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Im Gespräch: Sebastian Vettel „Ich werde Michael nicht vorbeilassen“

22.12.2009 ·  Sebastian Vettel erreichte in diesem Formel-1-Jahr Rang zwei der WM-Wertung. Im Interview spricht der 22 Jahre alte Heppenheimer Formel-1-Pilot über die Chefrolle in jungen Jahren, die Fehler der vergangenen Saison und sein Verhältnis zum mutmaßlichen Rückkehrer Michael Schumacher.

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Sebastian Vettel erreichte in diesem Formel-1-Jahr Rang zwei der WM-Wertung (siehe: . Im Interview spricht der 22 Jahre alte Heppenheimer Formel-1-Pilot über die Chefrolle in jungen Jahren, die Fehler der vergangenen Saison und sein Verhältnis zum mutmaßlichen Rückkehrer Michael Schumacher.

Von den Teamchefs der Formel 1 wurden Sie - und eben nicht Weltmeister Jenson Button - zum Fahrer des Jahres gewählt. Macht Sie ein derartiges Ergebnis zufrieden?

Natürlich ist es schön, so etwas zu hören. Trotzdem hätte ich viel lieber die WM gewonnen und wäre zum schlechtesten Fahrer der Saison gewählt worden.

Innerlich sind Sie also unzufrieden mit dem Verlauf dieses Jahres?

Wir hatten sehr lange die Chance auf den Titel. Es gab viele Regeländerungen vor der Saison, und wir haben ganz offensichtlich einen riesengroßen Schritt nach vorne gemacht. Am Saisonanfang lief es für uns noch nicht so gut. Jenson hat sechs der ersten sieben Rennen gewonnen, wir haben einige Punkte liegenlassen. Zu diesem Zeitpunkt war das Reglement jedoch noch zweigeteilt. Einige Autos waren mit zwei Diffusoren unterwegs, andere nur mit einem. Da herrschte kein Gleichgewicht. Nachdem wir nachgerüstet hatten, waren wir zu jedem Zeitpunkt stärker. Wir waren das konstanteste Team, immer in der Lage, um den Sieg zu fahren.

Das Ende Ihrer Titelträume war das Rennen in Brasilien, wo die Zuschauer sehr viel Enttäuschung in Ihrem Gesicht gesehen haben. Wie groß war der Frust?

In Brasilien habe ich realisiert, dass ich nicht mehr Weltmeister werden kann. Aber genau deshalb fahren wir doch alle Rennen, wir wollen gewinnen und den Titel holen. Ich habe an diese Chance geglaubt, an mich und das Team. Und wenn der Zug dann abgefahren ist, fühlt sich das an wie ein Schlag ins Gesicht. Dass ich nicht Weltmeister geworden bin, ist ohne Zweifel eine Niederlage.

Der Zweite ist also der erste Verlierer?

So ist es. Unter dem Strich war diese Saison keine schlechte, aber wenn man so nah dran ist, dann möchte man den Titel.

Weltmeister Button sagte, Sie und Red Bull seien nicht clever genug gewesen, hätten zu viele Fehler gemacht. Hat er recht mit seiner Einschätzung?

Bei 17 Rennen bin ich 5 Mal nicht ins Ziel gekommen, und es sind dabei einige Sachen passiert, die nicht passieren dürfen. In Valencia sind uns innerhalb von zwei Tagen zwei Motoren hochgegangen. Anfang des Jahres waren unsere Starts nicht gut, da hat die Elektronik noch nicht gestimmt. Jenson ist jedoch nur ein Mal aufgrund einer Kollision ausgeschieden. Brawn hat eine sehr gute Leistung gebracht, trotzdem haben sie uns am Ende die Tür immer weiter aufgehalten und gesagt: Kommt doch bitte und macht uns das Leben schwerer!

Das haben Sie nicht wahrgenommen. Fehlte Ihnen und dem Team aufgrund mangelnder Erfahrung die nötige Reife?

Es war nicht die erste Meisterschaft, um die ich gekämpft habe. Aufgrund der Erfahrungen im Kartsport ist man da abgezockt genug. Wir haben die Saison aber ausführlich zerstückelt und analysiert. Insgesamt hat das Team fast das Beste rausgeholt. Natürlich müssen wir einiges lernen. Wir waren zum ersten Mal in einer solchen Situation, und da sind uns Fehler unterlaufen, die nicht passieren dürfen. Man kann sich sicher auch darüber streiten, ob es richtig war, dass ich Robert Kubica beim Auftakt in Australien nicht vorbeigelassen habe. Aber ich bin auf der Strecke, um die Rennen zu gewinnen. Wenn ich nicht Erster werden kann, dann will ich Zweiter werden. Wenn jemand versucht, mich zu überholen, dann werde ich ihn mit Sicherheit nicht vorbeiwinken. Leider war das in diesem Fall das Ende meines Rennens, und Robert ist auch ausgeschieden. Im Nachhinein wäre es klüger gewesen, sechs Punkte mitzunehmen. Zu dem Zeitpunkt wussten wir aber nicht, dass wir ein Auto haben, mit dem wir um die WM fahren können.

In der Öffentlichkeit genießen Sie hohe Sympathiewerte. Es gab in dieser Saison aber auch Momente, in denen man Ihre Härte sah. Ist Ihre Wirkung auf das Team eine andere als die Außendarstellung?

Es gibt Leute, die meinen, dass ich nicht hart genug wäre. Vielleicht ist es nicht typisch, dass man „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ sagt. Für mich ist das selbstverständlich. Man muss das nur von dem trennen, was intern passiert. Als Fahrer hat man sehr viel Einfluss auf die Motivation und die Atmosphäre im Team. Das ist eine Aufgabe, die man ernst nehmen muss.

Sie sind sehr streng zu den Mitarbeitern, oder?

Ja, ich möchte, dass sie ihr Bestes geben, genauso wie ich es tue. Zu jeder Zeit. Wenn ein Rennen in der Tasche ist, dann können wir auch feiern wie die Großen. Das ist kein Problem. Aber jeder weiß, wo es langgeht. Nach außen komme ich vielleicht nicht immer so geradlinig und kalt rüber, aber man muss die Fähigkeit besitzen, auch mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: So geht es nicht! Tut man das nicht, wird sich auch nichts ändern. Wir haben da einen sehr guten Weg gefunden.

Sie sind 22 Jahre alt, arbeiten aber mit Leuten zusammen, die erfahrene Ingenieure sind. Gab es mal Probleme, diese leitende Position auszufüllen?

Es kommt schon mal vor, dass man sich nicht einig ist. Aber dann wird genau das gemacht, was der Fahrer will. Letztlich sitze ich in der Kiste und habe oft ein Gefühl dafür, was verändert werden soll. Auch wenn die Zahlen etwas anderes sagen. Ein Auto kann von der Abstimmung her und von all den Zahlen, die der Computer ausspuckt, perfekt sein. Wenn man sich auf der Strecke aber nicht wohl fühlt, lupft man das Gas ein bisschen früher und tritt eher auf die Bremse. Auch in meinem jungen Alter muss man eine gewisse Härte besitzen und sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen. Ich bin allerdings nicht derjenige, der öffentlich über sein Team schimpft und es in den Dreck zieht. Man gewinnt und verliert zusammen. Nur gehen manchmal eben Dinge in die Hose, und dann ist es wichtig, dass man daraus lernt.

Hat sich etwas verändert in der vergangenen Saison, wo Sie so stark wie noch nie im Fokus standen und einen gewissen Erwartungsdruck aushalten mussten?

Ich bin sehr ehrgeizig, und wenn ich etwas erreichen will, dann hat das erste Priorität. Alles andere wird dem untergeordnet, weshalb man es nicht allen recht machen kann. Man hat weniger Zeit, kann da nicht mehr einfach stehen bleiben und quatschen und dort nicht mehr so viele Autogramme schreiben. Da muss man die richtige Balance finden und spüren, wann etwas einem schadet und wann es einem guttut. Das Ziel darf man nie aus den Augen verlieren.

Dabei verzichten Sie nach wie vor auf einen Manager, oder?

Genau. Im Hintergrund unterstützt mich meine Familie, und es gibt einige Freunde, die ich um Rat fragen kann.

Nun sagen aber einige in der Formel 1: Wenn Sebastian Vettel richtig beraten wäre, dann hätte er seinen Vertrag bei Red Bull nicht vorzeitig bis 2012 verlängert. War dieser Schritt wirklich nötig?

Berater hin oder her - ich will die Entscheidungen für mich selbst treffen und bereue diese Verlängerung in keiner Weise. Sie ist ein klares Zeichen nach außen, ich fühle mich im Team sehr wohl und könnte auch in der kommenden Saison in keinem besseren Auto sitzen. Es liegt hier noch sehr viel Potential begraben, man darf einfach nicht vergessen, dass es noch ein sehr junges Team ist.

Wird die neue Saison also einfacher, weil das Team nun weiß, wie es geht?

Einfach war es nie und wird es nie werden. Der Wettkampf ist immer da. Aber wir sind auf einem guten Weg, die Leute funktionieren miteinander.

Abgesehen vom Konzernteam Mercedes Grand Prix gibt es in der Formel 1 eine Tendenz zur Privatisierung. Bedeutet dies, dass diese Form der Rennställe in Zukunft die besseren Chancen hat?

Es ist sehr viel passiert in den letzten eineinhalb Jahren. Der Ausstieg von Honda, BMW, Toyota, beinahe auch Renault. Wenn man die Formel 1 von ihrem Anfang bis jetzt durchspult, dann gab es immer wieder Zeiten, in denen der Motorsport mal cool war und danach wieder weniger. Wirtschaftlich ist es keine einfache Zeit, gerade für die Automobilindustrie. Aber die Formel 1 wird weiter existieren, und auch die Hersteller werden künftig dabei sein, was sehr wichtig ist. Eine Veränderung aber ist sichtbar. Wenn man richtig aufgestellt ist, dann hat man auch als Privatteam eine echte Chance, vorne mitzufahren.

Michael Schumacher ist in Ihrem Alter noch nicht einen Grand Prix gefahren - sind Sie ihm als potentieller Nachfolger also schon voraus?

Statistisch gesehen, kann ich in diesem Punkt wohl nicht widersprechen. Aber man kann diese Fakten nicht einfach so miteinander vergleichen, jede Zeit ist anders einzuordnen. Früher gab es keinen Fahrer, der unter dreißig in die Formel 1 gekommen ist, danach galt 25 als ausgesprochen jung. Und heute kommen die Piloten noch eher, weil die Ausbildung viel früher beginnt. Der Kartsport ist professioneller geworden, ähnlich wie andere Sportarten auch.

Manchmal wirkt es, als sei diese akribische Arbeitsweise, diese Härte auch zu sich selbst bei Ihnen und Michael Schumacher deckungsgleich. Stimmt dieser Eindruck?

Ich habe nie erlebt, wie Michael mit seinem Team gearbeitet hat. Als er noch aktiv war, bin ich einfach zu jung gewesen, und später war ich mit mir selbst beschäftigt. Jeder hat seine eigene Art, die Dinge anzupacken, seinen eigenen Bereich, in dem er funktioniert. Und dann gibt es immer wieder einen, der herausragt und besser ist als alle anderen. So einer ist der Michael. Von solchen Leuten kann man lernen, aber man kann sie nicht kopieren.

Sie kennen Michael Schumacher seit mehr als zehn Jahren und sind miteinander befreundet - hätte das auch dann noch Bestand, wenn er in der kommenden Saison erstmals ein Gegner auf der Rennstrecke sein sollte?

Ich kann nicht sagen, ob Michael wirklich wieder fährt. Aber man muss abseits und auf der Strecke trennen. Ich werde sicher nicht in den Rückspiegel schauen und immer dann, wenn ich Michael sehe, rechts ranfahren und ihn vorbeilassen. Man kämpft gegeneinander, und da ist es egal, welche Nationalität der Fahrer und welche Farbe das andere Auto hat. Wenn Michael mit mir einen Unfall verursacht, dann werde ich ihm sicher nicht auf die Schulter klopfen und sagen: Das passt schon! Dann wäre ich sauer, das ist ganz normal. Abseits der Strecke aber sehe ich keinen Grund dafür, dass sich unser Verhältnis verändern sollte.

In der kommenden Saison werden sechs, vielleicht sieben deutsche Fahrer in der Formel 1 starten. Das könnte der vorläufige Höhepunkt sein, weil aus der Kartszene nicht mehr so viel Nachwuchs folgt. Wie ist das zu erklären?

Wenn man ganz vorne mitmischen will, dann kostet es gleich mal eine ganze Stange Geld. Das ist bedauerlich, weil gar nicht mehr jedes Kind die Chance bekommt, Kartrennen zu fahren. Dabei gibt es noch immer richtig gute Jungs in Deutschland, nur ist es auch für sie nicht immer leicht, einen Sponsor zu finden und Leute, die einem helfen. Das habe ich ja selbst miterlebt. Leute, von denen ich dachte, dass sie das Potential haben, um richtig weit zu kommen, sind auf der Strecke geblieben. Ich sehe aber keinen besonderen Grund dafür, warum im nächsten Jahr so viele Deutsche in der Formel 1 starten. Sollten es wirklich sieben sein, dann liegen aber ja auch zwanzig Jahre zwischen dem jüngsten und dem ältesten. Es ist nicht die gleiche Generation, das darf man nicht vergessen.

Das Gespräch führten Anno Hecker und Michael Wittershagen.

Quelle: F.A.Z.
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