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Norbert Haug Ruhender Pol im Tollhaus

05.06.2009 ·  Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug soll im Machtkampf der Formel 1 vermitteln. Im Tollhaus der Branche ist Haug in den vergangenen Wochen als ruhender Pol entdeckt worden. Er wirkt als Relaisstation zwischen den Kombattanten.

Von Anno Hecker
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Da kommt die nächste Mail geflogen. Norbert Haug schaut schnell nach. Er konnte immer schon mehrere Dinge gleichzeitig. Rede und Antwort stehen, Rennszenen im Fernsehen schauen, äußerst präsent und im folgenden Moment abwesend sein. In diesen Tagen ist das Multitasking-Talent des Motorsportchefs von Mercedes besonders gefragt. Der elektronische Posteingang registriert inzwischen wesentlich mehr Nachfragen von besorgten Kollegen aus der Formel 1 als Freundesgrüße in die Welt des großen Motorsports.

Der 56 Jahre alte Baden-Württemberger scheint auf dem Höhepunkt des Machtkampfes zwischen den Rennställen und dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), Max Mosley, wie eine Relaisstation zu wirken. Geschaltet wird von allen Seiten über Haug. Die Londoner „Times“, Mosley nahe, nennt den „Mercedes-Plan“ als Basis für ein Friedensabkommen und stellt Haug in den Mittelpunkt. Plötzlich ist er, der qua Amt „nur“ Motoren zu bieten hat, der entscheidende Antrieb.

Der Abgang von Ron Dennis ermöglichte den Strategiewechsel

Vom Beifahrer bei McLaren zum Lotsen aus der Formel-1-Krise? „Da sollte man den Ball flach halten“, sagt Haug. „Und außerdem bin ich auch bei McLaren schon immer in die wesentlichen Entscheidungen mit eingebunden gewesen, das hat man nur nach außen hin nicht so gemerkt, weil Ron Dennis zweifellos eine dominante Rolle gespielt hat.“

Dennis, bis zum März Teamchef von McLaren, ist einer der Schlüssel für die neue Konstellation. Jahrelang führte der Brite Grabenkämpfe mit Mosley. Sie mündeten nach teilweise zweifelhaften Entscheidungen gegen McLaren-Piloten durch Mosleys Regelhüter zum grotesken Urteil in der Spionage-Affäre 2007. Unter anderem musste das Team 100 Millionen Dollar zahlen. Dennis konnte sich noch bis zur Lügen-Affäre um Weltmeister Lewis Hamilton im April halten, dann aber musste er sich vollständig aus dem McLaren-Geschäft zurückziehen. Auf Druck des Anteileigners (40 Prozent) Mercedes. Ein Schachzug, der den Rennstall nicht nur aus der Schusslinie nahm, sondern den Weg freimachte für einen Strategiewechsel. „Es gibt halt Menschen, bei denen man mit nackter Konfrontation nichts erreicht, auch wenn man noch so richtig liegt“, sagt Haug. „Da muss man mit Gefühl rangehen.“

Haug wurde als ruhender Pol entdeckt

Haug ist ein Mann mit Herz. Der Blutdruck steigt für gewöhnlich, wenn seine Boliden kreisen und er nicht selbst mit leichter Hand am Lenkrad durch die Kurven driftet. Sternstunden weiß der frühere Journalist spontan zu feiern, bis an die Drehzahlgrenze. Schlechte Zeiten entwickeln sich intern schon mal in stürmische. Im Tollhaus der Formel 1 aber ist Haug in den vergangenen Wochen als ruhender Pol entdeckt worden.

Weil seit dem Abgang von Dennis kurioserweise der langjährige FIA-Vertraute und Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo Mosley scheinbar unversöhnlich die Stirn bietet (siehe: Formel 1: Ferrari auf Crashkurs). Der Sprecher der Teamvereinigung Fota drohte, die Scuderia aus dem Spiel zu nehmen, und konnte deshalb nicht mehr als Vermittler auftreten. Zudem hatte sich Ferrari vor vier Jahren als käuflich erwiesen. Mit Sondervereinbarungen lockte die FIA die Italiener 2005 zu einem Wechsel aus dem Rennstall-Lager in die eigenen Reihen. „Man vertraut Mercedes mehr als den anderen Teams“, sagt ein Insider, „Toyota ist so aggressiv wie Ferrari, bei BMW und Renault weiß man nicht so genau, wo die Reise hingeht. McLaren ist durch die letzten Vorkommnisse verbrannt, aber Mercedes hat auch wegen der Motorenlieferungen an andere Teams enorm an Einfluss gewonnen.“

Der Kompromiss bleibt ein heikles Spiel

Vorsichtig hat Haug mit McLarens Teamchef Martin Whitmarsh im Streit um die massive Kostenreduzierung zwischen Mosley und den eigenen, unberechenbaren Kombattanten vermittelt. Ein heikles Spiel. Der „Mercedes-Plan“ sieht nun vor, dass die Budgets innerhalb der nächsten beiden Jahre von 100 Millionen Euro auf 45 sinken. Unter anderem sind Fahrergagen, Motorenkosten und Marketingposten nicht enthalten. Damit kleinere Teams in die Formel 1 einsteigen oder mithalten können, sollen sie die Möglichkeit erhalten, zu günstigen Konditionen bei den Großen einzukaufen. Ferrari und Toyota könnten ihr Gesicht wahren, weil das ganze Programm nicht mehr Budget-Cap genannt wird, sondern „Finanzkontrolle“ auf freiwilliger Basis. Damit entfiele auch die von Mosley geforderte automatische Kontrolle der Buchführung durch eine Fremdfirma.

Stattdessen soll ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen nur nach dem Rechten schauen, falls ein Gegner begründete Zweifel an der Einhaltung der Ausgabengrenze formuliert. Ob das reicht? Mit der Einschreibung der Teams am Freitag für die Saison 2010 dokumentierte die Fota nur ihren guten Willen. Mehr nicht. Ihre Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit machen aber deutlich, welche Hürden noch zu überwinden sind. Unter anderem soll Mosley eine transparente Verwaltung garantieren. Die Fota will seine Solotouren unterbinden. „Wir sind noch nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg“, sagt Haug. Er weiß zu gut, dass schnelle Richtungswechsel typisch sind für die Formel 1. Also wird er weiter rotieren. Wie eine Ausgleichswelle.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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