20.06.2005 · Nach dem Skandal von Indianapolis steht die Formel 1 weltweit in der Kritik. Vor allem auf dem größten Automarkt der Welt ist die Zukunft des Milliarden-Geschäfts in Frage gestellt.
Am Tag nach dem Skandal von Indianapolis stand das Milliarden-Geschäft Formel 1 weltweit in der Kritik. „Es war das katastrophalste PR-Desaster in der 56-jährigen WM-Geschichte“, brachte die britische Tageszeitung „The Guardian“ das internationale Medienecho auf dem Punkt. Welche Dimension der gewaltige Imageschaden hat, war am Montag noch nicht absehbar. Auf dem größten Automarkt der Welt in den USA ist die Zukunft der Formel 1 nach der Riesenblamage in Frage gestellt (Siehe auch: Interview Schumacher: „Man braucht sich nicht wirklich zu freuen“).
Zumindest bei Michelin war der Schaden meßbar: Die Aktien des französischen Reifenherstellers sanken am Montag um über zwei Prozent (Siehe auch: Hintergrund: Das Reifenduell zwischen Bridgestone und Michelin ). Für den Automobil-Weltverband FIA war die Schuldfrage klar. „Die Formel 1 ist ein sportlicher Wettbewerb. Er beruht auf klaren Regeln. Es kann nicht jedes Mal verhandelt werden, wenn ein Teilnehmer die falsche Ausrüstung mitbringt“, erklärte die FIA am Montag und bezichtigte damit die sieben Michelin-Rennställe, sie hätten wegen eigener Fehler und Mängel die Regeln verändern wollen. Dies jedoch wäre „unfair“ gewesen. „Mit ihrer Weigerung, nicht anzutreten, weil die FIA nicht die Regeln brechen und Bridgestone benachteiligen wollte, haben sie sich selbst und dem Sport geschadet“ (Siehe auch: Michelin-Aktie wirkte schon druckvoller). Die FIA bestellte unterdessen die sieben
Michelin-Teams zu einer Anhörung nach Paris ein.
Schumacher wurde zur Zielscheibe der Wut
Statt eines „Boykotts“ hätten die Michelin-Ställe die Geschwindigkeit ihren Reifen anpassen müssen. In jedem Fall hat der Große Preis von Amerika fast nur Verlierer hinterlassen. Auch Michael Schumacher durfte sich nach dem Erfolg in dem Rumpf-Grand-Prix mit 6 statt 20 Autos nicht als Sieger fühlen. Der Ferrari-Pilot wurde zur Zielscheibe der Fan-Wut.
Nach dem Reifen-Skandal: Das Image der Formel 1 ist ruiniert
Im gellenden Pfeifkonzert waren er, sein Teamkollege Rubens Barrichello und Jordan-Pilot Tiago Monteiro auf das Siegerpodest geklettert. Die Fans warfen mit Aluminiumdosen und Eiswürfeln. Schumacher mußte von Sheriffs geschützt werden. Schon während des Rennens hatten Zuschauer Flaschen und Pappbecher auf die Strecke geworfen und damit die Piloten gefährdet.
„Wir haben nichts verkehrt gemacht“
„Man ist schnell dabei, einen Schuldigen zu finden. Aber ich glaube nicht, daß Ferrari in irgendeiner Weise schuldig ist. Wir haben nichts verkehrt gemacht“, meinte der Weltmeister, der mit den Reifen des japanischen Michelin-Konkurrenten Bridgestone unterwegs war. Überbewerten wollte der 36jährige die Vorgänge aber nicht. „Ich habe 84 Rennen gewonnen. Da kann ich mir auch einen merkwürdigen Sieg leisten“, sagte er nach seinem ersten Saison-Erfolg.
Auslöser des Desaster sei allein Michelin gewesen, das keinen sicheren und damit wettbewerbsfähigen Reifen liefern konnte. Doch die von den Franzosen ausgerüsteten Teams McLaren-Mercedes, BMW-Williams, Toyota, BAR-Honda, Renault, Sauber und Red Bull versuchten nach ihrem kollektiven Startverzicht Ablenkungsmanöver und schoben die Verantwortung auf den Weltverband. „Leider wurden unsere Vorschläge von der FIA zurückgewiesen“, stellten sie in einer Erklärung fest.
Keine „Lex Michelin“
Michelin wollte glauben machen: „Wenn man unseren Vorschlägen gefolgt wäre, hätte wir die Sicherheit garantieren können.“ Auf Wunsch von Michelin sollte die Steilkurve auf dem Speedway mit einer Schikane langsamer gemacht werden. Die FIA war am Sonntag, auch weil Ferrari sich quer stellte, nicht bereit gewesen, die Regeln zu ändern und eine „Lex Michelin“ zu schaffen. 14 Rennautos kamen deshalb nach der Aufwärmrunde wieder in die Box.
In der Steilkurve war Toyota-Pilot Ralf Schumacher am Freitag nach einem Reifenschaden verunglückt und hatte die Michelin-Misere ausgelöst. „So wie ich einige Fahrer verstanden habe, hätte das sowieso nichts genützt“, meinte Schumacher zu den Bauplänen. Auch wenn der Titelkampf durch den zu erwartenden Dreikampf zwischen Renault-Pilot Fernando Alonso (59), McLaren-Mercedes-Mann Kimi Räikkönen (Finnland/37) und Schumacher (35) Spannung verspricht, ist der Imageschaden in den Vereinigten schwer wieder gut zu machen.
„Es war ein Fiasko, ein Debakel“
„Goodbye Formel 1! Auf Nimmerwiedersehen Bernie Ecclestone, Au revoir Michelin. Ciao Ferrari“, verabschiedete die Zeitung „Indianapolis Star“ den PS-Zirkus. „Es war ein Fiasko, ein Debakel. Und für Anwälte ein Segen.“ Der Vertrag von Formel-1-Chef Ecclestone mit der Indianapolis-Strecke, wo seit 2000 die Formel 1 fährt, gilt bis 2006. „Es gibt aber noch keine Verpflichtung für nächstes Jahr“, stellte Indy- Geschäftsführer Joie Chitwood klar.
Nach dem Rennen nahmen die Betreiber des „Indianapolis Motor Speedway“ den Hinweis auf den Vorverkauf für das 2006 von ihrer Webseite. „Es tut mir leid für sie. Sie wurden betrogen“, meinte Ecclestone über die Fans. „Wir waren gerade dabei, ein großartiges Image in Amerika im Fernsehen und bei den Fans aufzubauen. Doch das wurde aus dem Fenster geworfen.“ Die Indy-Verantwortlichen prüfen, ob sie zumindest einen Teil der rund 20 Millionen Dollar Antrittsgeld für das Fahrerfeld zurückfordern werden. „Wir raten allen Fans, die ihrem Ärger Luft machen wollen, sich an Michelin, die FIA und an das Formula One Management“, meinte Strecken-Chef Tony George und veröffentlichte die entsprechenden Adressen. George hatte seinen Mitarbeitern die Teilnahme an der Siegerehrung untersagt.
Das Echo in der internationalen Presse war verheerend (Siehe auch: Internationale Pressestimmen: „Ruhe in Frieden, Formel 1“ ). „Ein Albtraum“, schrieb der italienische „Il Messagerro“. „L'Est Républicain“ aus Frankreich schrieb: „Es hätte sicherlich eine Möglichkeit gegeben, das Gesicht zu wahren. Doch in diesem Milieu, das durch Geschäftemacherei verdorben ist, ist man unfähig sich zu einigen.“ Das Schweizer Boulevardblatt „Blick“ zeigte indes Verständnis für die Michelin-Teams: „Lieber Pfiffe als Tote.“