03.01.2011 · Die importierte Rallye Dakar ist zum südamerikanischen Volksfest geworden, und der VW-Motorsportdirektor sieht sich mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert. Sportlich begann die Neuauflage indes, wie sie 2010 endete.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresZum dritten Mal liegt Dakar am Jahresbeginn zwei Wochen lang in Argentinien. So wenig die Leute am Río de la Plata über die westafrikanische Stadt wissen, so häufig stößt man an den ersten Januartagen im hochsommerlichen Buenos Aires auf den Namen. Die Rallye Paris-Dakar, 2009 zum ersten Mal aus Sicherheitsgründen nach Südamerika verlegt, wird immer mehr zu einem argentinisch-chilenischen Spektakel. Und diesmal stellt Argentinien sogar mit 88 der mehr als 430 gemeldeten Fahrer das größte Kontingent. In Buenos Aires fand „die Dakar“ bei ihrem Start am Neujahrstag trotz der Feiertags- und Sommerferienlethargie bei strahlendem Sonnenschein wieder begeisterte Zuschauer. Der Rallye-Start ist zu einem argentinischen Volksfest geworden.
Nach den Überprüfungen wurden 407 Fahrzeuge zugelassen, die die erste Etappe bis zur Stadt Victoria in der Provinz Entre Ríos absolvierten. Das war nur eine Art Schaulaufen, der Wettstreit begann dann erst auf der 788 Kilometer langen Strecke nach Córdoba. Die 9500 Kilometer lange Rallye-Route führt auch diesmal wieder durch den landschaftlich reizvollen Nordwesten Argentiniens und, nach der Andenüberquerung, durch den Norden Chiles. Sie enthält lange ebene Pisten, steppenartige und bewaldete Gebiete, steiniges Gelände und vor allem Wüstenlandschaften. Die gewaltigen Dünen in der Atacama stellen für die meisten Fahrer die größte Herausforderung dar. In Chile ist die Dakar-Rallye ähnlich wie in Argentinien zu einem populären Großereignis geworden. Der südliche Zipfel der Route führt bis zur Minenstadt Copiapó, in deren Nähe im Oktober die 33 verschütteten Bergleute in einer spektakulären Rettungsaktion geborgen wurden.
Spektakuläre Hummer-Sprünge
Die Navigation spielt diesmal eine noch größere Rolle als bisher. Auf die „Way points“, die obligatorischen Kontrollpunkte, wird erst 800 Meter und nicht wie bisher 3000 Meter zuvor aufmerksam gemacht. Dass dies ein erhöhtes Risiko für folgenreiche Fehlentscheidungen mit sich bringt, hat auch der Vorjahressieger und unbestrittene Großmeister in der Automobilkategorie, der Spanier Carlos Sainz, zugegeben. Sainz, der auf den neuen Volkswagen Race Touareg 3 setzt, gewann am Sonntag gleich die erste Wertungsprüfung nach Córdoba. Er wird auch diesmal wieder von seinem gleichfalls bei VW heimischen Rivalen, dem Qatarer Nasser Al-Attiyah, bedrängt. Mit dem gleichen Fahrzeug wollen der Sieger 2009, der Südafrikaner Giniel de Villiers, und der Zweite von 2010, der Amerikaner Mark Miller, den Favoriten den Sieg streitig machen.
Bei den Motorrädern ist die Entscheidung nach der Begrenzung auf Maschinen von 450 Kubikzentimeter so offen wie nie zuvor. Sie könnte das Ende der Vorherrschaft des Franzosen Cyril Despres und des Spaniers Marc Coma bedeuten, die bei den vergangen fünf Rallyes das Rennen mit 690-Kubikzentimeter-KTM-Maschinen für sich entschieden hatten. Bei den Quads könnte wie im Vorjahr alles wieder auf einen Heimsieg des argentinischen Brüderpaares Marcos und Alejandro Patronelli auf den ersten beiden Plätzen hinauslaufen.
Bei den Lastwagen ist der Russe Wladimir Tschagin von neuem Favorit. Der Amerikaner Robby Gordon dürfte mit seinem orangefarbenen Hummer wieder zum Spaßvogel der Rallye werden. Schon beim Start in Buenos Aires erfreute er das Publikum mit spektakulären Hummer-Sprüngen.
Getrübtes Blau von Volkswagen
Das Blau von Volkswagen beherrscht nicht nur die Riege der Spitzenpiloten bei den Personenwagen, es färbte auch auf das Volksfest am Startpunkt in Buenos Aires auf dem Messegelände der „Rural“ ab, auf dem zu anderen Jahreszeiten statt der bunten Rallye-Fahrzeuge Rinder, Pferde und Schweine paradieren. Volkswagen führte auf einem eigens eingerichteten Parcours voller Stolz seinen neuen Geländewagen „Amarok“ vor, der – allerdings begleitet von Anfangsschwierigkeiten – in Argentinien produziert wird.
Und Volkswagen sorgte auch für erste Negativschlagzeilen, nachdem Vorwürfe gegen Kris Nissen, den Motorsportdirektor des Unternehmens, laut geworden waren, er habe Frauen sexuell bedrängt. Es geht vorrangig um ein Vorkommnis beim Formel-3-Grand-Prix in Macau, doch haben inzwischen offenbar auch die schwedische Dakar-Rallye-Teilnehmerin Tina Thörner und die Deutsche Jutta Kleinschmidt Belastendes über Nissen ausgesagt. VW hielt sich mit einer Stellungnahme zurück, doch wurde eine Ablösung des Motorsportchefs, der sich in Argentinien aufhält, noch während der ersten Rallye-Tage nicht mehr ausgeschlossen.
An der dritten in Südamerika ausgetragenen Dakar-Rallye nehmen so wenige Frauen wie nie zuvor teil. Von den 407 Fahrzeugen werden nur 13 von Pilotinnen gesteuert, eine von ihnen ist die Deutsche Tina Meier. Die spanische Motorradfahrerin Laia Sanz, die zum ersten Mal an der Tour teilnimmt, glaubt, dass viele Frauen Angst vor dem Mitmachen haben, weil die Rallye als die härteste weltweit gilt und es wohl auch ist. Sie will den Motorsportlerinnen zeigen, dass es doch geht – vor allem ihren südamerikanischen Geschlechtsgenossinnen. Von ihnen ist keine einzige im Rennen.
Transkription aus dem Russischen
Thomas Müller (TMdriver)
- 03.01.2011, 10:48 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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