19.06.2011 · Der ehemalige Formel 1-Fahrer Ralf Schumacher gerät in eine angenehme Erklärungsnot: Nach drei schwachen Jahren in der DTM nimmt er plötzlich viel Tempo auf. Ins Rennen am Sonntag auf dem Lausitzring startet Schumacher aber nur von Platz 17.
Von Anno HeckerVierzehnter, Elfter, Vierzehnter: Die Bilanz von Ralf Schumacher in seinen ersten drei Jahren als Pilot der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) deutete auf das übliche Schicksal ehemaliger Formel-1-Piloten hin. Sie kamen mit großen Erwartungen und gingen geschlagen. Ob Jean Alesi, Heinz-Harald Frentzen oder selbst der zweimalige Weltmeister Mika Häkkinen, mehr als ein Sieg sprang - in welchem Auto auch immer - nicht heraus. So weit ist Ralf Schumacher zwar noch nicht gekommen.
Der sechsmalige Grand-Prix-Gewinner (drittbester Deutscher der Formel-1-Geschichte) dachte im Frühjahr 2010 sogar an einen Rückzug: „Ich hatte einen dürftigen Start“, erzählt Schumacher, „und habe dann zu Norbert (Haug, Mercedes' Sportchef) gesagt: Wenn jetzt nichts kommt, dann lassen wir es besser.“ Aber es kam etwas. Erst die Pole-Position am Norisring und nun der Ansatz einer Konstanz im Führungszirkel: hohes Tempo in der Qualifikation, starke Ergebnisse im Rennen.
„Es ist die Reife“
Schumacher begann das Jahr als Dritter beim Saisonauftakt in Hockenheim, wurde Zweiter beim vergangenen Lauf in Spielberg. Vor dem nächsten Duell zwischen Mercedes und Audi an diesem Sonntag auf dem Lausitzring, wo er nach verpatzter Qualifikation allerdings nur als Siebzehnter startet, liegt der Rheinländer auf Rang vier der Gesamtwertung und ist in die angenehmste Erklärungsnot geraten: Wie kommt man im Alter von 35 nach drei Jahren als Mitfahrer doch noch in die Gänge? Schumacher lacht. „Es ist die Reife“, sagt er. Und der Reifen. Mit dem Vorgängermodell von Dunlop sei er nicht zurechtgekommen. Der Umstieg der Serie auf das koreanische Produkt Hankook gibt ihm nun mehr Spielraum bei der Behandlung. „Er hat ein größeres Fenster“, sagt Schumacher und meint die Bandbreite der Bedingungen, unter denen die Gummis Haftung bieten. „Außerdem fahre ich jetzt im dritten Jahr das gleiche Auto. Alles hat sich automatisiert, ich habe die Umstellung meines Fahrstils abgeschlossen.“
Alle Kollegen aus der Beletage des Motorsports gerieten nach ihrem Wechsel in die DTM ins Schleudern. Der einstige McLaren- und Red-Bull-Fahrer David Coulthard kurvt zurzeit als Hinterbänkler über die Pisten. Obwohl das Leben in den rund 500 PS starken Rennwagen mit Dach deutlich langsamer abläuft als im Formel-1-Cockpit, obwohl man nicht ganz so viel Mut braucht, obwohl in den Kurven nicht die G-Kräfte auftreten, die in der Königsklasse schon mal das Vier- bis Fünffache des eigenen Körpergewichts erreichen.
Ein runder Fahrstil
Denn der DTM-Renner hat fast das doppelte Gewicht, fordert aber auch deshalb einen runderen Fahrstil sowie eine peinlich genaue Präzision: „Ich empfinde das Fahren in der DTM als komplizierter“, sagt Schumacher. „Es ist sehr diffizil, diese Autos am Limit zu bewegen, ohne Fehler zu machen.“ Selbst ein kleiner Schnitzer kann im Qualifikationstraining jede Kalkulation über den Haufen werfen. In Spielberg lagen die ersten vier Piloten auf eine Runde innerhalb von nicht einmal 0,2 Sekunden. Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hatte im Red Bull am vergangenen Samstag in Montreal als Schnellster 0,5 Sekunden Vorsprung vor Ferrari-Star Fernando Alonso.
Ehemalige Formel-1-Fahrer werden in der DTM also regelmäßig eingenordet. Das hängt auch mit der Konstellation der Serie zusammen. In dieser Werksmeisterschaft mit den Protagonisten Mercedes und Audi - im nächsten Jahr kommt BMW hinzu - steht der Pilot nicht so im Mittelpunkt wie in der Formel 1. Seine Macht und sein Einfluss auf technische Entwicklungen sind deutlich geringer. „In der Formel 1 wird das Auto mehr oder weniger um den besseren Fahrer herum gebaut“, sagt Schumacher. „In der DTM sucht man grundsätzlich die beste Performance, ohne dass ein einzelner Fahrer besonderen Einfluss hätte. In der Regel wird vieles vorgegeben, und du musst damit klarkommen. Das ist schon eine sehr große Umstellung.“
Drei Jahre Fahrschule
Schumacher fühlte sich nach seinem Wechsel - das damalige Formel-1-Team Toyota hatte Ende 2007 den Vertrag nicht verlängert - wie in eine andere Sportart versetzt. „Ich musste bei null anfangen, den Resetknopf drücken.“ Sein Bruder hatte ihm eine harte Zeit prophezeit: „Wir Schumachers haben für Autos mit Dach kein Talent.“ Nach drei Jahren Fahrschulung zunächst im Team Mücke (2008) und seit 2009 bei HWA im nominell ersten Mercedes-Team der DTM scheint der jüngere Bruder des Rekordweltmeisters allerdings gerüstet für die Attacke auf das Establishment mit dem 28 Jahre alten Branchenführer Bruno Spengler (Kanada/Mercedes).
„Das müssen wir noch abwarten“, sagt Schumacher mit leicht angezogener Handbremse, „wir haben ja erst drei Rennen hinter uns.“ Immerhin ist er auf eine Premierenfeier in der DTM eingestellt. Die erste große Party nach Rang drei in Hockenheim überstand sein Wohnmobil, obwohl das halbe Team einfiel. „Eine Generalreinigung genügte“, erzählte Schumacher. Für eine Sause nach dem ersten Sieg wäre er also gerüstet. Der Boden dafür ist bereitet: „Ich habe Fliesen verlegen lassen.“