12.12.2006 · Ab in den Steinbruch - das X-Raid-Rallyeteam von Jutta Kleinschmidt hat ihre neuen Rennwagen in einem Basaltwerk in Unter-Widdersheim getestet. Am 6. Januar stehen die Boliden am Start der Dakar-Rallye.
Von Leonhard KazdaRallyefieber in der Wetterau. Fröstelnd stehen zwei Dutzend Menschen im naßkalten Wind, der über die Basaltgrube in Unter-Widdersheim weht. „Wann kommen sie denn endlich“, will ein Junge wissen und zieht den Kragen seines Anoraks hoch. Ein kurzer Anruf bringt Klarheit. „In zwanzig Minuten sind wir da“, sagt Sven Quandt am Mobiltelefon. Quandt ist der Chef des Rallye-Rennstalls X-Raid, der in Trebur beheimatet ist. Fünf Rennwagen schickt X-Raid am 6. Januar in Lissabon an den Start der Dakar-Rallye, die am 21. Januar in der senegalesischen Hauptstadt Dakar endet.
Am Wochenende war aber zunächst einmal die Wetterau Station für drei Rennwagen von X-Raid. Mit dabei auch die Dakar-Siegerin von 2001, Jutta Kleinschmidt, die sich vor ein paar Monaten dem Treburer Team angeschlossen hat, um in einem BMW X3 CC auf die große Wüstenfahrt zu gehen. Doch so weit ist es noch nicht - Unter-Widdersheim statt Dakar, Basaltgrube statt Saharasand, Nieselregen statt Wüstenklima.
Test des brandneuen BMW X3
Was treibt die Dakar-Rallye in die Wetterau? Der ungewöhnliche Abstecher der allradgetriebenen Wüstenrenner war ein sogenannter „Roll-out“, ein Test für die neuen Fahrzeuge von X-Raid. Der X3, in dem Jutta Kleinschmidt und ihre schwedische Beifahrerin Tina Thörner an den Start in Lissabon gehen werden, ist brandneu. Der X3 des Franzosen Guerlain Chicherit ist komplett überarbeitet, genau wie der X5 des Brasilianers Jose Luis Monterde. Ein Fahrzeug aus der X-Raid-Flotte des Unternehmers Quandt, der X3 von Nasser Al-Attiyah aus Quatar, hat bei der zurückliegenden Dubai-Rallye bereits seine Feuertaufe bestanden und hat deshalb die Tests in der Wetterau ausfallen lassen.
Endlich sind sie da. Brummend und grummelnd biegen die Rennwagen auf den matschigen Vorplatz des Basaltwerkes ein. Bettina Nickel, Geschäftsführerin des Familienunternehmens, begrüßt die Gäste. Auf einem kleinen Campingtisch stehen Kaffee und Lebkuchen bereit. Auch Jutta Kleinschmidt greift zu und hält einen kleinen Plausch mit der Chefin des Unternehmens, die wissen will, wie sich die Rennfahrerin denn so fit hält, daß sie eine Wüstenrallye wie die Dakar überstehen kann. „Viel Training“, lautet die Antwort der einzigen Frau, die die Dakar bislang gewonnen hat. Inzwischen werden die Rennwagen für die Tests vorbereitet. Hier muß noch ein Sitz justiert, da eine Handbremse eingestellt werden.
Der Motor brüllt
Dann kann es losgehen. Chicherit, der schnelle Franzose, macht den Anfang und jagt seinen X3 über die rund ein Kilometer lange Strecke durch den Steinbruch. Der Motor des BMW brüllt und die Lader des Biturbos pfeifen, als sei ein Jet im Anflug über dem Ort Nidda, zu dem Unter-Widdersheim gehört. Chicherit kennt keine Gnade und jagt seinen weißen Renner mit Vollgas über die Trassen des Tagebaus, daß die Basaltbrocken nur so fliegen. Der Franzose kennt sich nicht nur im Auto mit waghalsigen und spektakulären Manövern aus. Als Skifahrer ist er in der Disziplin Freeriding der beste der Welt, gewann im März bei den Titelkämpfen in den Vereinigten Staaten die Weltmeisterschaft. Bei der WM 2007 in Lac de Tignes wird Chicherit ganz sicher am Start sein. „Das wird ein Heimspiel für mich“, sagt der Franzose, der in Tignes wohnt.
Doch im Januar ist zunächst einmal die Dakar an der Reihe. Jutta Kleinschmidt, die von Volkswagen zum Team von Quandt kam, hat sich einen Podiumsplatz vorgenommen. Bei den Tests in der Wetterau macht die Wahl-Monegassin in ihrem neuen Dienstwagen einen konkurrenzfähigen Eindruck. Staunend beobachten die wenigen Zuschauer - meist Mitarbeiter des Balsaltwerkes, die von den Tests erfahren haben -, wie die Rennwagen über ihr Firmengelände jagen. Der Kontakt zwischen dem Betrieb und dem Rennstall besteht schon länger. Vor zwei Jahren wurden vor den schwarzen Steinen von Unter-Widdersheim Fotos von den Wüstenrennern geschossen.
Am Ende gibt es als Dankeschön für die Gastfreundschaft noch Taxifahrten für Mitarbeiter des Steinbruchs. Ein paar Minuten auf dem heißen Sitz neben Jutta Kleinschmidt - diese Gelegenheit hat man nicht allzu oft. „Warum hast du denn so einen roten Kopf“, fragt einer, während sich sein Kollege nach rasanter Fahrt aus dem engen Käfig des Rennwagens zwängt. So schnell war vermutlich in der 125 Jahre alten Firmengeschichte noch niemand unterwegs im Basalt von Unter-Widdersheim. Am Montag kehrte wieder Alltag ein. Ruhe wäre der verkehrte Ausdruck. Statt röhrender Rennwagen donnern nun wieder die mächtigen Kipplaster über die steinigen Trassen.