14.09.2008 · Zum Schluss ist es eine Vertrauensfrage: Ist er ein Siegertyp? Nick Heidfeld hat schon viel erreicht. In Monza steht er vor dem Teamkollegen am Start - und doch nur auf Platz zehn. Um seinen Platz bei BMW zu sichern braucht er dringend einen Sieg.
Von Anno Hecker, MonzaZum Schluss ist es eine Vertrauensfrage. Ist er ein Siegertyp? Nick Heidfeld hat schon viel erreicht. Nach Meisterschaften in allen Aufbauserien für die Formel-1-Lizenz etablierte sich der Mönchengladbacher als Überlebenskämpfer im großen Kreisverkehr, stieg sogar auf zum deutschen Führungspiloten nach Punkten.
Er steht an der Spitze der deutschen Pilotenschar vor dem fünftletzten Grand Prix der Saison (siehe: Formel 1 in Monza: Spettacolo in der Heimat von Ferrari) an diesem Sonntag in Monza. Er wohnt mit Familie in einem gediegenen Heim in der Schweiz, er fährt als BMW-Mann für den drittbesten Formel-1-Rennstall und braucht sich um die Rente schon lange nicht mehr zu sorgen. Heidfeld zählt zu den Gewinnern.
Sieben Mal war er ganz nahe dran - und doch nur Zweiter
Es fehlt nur die letzte Runde. Der letzte Beweis, dass er kann, was er will: „Siegen, Weltmeister werden.“ Da lässt er nicht locker. Nicht mal nach 145 Rennen, in denen er sieben Mal ganz nahe dran war am Triumph. Sieben zweite Plätze in fast neun Jahren Formel 1; das ist mehr, als die meisten Piloten zu bieten haben. Aber viel weniger, als Heidfeld sich erträumt hat. Nur der weitaus Zweitbeste?
Er kann das begründen, Station für Station ab dem Debüt 2000: Sein Prost schleppte sich mit Mühe über die Piste, den Sauber bremste das Budget-Limit eines Privatteams, der Jordan blieb stets unterentwickelt, der Williams trotz BMW-Unterstützung flügellahm. Jahr für Jahr lag es am Auto. Doch kaum hat Heidfeld mit dem BMW-Sauber 2008 einen Boliden zur Hand, der für Angriffe auf das Establishment taugt, da kommt der Steuermann ins Schleudern. Noch ist nicht sicher, ob er auch im nächsten Jahr BMW fährt. Denn Heidfeld konnte oft das Potential des Boliden nicht nutzen, brauchte Sondertests, um zu finden, was ihm auf dem Weg zum großen Ziel fehlt: Vertrauen.
Wäre Heidfeld schneller im Training, BMW wäre wohl gleichauf mit McLaren-Mercedes
Bei Rennfahrern hängt die Zuversicht vom Gefühl im entscheidenden Moment ab. Kann ich am Limit einlenken? Macht das Auto, was ich erwarte? Teamchefs orientieren sich vor der Antwort auf die Vertrauensfrage eher an Statistiken. Elf Mal hat Teamkollege Robert Kubica den siebeneinhalb Jahre älteren Heidfeld in 14. Qualifikationsrunden geschlagen. Auch der kleine Erfolg am Samstag, Zehnter vor dem Polen (siehe: Formel-1-Sensation in Monza: Vettel fährt auf die Pole), ändert kaum den Schnitt: Heidfeld startete drei bis vier Startplätze hinter dem Jungstar.
BMW läge in der Fahrerwertung wohl gleichauf mit McLaren-Mercedes auf Rang zwei, wenn Heidfeld nicht nur in den Rennen auf Touren käme, sondern auch samstags fixer wäre. Jahrelang hat der Deutsche Könner in dieser Disziplin in Schach gehalten: Jean Alesi, Kimi Räikkönen, Heinz-Harald Frentzen oder auch Felipe Massa. Trotzdem fiel die Wahl der Topteams immer auf andere. Mercedes kaufte Räikkönen bei Sauber aus dem Vertrag und ließ den Protegé Heidfeld links liegen. Massa stieg inzwischen bei Ferrari zum WM-Kandidaten auf. Heidfeld aber droht nun die Verdrängung durch einen Piloten, dem man alles zutraut: Fernando Alonso.
Alonso will die beste Möglichkeit ergreifen - das dürfte BMW sein
Am Freitag gab Ferrari die Verlängerung des Vertrages von Räikkönen über 2009 hinaus bekannt. Die Cockpits sind besetzt. Eine Rückkehr zu McLaren-Mercedes ist nach dem Streit 2007 ausgeschlossen. Und so müsste BMW als „dritte Kraft“ (Sportchef Theissen) zwangsläufig ins Visier des zweimaligen Weltmeisters rücken. Denn er „will so schnell wie möglich wieder Rennen gewinnen“. Zwar sprach Alonso am Samstag von der „ersten Priorität Renault“.
Aber der Rückfall der Franzosen ins Mittelfeld der Formel 1, sie liegen 71 Punkte hinter dem deutschen Team mit Schweizer Rennwagenmanufaktur, gilt nicht unbedingt als vertrauensbildende Maßnahme. Hinter den Kulissen schimpft der Spanier heftig über die Mängel im Rennstall. Dass er in aller Öffentlichkeit an glorreiche Zeiten im Weltmeisterteam des Jahres 2005 und 2006 erinnert, könnte zur Strategie des Poker-Spielers gehören. Immerhin ließ er sich schon einmal in die Karten schauen: „Dieses Jahr war nicht so gut wie erhofft. Ich muss schauen, ob der R29 (das Auto für die nächste Saison) besser sein wird. Wenn nicht, dann muss ich für 2009 die beste Möglichkeit ergreifen.“
Alonso gilt als enfant terrible - ist aber umgänglich genug
Das wäre nach dem Stand der Dinge der weiß-blaue aus München und Hinwil. Alonso für Heidfeld? Der aufmüpfige, fordernde, auch öffentlich kritische Spanier für den zurückhaltenden, konzilianten, teambewussten Jungen vom Niederrhein? Seit der schlagzeilenträchtigen Auseinandersetzung mit McLaren-Mercedes gilt Alonso als „enfant terrible“ der Szene.
Trotz der Leistungsschwäche seines Renault ist der ständig auf Sieg getrimmte Alonso aber offenbar doch so umgänglich, dass Renaults Technischer Direktor Pat Symonds impulsive Reaktionen des Asturiers gelassen wegsteckt: „Wir sind alles wettbewerbsorientierte Menschen. Wir wollen das Beste, und ich denke, dass wir Fernando als den Besten ansehen.“ Als einen, den man für sein Tempo vergoldet. 25 Millionen Dollar soll er bei Renault pro Jahr angeblich erhalten.
Heidfeld ist ein heikler, Alonso ein teurer Fall
Für eine halbe Sekunde. Für einen Zeitsprung, der ein Vielfaches kosten würde, wenn man denn wüsste, wie er sich in der Fabrik produzieren ließe. „Er hat das drauf“, behauptet Symonds, „garantiert.“ Tür und Tor hat auch Hondas Teamchef Ross Brawn, bei Ferrari der strategische Kopf bis zum Ende der Ära Schumachers, geöffnet. „Meiner Ansicht nach ist er im Moment der beste Fahrer in der Formel 1. Wir hoffen, dass er zu uns kommt.“ Der erste logische Adressat von Alonso aber hält sich zurück: „Ich möchte nicht über die reden, die möglicherweise für uns interessant sind“, sagt BMW-Sportchef Mario Theissen. Aus Rücksicht? Aus taktischen Gründen?
Heidfeld ist ein heikler Fall, Alonso ein teurer. BMW scheint noch etwas Zeit zu brauchen: „Wir haben uns etwas dabei gedacht, dass wir die Fahrerentscheidung nach hinten verschoben haben“, sagt Theissen auf die Frage, ob sein deutscher Fahrer mit dem starken Auftritt in Spa (2.) Pluspunkte gesammelt habe. Ein Vertrauensbeweis ist das noch nicht.