08.09.2006 · Michael Schumacher schweigt weiter eisern und läßt die Formel-1-Welt über seine Zukunftspläne rätseln. Auch kurz vor dem Großen Preis von Italien verweigerte der Rekordweltmeister jede Antwort auf die Frage, ob er am Saisonende in Rente geht.
Von Anno Hecker, MonzaKeine Geschichte ohne Michael Schumacher. Das ist der Trend vor dem Großen Preis von Italien an diesem Sonntag in Monza. Schließlich steht mit dem viertletzten Rennen der Saison die Weltmeisterschaft auf dem Spiel und kurz danach die Zukunft der Formel 1 in Deutschland. Wenn vielleicht eine Viertelstunde nach der großen Sause im königlichen Park von Monza die dritte große Frage der Deutschen innerhalb von zehn Monaten beantwortet wird; nach der Kanzler- und der Torwartfrage zur WM nun also die Fahrerfrage.
Sicher ist dabei nur eines: Was auch immer Ferraris Chefpilot im Namen des Teams am Sonntag erklären läßt, die zentrale Figur, der erfolgreichste Pilot der Formel-1-Geschichte, hat die Strategien von anderen Teams und die Geschicke von Kollegen und solchen, die es werden wollen, indirekt beeinflußt. Schumacher ist der Schlüssel.
Über die Ära des Superstars hinaus denken
Am Donnerstag schwebte Heikki Kovalainen durchs Fahrerlager. Vor Freude. Mit Schumacher hat der 25 Jahre alte Finne bislang nichts am Hut gehabt. Aber er könnte dem Deutschen dankbar sein. Denn seit Mittwoch ist er offiziell Stammpilot bei Renault für die Saison 2007: vom Testfahrer (25000 Kilometer) zum Grand-Prix-Piloten in einem Weltmeisterteam.
Soweit kommt es, weil Schumacher beizeiten nicht wußte, wie seine Zukunft aussehen sollte, und Ferrari sich deshalb gezwungen sah, über die Ära des Superstars hinaus zu denken und zu handeln: So wurde Kimi Räikkönen von McLaren-Mercedes weggelockt. Spätestens am Sonntag - da besteht im Fahrerlager kein Zweifel - drückt die Scuderia dem Finnen das berühmte Siegel mit dem springenden Pferdchen auf die Brust. Da auch Weltmeister Fernando Alonso umsteigt, nämlich von Renault zu McLaren, stand Renault im Frühjahr ohne Siegfahrer mit WM-Potential da.
Es kommen neue Gesichter
Zwar schürte Teamchef Flavio Briatore alle Gerüchte, wenn er sie nicht sogar lancierte, Räikkönen werde statt bei Ferrari bei Renault landen. Der gewiefte Taktiker schloß sogar eine Verpflichtung von Schumacher nicht aus. Aber wahrscheinlich diente all dies nur dem Versuch, einen Ersatz für den scheidenden Hauptsponsor Mild Seven zu interessieren. Räikkönen jedenfalls blieb bei seiner Wahl, Schumacher bei seiner Entscheidung, sich nur für Ferrari weiterhin im Kreis zu drehen. Und so bietet sich Kovalainen, im Gegensatz zu Räikkönen und dem zweimaligen Weltmeister Mika Häkkinen ein Freund der fröhlichen Rede, die Chance seines Lebens.
Kovalainen gehört (trotz seiner 25 Jahre) der jüngeren Piloten-Generation an. Das sind Fahrer, die schon als Kinder in Go-Karts kletterten, um eines Tages wie ein gewisser Kerpener um die Welt zu kreisen. "Er hat die Formel 1 zehn Jahre unter seiner Kontrolle", sagt Kovalainen, "ich würde als Neuling sehr gerne gegen ihn fahren. Falls er aber zurücktritt, dann würde eine neue Seite aufgeschlagen. Aber das ist der natürliche Kreislauf, es kommen neue Gesichter." Mehr als zuletzt.
Schumacher könnte Vettels Vater sein
Die Formel 1 scheint sich eine Verjüngungskur verschrieben zu haben. Seit dieser Saison setzt Williams auf den jungen Nico Rosberg (21 Jahre). Neben Kovalainen beförderte dessen Teamchef und Manager in Personalunion, Briatore, den Sohn des dreimaligen Formel-1-Weltmeisters Nelson Piquet jr. (21 Jahre alt) zum Testfahrer von Renault. Der über Jahre erstklassig geschulte Brite Lewis Hamilton (21) steht kurz vor einer Karriere bei McLaren-Mercedes.
BMW-Sauber schickte den alten Fahrensmann und Weltmeister Jacques Villeneuve in Pension, um dem Polen Robert Kubica (21) schon im Sommer den zentralen Job des Steuermanns im (auf Jahre ausgelegten) Milliardenprojekt anvertrauen zu können. Dazu lassen die Bayern den Heppenheimer Sebastian Vettel an diesem Freitag, wenn sie ein drittes Auto im Training einsetzen dürfen, wie in der Türkei vor zwei Wochen wieder Reifentests fahren und Erfahrungen sammeln. Vettel ist 19 Jahre alt. Schumacher könnte sein Vater sein.
Fahrlehrer für Nick Heidfeld
Als Chefpilot der Branche erschien der Rheinländer manchem jüngeren Kollegen wie ein Verkehrserzieher. Allerdings wirkte der Vergleich von Schumachers mahnendem Wort zum Rennsonntag mit seinen Taten nicht immer überzeugend auf andere Fahrer. Aber die meisten verbinden mit seinem Namen wenigstens ein inspirierendes Erlebnis: "Das erste Mal traf ich ihn beim Kartfahren. Es war toll, einen Champion neben sich zu haben", schilderte der 32 Jahre alte Toyota-Pilot Jarno Trulli (160 Grands Prix) am Donnerstag: "Ich muß ihm danken für das, was er für mich getan hat." Nick Heidfeld (29 Jahre) erinnerte sich nach 111 Formel-1-Rennen noch an eine Fahrstunde mit dem Lehrer Schumacher auf der Kartbahn in Kerpen: "Er stellte Pylonen auf, um die Ideallinie anzudeuten. Es gab keine Kurve, in der er nicht etwas auszusetzen gehabt hätte."
Den Fahrlehrerjob hat Schumacher inzwischen wohl aufgegeben. Anschauungsunterricht gibt es aber immer noch: "Man kann ihm schon ein paar Tricks abschauen", sagt Rosberg, der jüngste deutsche Stammpilot, über den Lerneffekt aus der Beobachterperspektive. Dazu gehört auch noch eine Lehre fürs Leben: "Man muß nicht in allen Ecken beliebt sein." In jedem Geschichtchen steckt ein bißchen Schumacher.