11.11.2011 · Die Vertragsverlängerung von Nico Rosberg hat einen strategischen Hintergrund. Der Formel-1-Pilot will bei Mercedes aufbauen, was Vettel mit Red Bull gelungen ist.
Von Hermann Renner, Abu DhabiDie Mercedes-Fahrer konnten jüngst viel über ihre Zukunft in der Zeitung oder im Netz lesen. „Rosberg bei Ferrari“ trommelten kurz nach dem Grand Prix von Indien diverse Internetseiten. „Zu dem Zeitpunkt war meine Vertragsverlängerung mit Mercedes schon durch", sagt Nico Rosberg und lächelt sparsam. Die Vertragsdauer wurde kryptisch mit „bis 2013 und darüber hinaus" kommuniziert. Kenner entziffern die Formulierung so: Zwei Jahre plus Option. Wenn Mercedes bis 2013 keine Siegerautos baut, darf Rosberg das Formel-1-Team verlassen.
Teamkollege Michael Schumacher erfuhr aus der Zeitung, dass er Mercedes bis Ende 2013 treu bleibt: „Da wissen einige Journalisten mehr als ich. Der Zeitpunkt, über meine Zukunft nachzudenken, ist noch nicht gekommen."
Darüber aber wird zurzeit gerne spekuliert. Denn auf der Rennstrecke sind die Entscheidungen um die Titel zwei Grand Prix vor Ende der Saison gefallen. Um so interessanter erscheint der Wettlauf um die Cockpits. Aber auch in diesem Spiel sind die begehrtesten Plätze besetzt.
Sebastian Vettel bleibt bis 2014 bei Red Bull, Jenson Button bis 2014 bei McLaren, Fernando Alonso bis 2016 bei Ferrari, und Lewis Hamilton wird in Kürze ebenfalls langfristig auf die Karte McLaren setzen. Niki Lauda kritisiert die Rentenverträge der aktuellen Fahrergeneration. „Ich würde nur für zwei Jahre unterschreiben, und dann meinen Preis hochtreiben", sagt der schlaue Österreicher: „Das kommt mir so vor, als wären die Herren schon satt und würden sich auf die Pension vorbereiten.“ Nico Rosberg muss sich den gleichen Vorwurf gefallen lassen.
Nach einer zweiten Saison mit Mercedes ohne einen Sieg wurde im Fahrerlager die Frage gestellt: Warum wieder Mercedes, und warum so lange? Bei Ferrari wird für 2013 ein Platz frei. Es sei denn, Felipe Massa rettet sich noch mit einer Leistungsexplosion. Aber so verlockend der Name Ferrari auch ist. Man bekommt es in Maranello mit Fernando Alonso zu tun.
Der Spanier ist der Chef im Stall. Mehr als es Michael Schumacher je war. Bestens vernetzt, politisch mit allen Wassern gewaschen, eiskalt. Dazu gilt Alonso als der kompletteste Fahrer der Gegenwart. Wer gegen den Weltmeister von 2005 und 2006 bestehen will, muss eine Überportion Selbstvertrauen mitbringen oder am Anfang seiner Karriere stehen.
Ein Sergio Perez (Sauber) könnte sich eine Niederlage gegen Alonso erlauben. Rosberg nicht. Dann wäre der Ruf, ein potentieller Weltmeister zu sein, schnell zerstört. Doch der 26 Jahre alte Pilot denkt nicht so. Vor zwei Jahren ist er Lewis Hamilton bei McLaren noch aus dem Weg gegangen, aber mittlerweile zählt er zu der Kategorie Fahrer, die von sich überzeugt sind, jeden schlagen zu können. Rosberg will sich bei Mercedes etwas Eigenes aufbauen. Wie Schumacher einst mit Ferrari und Vettel gerade mit Red Bull. Den letzten Ausschlag gab die Kampfansage der Mercedes-Chefs zur Formel 1 im Spätsommer. „Wir müssen drei Plätze besser werden", forderte Rennleiter Norbert Haug.
Den Worten folgten Taten. Mit Geoff Willis und Aldo Costa kamen hochrangige Ingenieure an Bord. „Es ist ganz klar der Wille zu erkennen, dass Mercedes das beste Team im Feld werden will", sagt Rosberg. Der Blondschopf ist auch wegen seines Vaters, des Weltmeisters von 1982, vorbelastet und entsprechend sensibilisiert für die Motorsporthistorie. Immer, wenn Rosberg Jr. einen Mercedes-Termin wahrnimmt, werden die glorreichen Siege von Juan-Manuel Fangio im Silberpfeil gezeigt. Rosberg hofft, dass sich die Geschichte wiederholt - und dass er dann der Hauptdarsteller sein wird. Er stellt Mercedes auf eine ähnliche Stufe wie Ferrari: „Wenn ich als deutscher Fahrer auf einem Silberpfeil gewänne, hätte das etwas noch Größeres."
Aber der Platz bei Mercedes ist für Rosberg kein Ruhekissen. Sein Alonso heißt Michael Schumacher. Der Altmeister wehrt sich energisch gegen den Ansturm des Jüngeren. Während das Trainingsduell eindeutig an Rosberg geht, schlägt der Rekordsieger immer häufiger im Rennen zurück. In der zweiten Saisonhälfte steht es nach Punkten 42 zu 35 für Schumacher. „Michael ist eine Chance für Nico", urteilt Haug: „Im Rennen hat Michael ein paar Qualitäten, von denen sich Nico noch etwas abschauen kann." Zum Beispiel die Zweikampfstärke im Pulk oder das Haushalten mit den Reifen.
Schumachers Steigerung hat mit der Umbesetzung der Renningenieure zu tun. Seit er mit Jock Clear zusammenarbeitet, zeigt die Formkurve nach oben. Der frühere Ingenieur von Jacques Villeneuve ist wie Schumacher ein Tüftler, der ständig nachfragt und den Fahrer mit Informationen versorgt. Weil Clear im vergangenen Jahr noch an Rosbergs Auto assistierte, strickten Beobachter daraus eine Bevorzugung Schumachers.
Tatsächlich hatte Rosberg um einen Personalwechsel gebeten. Er wollte Tony Ross, den er aus seiner Zeit bei Williams kennt. Clear wurde daraufhin für ein halbes Jahr zum Innendienst in die Fabrik abgezogen, bevor sich Schumacher einen neuen Ingenieur wünschte. Weil Schumacher beim Renen in Indien dank besserer Strategie und schnellerer Boxenstopps an Rosberg vorbeizog, sprachen seine Gegner sofort von einer Stallregie. Die Analyse der Rundenzeiten ergab aber, dass der Ältere mit zunehmender Abnutzung der Reifen schneller als Rosberg fuhr.
Die beiden werden wohl keinen Stammtisch gründen, aber sie vertragen sich. Weil der eine die Stärken des anderen respektiert. Auch deshalb bleibt Rosberg im Team. Schumacher ist eine Größe, die er einschätzen kann. Und was sagt Schumacher zu der Vertragsverlängerung? Knappe Antwort aus berufenem Mund: „Eine vernünftige Entscheidung."