08.03.2010 · Wenige Tage vor dem Start der Formel-1-Saison bremst Norbert Haug die Erwartungen an sein Team. Der Mercedes-Motorsportchef über den schwierigen Saisonstart und das Duell zwischen Schumacher und Rosberg.
Wenige Tage vor dem Start der Formel-1-Saison bremst Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug die Erwartungen an sein Team. Im F.A.S.-Interview spricht er über den schwierigen Saisonstart und das Duell zwischen Schumacher und Rosberg.
Wie gut ist denn nun der erste Silberpfeil nach 55 Jahren?
Er ist sicherlich noch steigerungsfähig, und er wird stetig weiterverbessert werden. Ich sehe uns nicht als die Favoriten für die ersten Rennen, aber auf Sicht auf einem sehr guten Weg, an der Spitze fahren zu können.
Ist es denn nicht schwer, dem breiten Publikum zu erklären, dass das Weltmeisterauto des vergangenen Jahres mit Michael Schumacher als neuem Fahrer nicht automatisch in der Favoritenrolle sein soll?
Das ist durchaus schwierig. Aber wenn man in die Statistik schaut, war es sehr oft so, dass Teams, die in einer Saison bis zum Ende um den Titel gekämpft haben, im nächsten Jahr nicht unbedingt sofort den Anschluss an die Spitze herstellen konnten. Das soll keine Entschuldigung sein, sondern eine Erklärung. Wir sind nicht weit weg - aber eben auch noch nicht ganz da. Zwischen „nicht weit weg“ und „ganz da“ liegen oft nur drei Zehntelsekunden pro Runde. Wir müssen uns weiter steigern, jeder im Team weiß das. Unsere Basis ist gut und ausbaufähig. Zudem haben wir schon damit begonnen, uns auf die Formel 1 der Zukunft einzustellen. Wir haben den Personalstand reduziert und uns ein Effizienz- und Sparprogramm auferlegt. Aber auch das soll Ergebnisse der Gegenwart nicht entschuldigen.
Zu Beginn der Testfahrten hatte man das Gefühl, Nico Rosberg würde sich vor allem im Schatten von Schumacher bewegen. Zuletzt schien er deutlich an Selbstvertrauen gewonnen zu haben. Kann er vielleicht sogar schneller sein als der Rekordweltmeister?
Im Schatten habe ich Nico nie gesehen. Aber wenn der siebenmalige Formel-1-Weltmeister überraschenderweise wieder zurückkommt, ist es ganz klar, dass darauf zunächst der ganze Medienfokus liegt. Dass sich das sehr schnell ändern kann, wenn Nico Rosberg ein Rennen gewinnt oder ganz vorne fährt, dürfen wir jedoch auch nicht vergessen. Ich kann derzeit nicht sagen, wer von unseren Fahrern die Nase vorn haben wird. Nico macht sein Ding innerhalb des Teams genauso, wie es Michael tut. Beide arbeiten wunderbar zusammen. Würde das nicht der Fall sein, hätten die Teamleitung und ich eine klare Meinung dazu. Denn bei uns wird kooperativ gearbeitet - das ist ganz klar. Darauf muss man allerdings gar nicht groß hinweisen, weil genau das in allen, den Fahrern, Mechanikern und Ingenieuren, steckt. Bisher läuft es so, wie wir uns das vorstellen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit seit November: ein neues Team, zwei deutsche Fahrer, neue und sehr gute Sponsorpartner - aber erst jetzt zählt es wirklich. Noch haben wir keinen WM-Punkt, die Konkurrenz allerdings auch nicht. Wir wollen uns nun so aufstellen, dass wir auf der Strecke die Antwort geben können. Meiner Meinung nach sind wir bei den ersten Rennen dazu noch nicht ganz in der Lage, aber wir werden ganz sicher nach vorne kommen.
Wie lange kann das dauern?
Ich denke, dass wir spätestens zu Beginn der Europa-Saison dort fahren, wo wir denken, dass Mercedes GP Petronas hingehört. Motivationsprobleme innerhalb des Teams gibt es keine. Wir wollen alle nur das eine: gewinnen. Das ist für alle Mitarbeiter des Formel-1-Teams der Hauptlohn für ihre Arbeit - noch vor dem Geld, was sie verdienen.
Spüren Sie persönlich eine andere Anspannung als in den vergangenen Jahren?
Nein, ich bin lange dabei und kenne das Geschäft und dessen Belastungen. Es hat schon immer Höhen und Tiefen gegeben, und das wird auch so bleiben. Und es gibt niemanden, der mir mehr Druck machen kann, als ich dies selbst tue.