14.12.2007 · In einem Brief bat McLaren die gesamte Formel-1-Welt um Verzeihung für Verfehlungen in der Spionageaffäre rund um Ferrari. Der Grund für diesen einmaligen Kniefall ist klar: Bei McLaren wollen sie weiter am großen Rad drehen
Von Anno HeckerBriefe schreibt Ron Dennis nicht so gerne. Schon gar nicht, wenn in so einem Schreiben die wohl umfangreichste öffentliche Entschuldigung der jüngeren Formel-1-Geschichte formuliert werden muss. Aber der stolze Brite hat es getan - oder besser: Er hat schreiben lassen. In seinem Namen bat McLarens Geschäftsführer Martin Whitmarsh in der am Donnerstag verbreiteten Adresse die gesamte Formel-1-Welt um Verzeihung für Verfehlungen in der Spionageaffäre rund um den Ferrari von 2007: die Laienrichter des Motorsport-Weltrates im Internationalen Automobilverband (FIA), die Formel-1-Gegner und natürlich alle Fans.
Mehr noch: McLaren gestand nicht nur, falsche Angaben über die Verbreitung von Ferrari-Geheimnissen im eigenen Team gemacht und die Entwicklung der Affäre nicht rechtzeitig gestoppt zu haben. Nein, Whitmarsh beugte sich bei seinem Canossa-Gang sogar bis zu den Fußknöcheln, um die Gnade des Richtergremiums zu erflehen: „Wir entschuldigen uns ohne Vorbehalt, falls unsere Ignoranz einige dieser Fakten den Weltrat in die Irre geführt hat (. . .) Wir entschuldigen uns von ganzem Herzen, dass die Intervention der FIA notwendig war, um alle Fakten ans Licht zu bringen.“
Verfahren war mit drakonischem Urteil nicht abgeschlossen
Vor nicht langer Zeit hätten sich asiatische Ehrenmänner nach solchen Erklärungen wohl ins Schwert gestürzt. Bei McLaren-Mercedes wollen sie weiter munter am großen Rad drehen. Das ist der Grund für diesen einmaligen Kniefall vor der höchsten Instanz - in der Welt des Motorsports: nämlich die Sorge, nach der Geldbuße über 100 Millionen Dollar und dem Abzug aller Konstrukteurspunkte der Saison 2007 gleich die nächste Niederlage einstecken zu müssen.
Denn das Verfahren war mit dem drakonischen Urteil ja keineswegs abgeschlossen. Die FIA ließ auch die Pläne für den neuen Boliden auf Ideen aus dem Hause Ferrari prüfen und verlängerte das Prozedere mit der Festsetzung einer allgemeinen Anhörung im Kreise aller Teams am 14. Februar.
Treibjagd durch Instanzen kann man sich nicht leisten
Diese psychische wie physische Doppelbelastung, eine Art Treibjagd durch die Instanzen, kann sich selbst ein Team wie McLaren nicht leisten. Noch vor der ersten Runde der neuen Saison wäre das Rennen wohl gelaufen gewesen. Diese Gefahr drückte Dennis mehr aufs Gemüt als das öffentliche Eingeständnis, ein Machtspiel nach allen Regeln der Kunst verloren zu haben. Dass es dabei zuletzt immer weniger um die Frage einer Aufklärung in der Sache ging, verdeutlicht die prompte Reaktion von FIA-Präsident Max Mosley.
Kaum war die Ergebenheits-Depesche aus Woking in aller Welt zu lesen, da empfahl der erbitterte Gegner von Dennis seinem Weltrat, das Verfahren gegen McLaren einzustellen. So wird es wohl kommen. Mit einem Bittgang kann man also angeblich gut begründete Nachforschungen beenden. Diese Erkenntnis lässt nur Spielraum für zwei Interpretationen: Entweder gab es trotz aller Beteuerungen keinen begründeten Verdacht mehr, oder die Formel 1 wollte die Angelegenheit unbedingt „im Interesse des Sports“ beenden. Das nennt man dann Politik.