Home
http://www.faz.net/-gu4-15u51
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Michael Schumacher Der Eindringling

13.03.2010 ·  Die Aufmerksamkeit für Michael Schumacher nervt im Klub der Egomanen. Fernando Alonso, Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und Nico Rosberg müssen den Rekordweltmeister, der längst überholt sein sollte, wieder verdrängen. Schumacher scheucht die Jugend vor sich her.

Von Anno Hecker, Manama
Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (0)

Warten auf Schumacher. Der Reporter der renommierten englischen Tageszeitung „Times“ hat am Donnerstag zwei Stunden im Fahrerlager auf der Lauer gelegen. Es reichte für eine ausgewalzte Kolumne zum Thema des Jahres. Am Freitag drängten sich Kamerateams und Fotografen vor der Box von Mercedes Grand Prix, vor der Garage, in der Schumachers Dienstfahrzeug auf Böcken stand: erste Ausfahrt zum ersten Training für das erste Rennen der Saison an diesem Sonntag in Bahrein.

Rechts und links dröhnten längst die Motoren. Hier der Antrieb des 17 Jahre jüngeren Teamkollegen Nico Rosberg, dort der Bolide des Weltmeisters Jenson Button im McLaren-Mercedes. Fast unbeobachtet rollten sie hinaus zum ersten Leistungstest. Vor Schumachers Box tummelten sich Fotografen und Kamerateams. Dabei saß niemand im Auto.

Die Erwartung an den Rekordweltmeister hat bizarre Formen angenommen in den vergangenen drei Monaten. Sie erreichte am Donnerstag ausgerechnet im Fahrerlager, dem Hort geballter Formel-1-Kompetenz, ihren Höhepunkt in der Frage eines Journalisten vor den versammelten vier Weltmeistern Button, Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes), Fernando Alonso (Ferrari) und Schumacher: „Was ist, wenn Michael zu viel gewinnt? Das würde doch sehr schlecht sein für euch alle und für den Sport.“ Die jüngeren Champions antworteten wortkarg.

Wochenlang haben sie bei der Konfrontation mit der personifizierten Bedrohung aus Deutschland einen Umweg gewählt, vor allem den Mehrwert des Deutschen für ihren Sport gepriesen. „Es ist sehr gut, dass er hier ist, das kann unserem Sport helfen“, sagte Alonso, Schumachers Nachfolger in der Scuderia. Und so reagierten fast alle etablierten Piloten. Am Donnerstag aber rief Alonso dem Fragesteller später leicht genervt hinterher: „Ich bin bereit, zu siegen.“

Man fragte sich 2006, warum Schumacher ausstieg

Piloten wie der Spanier betrachten den Geschwindigkeitsüberschuss, mit dem Schumacher weltweit schon vor dem ersten Qualifikationstraining an diesem Samstag an die Spitze geschrieben und geredet wird, als willkommene Fehlinterpretation, als gewagte Hochrechnung aus den Zahlen, die Schumacher zu einem scheinbar ewigen Chefpiloten der Formel 1 gemacht haben: 91 Grand-Prix-Siege, sieben WM-Titel. Auf gut die Hälfte kommen alle anderen Rennfahrer der Generation 2010 zusammen.

Aber in der schnelllebigen Formel 1 war das in einem anderen Zeitalter. Zuletzt dominierte Schumacher 2004. In den letzten beiden Jahren vor seinem ersten Rücktritt gewann er acht Grands Prix. Im Oktober 2006 verabschiedete er sich im 249. Grand Prix mit einer seiner besten Vorstellungen in fast 16 Jahren. Man fragte sich, warum er ausstieg. Aber der erfolgreichste Pilot der Geschichte verließ den Spielplatz, den er erobert, gestaltet und zu seinem Reich ausgebaut hatte, als Zweiter. Weltmeister Alonso, damals 25, hatte das Steuer übernommen, mit dem zweiten Sieg hintereinander gegen den Platzhirsch. Alonso sollte die Lücke füllen.

Im Grunde ist Alonso drei Jahre nicht vorwärtsgekommen

Sie ist immer noch nicht ausgefüllt. Wie könnte sonst ein 41 Jahre alter Steuerkünstler nach drei Jahren Pause, nach einem Motorradunfall mit schweren Halsverletzungen als rettende Lösung für eine strauchelnde, von der Wirtschaftskrise gebeutelte Sportart willkommen geheißen werden? Die Formel 1 steht für ständige Erneuerung, immer neue Grenzen zu übverwinden. Und nicht für eine Rennserie, in der Altmeister vor lauter Lust an einem neuen Kick der Jugend vorerst die Show stehlen.

Dass es möglich ist, offenbart eine Schwäche, die Fahrer wie Alonso persönlich nehmen müssten: Schumacher stößt in ein Vakuum. Denn dem Spanier ist es bislang nicht gelungen, seine sagenhafte Begabung in eine unangefochtene Führungsposition umzusetzen. Er scheiterte 2007 grandios bei McLaren-Mercedes an einem internen Kampf gegen die Teamführung. Er verbaute sich mit seinen impulsiven Reaktionen auf eine vermeintlich ungerechte Behandlung gegenüber Lewis Hamilton selbst den Weg. Und er blieb dabei hinter dem Shootingstar der Engländer auf der Piste zurück. Die Affäre zwang Alonso, zu Renault zurückzukehren: ein Rückschritt im Ansehen, eine Reduzierung des Entwicklungstempos auf null. Im Grunde ist der gemeinhin als stärkster Fahrer der Gegenwart bezeichnete Pilot aus Oviedo drei Jahre lang nicht vorwärtsgekommen.

Alonso hat eine zweite Chance, sich über Schumacher zu definieren

Schumacher hat sich solche strategische Schwächen nie geleistet. Das relativiert den Hinweis von Weltmeister Button, in der einzigartigen Ära des Westdeutschen habe es nicht die Fülle von so talentierten Gegnern gegeben. Alonsos Kollegen vermochten die Schwäche des vermeintlichen Schumacher-Nachfolgers jedenfalls nicht zu nutzen: Kimi Räikkönen driftete bei Ferrari nach seinem WM-Sieg 2007 ins Abseits. Hamilton fehlten die Reife und die Hilfe von außen, quasi aus dem Stand fehler- wie makellos zum Frontmann aufzusteigen. Sebastian Vettel stieg erst im Sommer 2007 in die Formel 1 ein, und Button brachte 2009 erst der technische Vorteil des Brawn auf den Weg zum Champion. Sie alle haben ihre Position noch nicht gefunden.

In dieser Phase wirkt das Comeback Schumachers zwar wie ein Angriff, denn der Mercedes-Mann ist der Eindringling in einem Revier, das gerade neu geordnet wird; Alonso aber hat längst begriffen, dass er noch eine zweite Chance bekommt, sich über Schumacher zu definieren, sich des übermächtigen Schattens zu entledigen: „Ich bin glücklich, dass er hier ist. Ein Rennen oder die Weltmeisterschaft gegen Michael auf der Strecke zu gewinnen ist mehr wert.“

Schumacher wirkt frischer als 2006

Es wäre kein Wunder, wenn Alonso, oder die Weltmeisterkollegen, vielleicht auch Nico Rosberg den Rekordpiloten hinter sich ließen. Im Gegenteil: Es wäre ein Desaster für sie, wenn es dem Senior gelingen würde, seinen verwaisten Thron wieder einzunehmen. Schumacher ist zwar, das bestätigen seine professionellen Pulsfühler, mindestens so fit wie zu seinem grandiosen Abschiedsrennen in Brasilien 2006. Er strotzt also vor Kraft.

Was man nicht nur an Muskeln sieht, die sich unter seinem Rennoverall abzeichnen. Er wirkt auch frischer als damals, motivierter als in den letzten Runden vor dem ersten Rückzug. „Man sieht ihm an, wie er sich freut“, sagt Force-India-Pilot Adrian Sutil. „Es ist ja auch etwas Tolles, wenn man nach drei Jahren wieder das tun darf, was einen ein ganzes Leben lang bewegt hat.“

Seine Zeit ist vielleicht zu knapp geworden

Aber der Zustand von Körper und Geist, aufgeladen an 1237 Tagen ohne Grand Prix, garantiert noch lange keine Rückkehr in die Umlaufbahn der Formel 1. Schumacher mag sich an Weihnachten, am Tag der Bekanntgabe seines Comebacks, wie ein „Zwölfjähriger“ gefühlt haben und inzwischen nur „ein bisschen älter“ geworden sein. Die gefühlte Jugend ändert aber nichts am Rhythmus der biologischen Uhr. Vierzigjährige haben in der Regel nicht die Reaktionszeiten von Athleten im besten Wettkampfalter, wie etwa der hungrige Alonso, der gereifte Hamilton, der selbstsichere Vettel - die 19 Jahre jüngere Kopie Schumachers, was Talent, Arbeitsweise und Durchsetzungsvermögen betrifft. „Aber das Fahren hat Michael nicht verlernt“, sagt Landsmann Timo Glock (Virgin), „und diese enorme Erfahrung kann ihm auch keiner nehmen.“

Aber die Zeit ist knapp geworden, vielleicht zu knapp, die Hochtalentierten im Laufe der Saison auszubremsen. Zu Ferrari-Zeiten arbeitete sich Schumacher von Tag zu Tag akribisch voran. Freitags, im ersten Training, lag er hin und wieder mit seinem Teamkollegen gleichauf. Samstags lag der zweite Mann schon ein, zwei Zehntelsekunden hinter Schumacher zurück, sonntags dann so viel, dass der Chef siegte, während der Hintermann mitunter Mühe hatte, Zweiter zu werden. Das war die Zeit, als die Rennwagen über 50 000 Testkilometer während der Saison Schritt für Schritt mühsam beschleunigt wurden - Schumachers Spezialität. Heute sind Testfahrten zwischen dem ersten und dem letzten Grand Prix verboten.

Ross Brawn, kongenialer Partner an Schumachers Seite

Natürlich bleibt ihm eine Disziplin, in der er früher seinen Siegeszug quasi während der Fahrt perfektionierte: die Flexibilität, auf ständige Veränderungen bei Vollgas reagieren zu können. „Er hat wie kaum ein anderer die Kapazität im Hirn, während des Rennens alles Wichtige zu beobachten und zu werten“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger. Die neue Regel, mit vollen Tanks losfahren zu müssen, gibt den coolsten Denkern die Chance, technische oder persönliche Schwächen im Dauerlauf über 300 Kilometer auszugleichen. „Man muss schon sehr intelligent herangehen“, sagt der Technische Direktor von Sauber, Willy Rampf. Wer die Bremsen, den Reifenverschleiß und die Positionen der Gegner nicht im Blick hat, kann sich schnell verfahren.

Schumacher steht für solche Fälle ein kongenialer Partner zur Seite: Ross Brawn, sein Teamchef, der Wegweiser an der Boxenmauer bei allen WM-Triumphen Schumachers. Und so rechnen die Experten mit Überholmanövern, mit einem Schumacher, der, von hinten kommend, auf seinen Lieblingsplatz zusteuert. Früher sind Kollegen beim Blick in den Rückspiegel schon mal vor lauter Sorge, dem „roten Baron“ im Ferrari im Wege zu stehen, in die Botanik abgebogen.

Diesmal werden sich die meisten breit machen. Die Anleitung dazu hat Schumacher ihnen am Donnerstag selbst gegeben: „Als ich damals in die Formel 1 kam, dachte ich nicht, mit den Stars mithalten zu können. Aber als ich dann mit ihnen fuhr, merkte ich, dass sie auch nur mit Wasser kochen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik