22.07.2007 · Im Jahr eins nach dem Ausstieg seines Bruders läuft es für Ralf Schumacher alles andere als rund. Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Toyota-Fahrer über die neue Langsamkeit der Formel 1, ihre Sicherheit und seine verbleibenden Ziele in der laufenden Saison.
Im Jahr eins nach dem Ausstieg seines Bruders läuft es für Ralf Schumacher alles andere als rund. Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Toyota-Fahrer über die neue Langsamkeit der Formel 1, ihre Sicherheit und seine verbleibenden Ziele in der laufenden Saison.
Neun von 17 Rennen sind gefahren, Toyota liegt nur auf Rang sechs der Konstrukteurswertung, Ihr bestes Resultat ist ein sechster Platz gewesen. Ist das, gemessen an Ihrem Anspruch und dem von Toyota, nicht ein Desaster?
Wir schlagen uns zur Zeit sicher unter Wert, was die reinen Ergebnisse betrifft. Da war auch Pech dabei. Aber die Leistungskurve, das hat man zuletzt im Qualifying gesehen, geht nach oben. Natürlich können wir nicht zufrieden sein. Aber wir haben ja noch ein paar Rennen, um einiges geraderücken zu können.
Sie meinen, ein Sieg, wie Sie ihn vor der Saison angekündigt hatten, ist noch drin?
Wir sind, was unsere Möglichkeiten betrifft, ein Topteam. Da erwartet jeder, dass wir um den Sieg mitfahren. Das haben wir bei weitem nicht erreicht. Allerdings waren wir, als das formuliert wurde, keinen Meter mit dem Auto gefahren. Ein Sieg ist im Moment eher unrealistisch. Aber das bleibt das Ziel.
Haben Sie als Fahrer eine Mitverantwortung?
Wir gewinnen und verlieren als Team gemeinsam. Sicher hatte ich gewisse Schwierigkeiten. Das Qualifying in Monaco war nicht okay (Achtzehnter). Der Unfall in der ersten Kurve von Indianapolis kann passieren, darf aber eigentlich nicht.
Haben Sie wegen der harten Einheitsreifen auch Ihren Fahrstil ändern müssen?
Ja. Aber das hat in den letzten Rennen und beim Testen schon ganz gut funktioniert. Fahrer und Team müssen sich drauf einstellen.
Welche Fahrstile gibt es denn?
Es gibt Fahrer, die tendieren dazu, in die Kurven hineinzurollen, den Bremsvorgang vor dem Einlenken abzuschließen und den Schwung mit in die Kurve zu nehmen. Ich bremse lieber extrem spät, kombiniere das mit dem Einlenken.
Und das geht nun nicht mehr?
Man braucht bestimmte Bedingungen dafür. Wegen der harten Reifen und weil der Frontflügel jetzt höher sein muss (Abstand zum Boden), hat man nicht mehr die Haftung auf den Vorderrädern wie früher. Man muss jetzt runder fahren. Das ist nicht das, was ich gewohnt war. Man sieht aber bei McLaren, dass Lewis Hamilton und Fernando Alonso nach wie vor recht aggressive Fahrer sind. McLaren hat es hinbekommen, diese Fahrweise auf das Auto umzusetzen.
Wie ist es zu erklären, dass junge Fahrer wie Hamilton oder Kubica (BMW-Sauber) problemlos einsteigen und die Formel-1-Welt auf den Kopf stellen?
Durch die Regeländerungen ist das seit einigen Jahren schon so. Früher musste man ein Formel-1-Auto brutal ans Limit bringen, sich selber überwinden. Die Sprünge von den Nachwuchsserien in die Formel 1 waren größer. Unsere Autos waren irrsinnig schnell in Kurven. Aber wegen der Einschränkungen bei der Aerodynamik, wegen des künstlich zurückgeschraubten Reifengrips (von Profillosen auf Profilpneus bis hin zum Einheitsreifen) kann man nicht mehr so spät bremsen. Die Reifen würden blockieren. Der Formel-1-Fahrstil ist inzwischen schon vergleichbar selbst mit dem der Formel 3.
Das Formel-1-Fahren ist also leichter geworden?
Es ist für die Nachwuchsfahrer leichter geworden einzusteigen, weil sie sich nicht mehr überwinden müssen. Die Umstellung ist nicht mehr besonders groß. Die Formel 1 hat an Sicherheit gewonnen. Wenn man an Sicherheit gewinnen will, dann verringert man die Geschwindigkeit, da haben die Fahrer mitgewirkt. Es ist eine andere Formel 1.
Wollen Sie einen Rückschritt?
Nein. Wenn die Entwicklung ungehindert fortgelaufen wäre, dann wären wir heute nicht mehr in der Lage, die Autos ans Limit zu bringen. Sie wären zu schnell für uns.
In Montreal ist Kubica schwer verunglückt, ohne sich ernsthaft zu verletzen. In Magny-Cours flog ein GP-2-Bolide durch die Luft und auf eine Mauer. Kann man solche Crashs verhindern?
Wohl kaum. Aber es gibt Fahrer, die vielleicht auf Grund des Sicherheitsstandards oder weil sie noch keine schweren Unfälle am eigenen Leib erlebten wie einst auf der Kartbahn fahren. Die machen einigen Unfug, zucken mal eben, fahren wie in der GP2 mit ihren Autos gegeneinander. Das sollte der Internationale Automobil-Verband verbieten. Die Fahrer müssen lernen, von sich aus vorsichtiger zu sein.
Muss man nicht auch an den Autos etwas ändern, wenn bei einer Berührung gleich einer abfliegt wie eine Rakete in Cap Canaveral?
Ja. Bei Kubica und in Magny-Cours hat man gesehen, wie die Autos durch die Luft fliegen können. Es hilft auch nicht, die Zäune noch höher zu machen und dergleichen. Man muss einen Weg finden, die Autos am Boden zu halten. Die Erfahrungen werden zu Designänderungen führen müssen.
Zu welchen?
Man könnte etwa eine Stoßstange vorschreiben. Sie wäre so konzipiert, dass man bei einem absichtlichen Kontakt Aerodynamikteile verliert und langsamer wird.
Finden Sie die Formel 1 spannend?
Ja. Die Wechsel bei McLaren-Mercedes und Ferrari, die Kämpfe von Hamilton, Alonso, Räikkönen und Massa, manchen Auftritt von BMW finde ich interessant. Dieses Jahr ist es eher spannender als in den Jahren zuvor.
Und Ihr Bruder spielt keine Rolle mehr.
Die Formel 1 ist halt größer als der Einzelne. Wir leben in einem Sport, in dem das Heute im Grunde schon als Vergangenheit betrachtet wird. Michael ist eine historische Größe der Formel 1, und solange er noch bei Ferrari ist, wird er auch im Blickpunkt bleiben. Aber in zehn Jahren wird das anders sein. Man respektiert die Ehemaligen. Aber wie ist das mit Alain Prost? Der war viermal Weltmeister, und sein Ruhm ist heute doch verblasst. So wird es uns allen nach der Karriere gehen.
Ihr Vertrag mit Toyota läuft dieses Jahr aus. Bleiben Sie?
Es ist zu früh, darüber zu reden. Aber ich fahre nächstes Jahr Formel 1, keine Sorge.
Die Fragen stellte Anno Hecker.