04.01.2008 · Die 30. Rallye Dakar ist zu Ende, bevor sie begann. Die Teams reagieren mit Frust, aber auch mit Verständnis. Drohungen einer regionalen Gruppierung der Al Qaida hatten dem Veranstalter keine Wahl gelassen.
Von Bernd Steinle, LissabonDie Gesichter sprachen Bände. Carlos Sainz, zweimaliger Rallyeweltmeister, seit kurzem erstmals Marathon-Rallye-Weltcupsieger und einer der Favoriten bei der 30. Auflage der Rallye Dakar, war einer der ersten, die den Konferenzraum im Teamhotel der Volkswagen-Motorsportmannschaft verließen. Ernüchtert, enttäuscht, frustiert, mit steinernem Gesicht und konsterniertem Blick schritt der Spanier durch die Hotelhalle.
Kurz zuvor hatte er erfahren, was wenig später für hunderte von Teilnehmern der Wüstenrallye am Freitag, einen Tag vor dem geplanten Start in Lissabon, offiziell zum Ende aller Träume wurde: Die Rallye Dakar 2008 wurde abgesagt, aus Sicherheitsgründen - zum erstenmal in ihrer Geschichte.
„Direkten Drohung von Terrororganisationen“
Am Tag zuvor hatte die französische Regierung eine Reisewarnung für den nordafrikanischen Staat Mauretanien ausgegeben, durch den die auf zwei Wochen und 9.273 Kilometer angesetzte Rallye neben Portugal, Spanien, Marokko und Senegal führen sollte. Hintergrund war der Mord an vier französischen Touristen am 24. Dezember letzten Jahres. Die Tat wurde mit einer regionalen Gruppe der Terrororganisation Al Qaida im Maghreb in Verbindung gebracht. Wenig später fielen im Norden des Landes an der Grenze zu Algerien und der Westsahara drei Soldaten einem Überfall zum Opfer.
Doch das war noch nicht alles: „Aufgrund der gegenwärtigen internationalen politischen Spannungen und des Mordes an den vier französischen Touristen, vor allem aber wegen einer direkten Drohung von Terrororganisationen gegen die Rallye gab es keine andere Möglichkeit als die Rallye abzusagen“, sagte Rallye-Direktor Etienne Lavigne.
Mehrere tausend Soldaten reichen nicht
Der Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) hatte die Informationen über die konkreten Terrordrohungen tags zuvor von der französischen Regierung erhalten. „Die Regierung hat uns dringend nahegelegt, die Rallye abzusagen“, sagte Lavigne. Die ASO sah sich daraufhin nicht in der Lage, diese Empfehlung zu übergehen - Frankreich stellt traditionell mit Abstand das größte Kontingent der Starter bei der Wüstenrallye. „Die Hauptaufgabe der ASO ist es, die Sicherheit für die Teilnehmer zu gewährleisten. Diese Aufgabe werden wir immer ernst nehmen“, sagte Lavigne.
Wenige Tage zuvor erst hatte er noch nach einem Treffen mit mauretanischen Behördenvertretern mitgeteilt, der Veranstaltung sei von mauretanischer Seite größtmögliche Sicherheit zugesagt worden. Die Behörden hätten Garantien abgegeben, wonach die Sicherheitsmaßnahmen während der Rallye verstärkt würden. Unter anderem sollten mehrere tausend Soldaten den Rallye-Tross schützen. Da die Terrordrohungen gegen die Rallye sich nun aber offenbar nicht nur auf Mauretanien, sondern auf die gesamte Region bezogen, griff Lavigne zur letzten, drastischen Maßnahme.
Anspruchsvollen Passagen erweitert
Mauretanien war ursprünglich als Höhepunkt der Rallye Dakar 2008 ausersehen. Acht Tage lang sollte die Strecke durch die mauretanischen Wüstengebiete führen - eine Entscheidung, die nicht zuletzt aufgrund der Kritik am Streckenverlauf der Dakar 2007 zustande gekommen war, die nach Ansicht vieler Fachleute zu wenige wirklich schwierige Abschnitte enthalten hatte. So wurde für die Jubiläumsauflage 2008 die Zahl der auf Zeit gefahrenen Wertungskilometer um rund ein Drittel gesteigert, die anspruchsvollen Passagen durch die Wüstengebiete wurden deutlich erweitert. Den Ausweg, nun kurzfristig auf die Etappen in Mauretanien zu verzichten, verwarf die ASO als unrealistisch. „Wir wollen eine große Rallye organisieren, nicht ein Fiasko“, sagte Lavigne.
Schon in den Jahren zuvor hatte die Rallye Dakar immer wieder spezielle Sicherheitsmaßnahmen für ihre Teilnehmer treffen müssen. So überfiel im Januar 1999 in Mauretanien eine bewaffnete Bande rund 50 Rallye-Teilnehmer. Die Räuber erbeuteten vier Autos, drei Lastwagen und ein Motorrad und nahmen ihren Opfern Geld und Papiere ab.
VW: „Das Risiko ist einfach zu hoch“
Ein Jahr später wurden nach einer Terrordrohung vier Prüfungen im Niger vollständig abgesagt, mehr als 1000 Rallye-Teilnehmer und ihre 500 Fahrzeuge wurden in einer spektakulären Aktion mit Frachtflugzeugen ausgeflogen. Die Rallye wurde mehrere Tage später andernorts weitergeführt. Anfang 2005 hatte die amerikanische Regierung eine Warnung herausgegeben, wonach ihre Staatsbürger bei der Rallye Dakar akuter Gefahr ausgesetzt seien. Ein geplanter Überfall wurde jedoch noch rechtzeitig vereitelt.
Bei den Teams stieß die Entscheidung der ASO trotz geballten Frusts auf Verständnis. „Die Sicherheit geht absolut vor, da sind wir der gleichen Ansicht wie die ASO“, sagte VW-Motorsportdirektor Kris Nissen. „Wir akzeptieren die Gründe, das Risiko ist einfach zu hoch. Trotzdem ist die Absage für alle Mitglieder unseres Teams eine große Enttäuschung.“
In welcher Form die Rallye Dakar künftig fortgeführt wird, ist im Moment noch offen. Mit viel Trotz in der Stimme sagte Rallye-Direktor Etienne Lavigne: „Die Dakar ist ein Symbol, und nichts kann ein Symbol zerstören. Die Absage der Rallye 2008 wird die Zukunft der Dakar nicht in Frage stellen.“ Wie und wo diese Zukunft freilich Realität wird, darüber schwieg sich Lavigne noch aus. Er deutete aber an, dass die traditionsreiche Marathon-Rallye künftig nicht mehr durch Afrika führen könnte.
Einer Folge dieser denkwürdigen Dakar 2008, der Rallye, die zu Ende war, bevor sie überhaupt gestartet wurde, war sich Etienne Lavigne jedoch sehr deutlich bewusst. Ob er die Absage als Sieg für den Terrorismus sehe, wurde der Rallye-Direktor abschließend gefragt. „Ja“, sagte Lavigne. „So leid es mir tut, das sagen zu müssen, aber das ist es.“ Es ist ein Sieg, der noch ganz anderen Sportveranstaltungen zu schaffen machen könnte als jenem bei vielen umstrittenen Spektakel namens Rallye Dakar.