheit gefahren - eine Reminiszenz an ebenjene Nacht, in welche die Scheinwerfer der Rallye-Autos jetzt wieder wie Messer in die Dunkelheit schneiden. Tückisch vereiste Straßen, Fans, die Schnee auf die Piste schippen, kurz bevor ein Konkurrent ihres Favoriten die Stelle passiert, die verschlungenen Kurven, die holprigen Asphaltpisten in den Seealpen, die gewaltigen Höhenunterschiede, das im Winter unberechenbare Wetter am Mittelmeer - all das sind Faktoren, die diese Rallye so einzigartig machen.
Die 89 Teams, die beim Saisonauftakt am Start sind, stellen sie vor allem bei der Reifenwahl vor eine große Herausforderung. Die richtige Entscheidung bei der Wettfahrt durch das Steuerparadies getroffen zu haben, ist so etwas wie ein Gewinn in einem Roulettespiel.
Mit fünf Siegen bei der Monte ist der WM-Titelverteidiger Sébastien Loeb in seinem Citroën DS3-WRC der erfolgreichste Pilot dieses Klassikers. „Ich habe es immer genossen, hier zu fahren“, sagt Loeb: „Es ist eine phantastische Rallye.“ Der Franzose gab gleich zum Auftakt eine Kostprobe seines Könnens. Er führt nach vier von 18 Wertungsprüfungen mit mehr als einer Minute vor dem Spanier Sordo in einem Mini. Loeb ist schon jetzt mit acht nacheinander gewonnenen Titeln der erfolgreichste Rallyefahrer.
Der Rekordhalter hat einen der schärfsten Konkurrenten in seiner eigenen Mannschaf, den finnischen WM-Zweiten Mikko Hirvonen. In Monaco liegt der zurzeit auf Rang sechs, 2:30 Minuten hinter dem Champion. Falls Hirvonen schneller sei als er, habe er damit kein Problem, hatte Loeb vor der Saison erklärt. Auf diese Charakterprüfung aber will Loeb verzichten.