15.01.2007 · Sie ist eine Invasion irrwitziger Wüstenvehikel in schreiend-schrillen Farben, eine täglich neue Fachmesse für Freaks, Abenteurer oder spleenige Typen. Dirk von Zitzewitz, deutscher Kopilot des Führenden Giniel de Villiers, sitzt oft wie auf heißen Kohlen. Mit FAZ.NET-Bildergalerie.
Von Bernd Steinle, MauretanienSchillernde Farben wirken fremd hier. Wer sich Atar nähert, einem kleinen Ort im Norden Mauretaniens, sieht Brauntöne, Grautöne, ein paar versprenkelte, matte Grüntöne. Mehr nicht. Rund um Atar herrscht Wüste, Hunderte von Kilometer weit, Sandwüste, Steinwüste. In dieser gleichförmigen, staubverwehten Einöde sticht das wimmelnde bunte Heerlager, das sich neben dem Flugplatz von Atar ausgebreitet hat, hervor wie ein grell geschmückter Christbaum am Nordpol. Fremd? Es wirkt fast außerirdisch.
Zwei Tage lang war die Rallye Dakar in Atar zu Gast. Das bedeutet: eine Invasion irrwitziger Gefährte in schreiend-schrillen Farben, beklebt mit Startnummern, Schriftzügen, Sponsorenlogos. Und das Erscheinen einer imposanten Instant-Zeltstadt für 2000 Menschen, mit zwanzig Flugzeugen, zehn Hubschraubern, 240 Service-Trucks und rund 500 Rennvehikeln: Motorrädern, Quads, Autos, Lastwagen. Im teppichweichen Berberzelt des Buffet-Restaurants, Großküche und Treffpunkt des Camps, werden laut Veranstalter 12.000 Flaschen Wasser ausgegeben - täglich.
„Als Rookie hast du keine Chance“
Es ist ein wanderndes Industriegebiet, das während der Dakar an jedem Etappenziel aus dem Boden schießt, eine täglich neue Fachmesse für Motorsport-Freaks, Abenteurer oder spleenige Typen, die nebenher Extremskifahrer, Achttausender-Bergsteiger oder Präsidententöchter sind - wie im Fall der Senegalesin Syndiely Wade.
Die Dakar - ein wanderndes Industriegebiet
Dirk von Zitzewitz erlebt das Spektakel nun zum achten Mal. Dreimal war er mit dem Motorrad dabei, viermal mit dem Auto. An seine erste Nacht erinnert er sich gut. „Ich habe im Biwak kein Auge zugetan“, sagt er. Vor Lärm, Staub, Dreck, Arbeit. „Als Rookie hast du keine Chance, vorne dabei zu sein.“ Über den Status des Neulings ist der 15malige deutsche Enduro-Meister längst hinaus. Nach der siebten Etappe zum Ruhetag nach Atar führte der Kopilot mit dem Südafrikaner Giniel de Villiers auf einem VW Race Touareg die Rallye an. Nicht zuletzt, weil er jahrelang auch als Motorradpilot Dakar-Erfahrung gesammelt hat. „Du musst ein Gefühl für das Gelände entwickeln“, sagt von Zitzewitz, „einen Instinkt dafür, wie die Wüste funktioniert.“
VW ist da, wo es hinwollte: ganz vorne
„Diese Erfahrung kannst du nicht kaufen“, bestätigt Pilot Giniel de Villiers. Und doch ist sie das A und O bei der Dakar. Das zeigt nicht zuletzt die bisherige Vorstellung des Volkswagen-Werksteams, das nach den Plätzen drei und zwei in den Vorjahren nun gleich mit zwei Autos die Rangliste anführt. „Wir sind da, wo wir hinwollten, ganz vorne“, sagt VW-Motorsport-Direktor Kris Nissen. Und ergänzt, bei aller Vorsicht, die bei der Dakar bis zum letzten Tag angebracht ist: „Wir haben einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.“
Hinter diesem Schritt steckt nicht nur Instinkt und Intuition, sondern auch harte Arbeit: durch die 78 Teammitglieder, die im Begleittross mitfahren und die im Biwak die halbe, wenn es sein muss auch die ganze Nacht die Race Touaregs auseinandernehmen und wieder zusammensetzen; und durch die acht Fahrer und Beifahrer, die in diesem Jahr den ersten Dakar-Sieg für VW holen wollen.
„Sitzt als Beifahrer wie auf Kohlen“
Für Dirk von Zitzewitz begann die Arbeit Mitte des vergangenen Jahres, als die ersten Gerüchte über die Dakar-Route 2007 laut wurden. Monat für Monat wurden die Hinweise konkreter, und von Zitzewitz begann, sich an die Route heranzutasten, mögliche Streckenverläufe auszuarbeiten. Wo es tatsächlich langgeht, wird erst am Abend vor der Etappe klar - nach dem Ausgeben des Roadbooks. Drei bis fünf Stunden macht sich von Zitzewitz dann mit der Streckenbeschreibung vertraut, markiert diffizile Passagen, versucht, undurchsichtige Stellen zu klären. Und trotzdem bleiben manchmal Fragen offen.
Zum Beispiel, wenn ein Sandsturm die Sicht auf zehn Meter beschränkt und von dem Berg oder gar einem einzelnen Stein, der im Roadbook als Anhaltspunkt aufgeführt ist, weit und breit nichts zu sehen ist. Oder wenn es 80 Kilometer querfeldein geht und danach ein GPS-Wegpunkt angefahren werden muss, der sich erst auf drei Kilometer Entfernung einschaltet und die Richtung zum nächsten Wegpunkt anzeigt. „Manchmal sitzt du da als Beifahrer wie auf Kohlen“, sagt von Zitzewitz. „Vor allem, wenn du einen bestimmten Referenzpunkt längst erreicht haben solltest, und er taucht einfach nicht auf. Das kann ganz schön auf die Nerven gehen.“
Der schnellste Wal der Wüste
In solchen Situationen hängt viel vom perfekten Zusammenspiel im Auto ab. „Manchmal hört der Fahrer schon einen kleinen Zweifel aus meinem Kommando heraus und kommt dann selbst mit Ideen, wie es weitergehen könnte“, sagt von Zitzewitz. Eine gewisse menschliche Nähe zwischen Pilot und Kopilot ist dabei kein Muss, macht aber vieles leichter. „Wenn du zwei Wochen lang zusammen im Auto bist und täglich Extremsituationen erlebst, kann es sonst schon mal zum Knall kommen.“ Mit Giniel de Villiers verbindet ihn eine enge Freundschaft. Die stieß bisher nur an ihre Grenzen, als von Zitzewitz auf einer Verbindungsetappe einmal den Country-Sänger Johnny Cash im Auto laufen ließ.
Irgendwann, sagt Dirk von Zitzewitz, will er auch selbst mal bei der Dakar am Steuer sitzen. „Das reizt mich unheimlich, ist aber im Moment noch weit weg. Für mich ist es erst mal ein Traum, die Dakar als Navigator zu gewinnen.“ So nahe wie im Moment war er diesem Traum noch nie. Vielleicht liegt das bei aller Arbeit und Intuition auch an dem Maskottchen, das die beiden seit ihrer Stop-and-go-Fahrt durch die Gasse begeisterter Rallye-Fans im Hafen von Málaga im Auto haben. „Da hat uns jemand ein Stofftier, einen Wal, durchs Fenster geworfen“, sagt von Zitzewitz. Seither haben sie „den schnellsten Wal der Wüste“ mit an Bord.