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Lewis Hamilton Mitunter wie ein Geisterfahrer

26.09.2008 ·  Sein Fahrstil bringt Lewis Hamilton Punkte - aber auch Missfallen. Vor dem Nachtrennen in Singapur gehören die Sympathien Felipe Massa. Hamilton müsse sich nicht wundern, „wenn er mal was zurückkriegt“, sagt ein deutscher Pilot.

Von Anno Hecker, Singapur
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Ausgeschlafen kommt Lewis Hamilton daher. Um 13 Uhr klingelte der Wecker am Donnerstag. Als ein paar Stunden später in Singapur die Sonne unterging, begann für den Briten der Arbeitstag (siehe: Formel 1 in Singapur: Wenn es Nacht wird, geben die Rennfahrer Gas). Er will im europäischen Rhythmus bleiben, um beim Großen Preis am Sonntagabend auf den Straßen des Stadtstaates so frisch zu sein wie daheim zur Mittagszeit. „Es sind nur noch vier Rennen, da kann ein Fehler entscheidend sein“, sagt der Chefpilot von McLaren-Mercedes vor dem ersten Nachtrennen in der Geschichte der Formel 1.

Akribisch hat er sich vorbereitet. X-mal ist er die nagelneue Piste entlang der Marina Bay schon gefahren – im mittelenglischen Woking, im Simulator. In der Wirklichkeit muss Hamilton nach dem Besichtigungsspaziergang noch warten. Fahren und fühlen, wie es bei Tempo 300 in Singapur rundgeht, dürfen die Formel-1-Stars erst beim Training an diesem Freitag.

Die Kollegen glauben an Hamilton und mögen Massa

Trotzdem weiß er schon, wo es langgeht: „Stadtkurse liegen mir.“ Hamilton muss sich das nicht einreden. Er raste schon in den regennassen Gassen von Monaco zum Sieg. Die lauthals formulierte Vorliebe für „solche Herausforderungen“ könnte man also auch als Botschaft an seinen Gegner auffassen. Denn nur ein Pünktchen Vorsprung nimmt der 23 Jahre alte McLaren-Mann mit in den Kampf um die Fahrer-Weltmeisterschaft gegen Ferrari-Fahrer Felipe Massa.

Aber auch die Gewissheit, laut Statistik im Vorteil zu sein. „Lewis hat in seinen ersten 31 Rennen 187 Punkte gemacht und ist zwanzigmal auf dem Podium gelandet“, liest Mercedes-Sportchef Norbert Haug aus der Leistungsbilanz vor: „Keiner ist besser gewesen.“ Zu der Konstanz kommt die beste Straßenlage des McLaren auf nasser Piste. Und so glauben die Kollegen an einen größeren Vorsprung des Briten. Die Sympathien aber gelten Massa.

Sobald die Ampel Grün zeigt, zieht es Hamilton auf die Überholspur

Der Fahrer Hamilton hat Punkte gesammelt wie kein Zweiter (siehe: Formel-1-Kommentar: Alles Schikane!). Den zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso schlug er bei McLaren-Mercedes in die Flucht. Dessen Nachfolger Heikki Kovalainen verwies er vom ersten Tag an auf den Beifahrersitz. Von dort verfolgt der Finne, wie Hamiltons große Sause die „Petrolheads“ („Benzinköpfe“) schwärmen lässt: rechts und links vorbei, manchmal mittendurch. Sobald die Startampel Grün zeigt, zieht es Hamilton auf die Überholspur. Mit den begeisternden Vollgas-Attacken hat es der Brite zum besten Cockpit, zu einem inzwischen auf 11,5 Millionen Euro erhöhtes Jahressalär nebst Werbeverträgen gebracht.

Aber die Angriffslust hat ihn auch viel gekostet. Im vergangenen Jahr den WM-Titel, weil der auf maximalen Erfolg programmierte Debütant 2007 bei abtrocknender Piste in Schanghai seine Regenreifen so lange malträtierte, bis er kurz vor dem Wechsel bei der Einfahrt in die Boxengasse ins Kiesbett rutschte. Hamilton wollte siegend triumphieren. Stattdessen verlor er vor lauter Ungeduld zum Ende der Saison den satten Vorsprung (17 Punkte) wie die Weltmeisterschaft. „Ich habe gelernt, dass man ab und zu etwas Tempo herausnehmen muss, um seine Ziele zu erreichen“, erklärte Hamilton im August.

Seine Manöver reizen die Experten

Ein paar Tage später schoss er in Spa-Francorchamps in der Schikane wieder über das Ziel hinaus. Wegen der Abkürzung vorbei am führenden Kimi Räikkönen (Ferrari) stuften ihn die Verkehrsrichter von Platz eins auf drei zurück (siehe: Formel 1 in Spa: Aus eins mach drei und Sieg in Spa bleibt aberkannt: Hamiltons Einspruch erfolglos). Das Manöver war unnötig (siehe: Lewis Hamilton: Das Monster schlägt sinnlos zu). Ein paar Kurven später hätte Hamilton den Champion mühelos überholt. Aber zur Freude der Zuschauer setzt der Jungstar gerne auf Risiko. Während Massa als sein schärfster Rivale beim Qualifikationstraining in Monza mit Regenreifen die sichere Variante wählte, versuchte Hamilton mit Pneus für eine feuchte Piste davonzufahren. Der Regen spülte ihn auf Rang 15. Im Rennen wurde er Siebter statt Erster.

Hamilton mag in Monza gegenüber Massa (Sechster) rein rechnerisch nur einen Punkt verloren haben. Aber der Verlust ist inzwischen größer als er scheint. Denn seine Manöver reizen die versammelten Steuerexperten zunehmend. Sie notieren im Geiste Punkte, wie sie in Deutschland von den Wächtern des Flensburger Verkehrssündenregisters eingetragen werden (siehe: Formel 1 in Monza: Lewis Hamilton - Grenzgänger und Verkehrssünder).

„19 Piloten hatten eine Meinung“, sagt Rosberg zum Spa-Manöver

Hamiltons merkwürdiger Schlenker beim Regenrennen in Fuji hinter dem Safety-Car blieb zwar folgenlos, ist bei Kollegen wie Mark Webber und Sebastian Vettel aber gespeichert. Der junge Deutsche prallte, „abgelenkt“ von einem überraschenden Bogen des Führenden, als Dritter dem Australier Webber ins Heck. „Ein bisschen was“, sagt ein Fahrer, „bleibt immer haften.“

Auch, weil der geschätzte Branchenführer den Kollegen mitunter wie ein Geisterfahrer vorkommt. Etwa nach der Abkürzung in Belgien: „19 (von zwanzig) Piloten hatten dazu eine Meinung“, behauptete Nico Rosberg (Williams). Hamilton sah keinen Verstoß, aber einen Grund, dem Weltmeister Theorieunterricht zu erteilen: „Wenn er keinen Mut hat, später zu bremsen, dann ist das sein Problem.“

Mit Hamiltons Einstellung kann man viel gewinnen - nur Freunde nicht

Hamilton ist nicht nur den Verkehrspolizisten an der Strecke viermal in dieser Saison (Blockieren in Malaysia, Auffahrunfall in Kanada, Abkürzen in Frankreich und Belgien) aufgefallen. „Da ist manches an der Grenze“, sagt der umsichtige BMW-Pilot Nick Heidfeld: „Lewis ist bei vielen Dingen ganz vorne dabei. Das ist sein Stil. Mit so einer Einstellung kann man viel gewinnen.“ Nur nicht unbedingt Freunde.

Als Hamilton bei seiner faszinierenden Aufholjagd in Monza Timo Glock überholte, musste der Hesse mit den linken Rädern seines Toyota auf den Rasenstreifen ausweichen, um einen Crash zu verhindern. Bei Tempo 200. Kurz nach dem Rennen forderte Glock Mercedes-Sportchef Haug auf, Hamilton zu zügeln: „Sag deinem Fahrer, dass er nicht allein auf der Strecke unterwegs ist.“ Falls Hamiltons gelber Helm in den Straßen von Singapur im Rückspiegel seiner Gegner wie ein Vorfahrtsgebot aufleuchtet, könnte sich das kollektive Gedächtnis melden: „Er braucht sich nicht zu wundern“, sagt Glock, „wenn er mal was zurückkriegt.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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