06.03.2010 · Die Erwartungen an Nico Hülkenberg könnten kaum größer sein. Ein „Jahrhunderttalent“ nennt ihn der zweimalige Formel-1-Weltmeister Emerson Fittipaldi. Im Interview spricht der Williams-Pilot eine Woche vor Saisonstart über Lehrjahre, Siege und den Konkurrenten Schumacher.
Die Erwartungen an Nico Hülkenberg könnten kaum größer sein. Ein „Jahrhunderttalent“ hat ihn der zweimalige Formel-1-Weltmeister Emerson Fittipaldi genannt, und auch sein Teamchef Frank Williams prophezeit dem Zweiundzwanzigjährigen eine „große Zukunft“. In knapp zwei Wochen wird Hülkenberg beim Grand Prix in Bahrein erstmals an der Startlinie der höchsten Motorsportklasse stehen. Um ihn herum: das Rot der Ferrari, das Silber von Mercedes. Seine Gegner: Weltmeister wie Schumacher, Button, Hamilton oder Alonso.
Wie sehen Sie sich? Als Lehrling für mindestens eine Saison?
Nein, ganz sicher nicht. Ich will definitiv um Punkte, um das Podium und um Siege fahren. Nun müssen wir aber realistisch bleiben und abwarten, wie gut unser Auto ist. Mit Sicherheit wird es nicht einfach, aber deshalb bin ich noch lange nicht hier, um erst einmal ein Blümchenjahr hinzulegen. Ich will Erfolg haben.
Das wollen andere auch. Michael Schumacher etwa, Ihr Idol aus Kindheitstagen. Haben Sie keine Angst vor Duellen mit ihm auf der Strecke?
Nein. Früher habe ich vor dem Fernseher gesessen und ihm die Daumen gedrückt - und nun fahren wir gegeneinander Rennen. Aber ich sehe das ganz cool, ich werde vielleicht das eine oder andere Duell mit ihm haben, aber am Ende ist er auch nur ein Gegner, den man schlagen will. Man muss komplett ausblenden, wer da im anderen Auto sitzt.
Bisher ist ihm das immer gelungen, Hülkenberg siegte in seiner Rennsportkarriere bisher im Akkord. Er wurde Meister in der Formel BMW (2005), in der A1-GP-Serie (2006/07) und in der Formel 3 (2008). Im September des vergangenen Jahres stand er im Fahrerlager von Monza, seine Mechaniker stießen mit Sekt aus Plastikbechern an und feierten so den bisher letzten Erfolg von Hülkenberg: den Titelgewinn in der Nachwuchsserie GP2. Es ging immer nur nach oben mit dem jungen Mann aus Emmerich, der sich deshalb wohl erst gewöhnen muss an hintere Startreihen und weniger Aufmerksamkeit. Auch die Technik ist eine andere. Etwa 750 PS muss Hülkenberg nun beherrschen, rund 150 mehr als in der GP2, das Lenkrad ist voll mit Knöpfen und Schaltern, die Anforderungen an den Fahrer sind weitaus komplexer.
Haben Sie sich schon richtig eingearbeitet in die Feinheiten des neuen Boliden?
Ich bin doch keine Jungfrau, was die Formel 1 betrifft. Natürlich bin ich noch nie ein Rennen gefahren, aber ich saß schon öfter in diesem Auto. In den letzten beiden Jahren war ich schon Testfahrer bei Williams, wegen der neuen Regeln bin ich in der vergangenen Saison nur drei Tage gefahren, trotzdem hilft mir das jetzt ungemein.
Und das Praktikum, das Sie in der Williams-Fabrik gemacht haben?
Generell wird es mich nicht schneller machen. Aber mich begeistert diese Technik. Ich habe deshalb vieles aufgegriffen und gelernt. Vielleicht hilft mir dieses Verständnis nun, ein besserer Rennfahrer zu werden. Auch die Beziehung zum Team ist in dieser Zeit sicher besser geworden.
Hülkenberg spricht entschlossener, beinahe schon abgeklärt über seine neuen Aufgaben. Er hat viel riskiert für ein Leben im Cockpit, hat seine Lehre als Speditionskaufmann abgebrochen und alles auf diesen einen Trumpf gesetzt: Geschwindigkeit. Seit 2006 betreut ihn Willi Weber. Jener Manager, der schon Michael Schumacher in die Formel 1 gebracht hat. Wenn Weber nun etwas über Hülkenberg erzählt, dann zieht er oft Vergleiche mit dem siebenmaligen Weltmeister. Er lobt die Zielstrebigkeit seines neuen Zöglings, seinen Sinn für das Detail und natürlich sein Talent. Weber hat verbal an Tempo aufgenommen und ist sogar mit einer für ihn durchaus verlockenden Kombination an die Öffentlichkeit gegangen. Er könne sich gut vorstellen, sagte der Siebenundsechzigjährige, dass Hülkenberg innerhalb der nächsten drei Jahre für Ferrari fährt - so, wie auch Schumacher es tat.
Wäre das auch für Sie eine schöne Vorstellung?
Darüber will ich gar nicht sprechen. Ich bin in der Gegenwart und stehe bei Williams unter Vertrag. Was dann irgendwann kommt, darüber muss ich jetzt noch nicht reden. Und ich muss schon gar nicht anfangen zu träumen.
Sie sind 22 Jahre alt. In diesem Alter sind Lewis Hamilton und Sebastian Vettel schon um die Weltmeisterschaft mitgefahren. Haben Sie sich bis zum Einstieg in die Formel 1 zu lange Zeit gelassen?
Für mich war es genau richtig. Es gibt keinen Zeitplan, und es gibt auch kein zu alt oder zu jung. In der Formel 1 gibt es jene, die vor zehn oder fünfzehn Jahren schon gefahren sind und heute noch immer da sind, weil sie eben einen guten Job machen. Und es gibt viele junge Piloten, dabei spielt das Alter kaum eine Rolle. Man muss sich selbst bereit fühlen und sagen können: Ja, ich kann es machen.
Mehr Zuschauer, mehr Kameras, mehr Verlockungen und vielleicht auch Neider - macht Sie das Drumherum in der Formel 1 nicht verrückt?
Natürlich spüre ich das. Aber deshalb muss man hart sein und alles ein bisschen an sich abprallen lassen. Wenn man sich vieles zu sehr zu Herzen nimmt und sich stressen lässt, dann bekommt man große Probleme. Auch auf der Strecke. Aber genau dort muss der Kopf frei sein.
Niemand in der Formel 1 stand bei mehr Rennen am Start als Rubens Barrichello - der Teamkollege von Hülkenberg. Viele Jahre fuhr der Brasilianer bei Ferrari an der Seite von Schumacher, im vergangenen Jahr hätte er sich im Brawn mit dem Titelgewinn beinahe aus dem großen Schatten befreit, der auf seiner Karriere liegt. Gegen ihn wird sich Hülkenberg zuallererst durchsetzen müssen, wenn er es ins Rampenlicht schaffen möchte.
Schauen Sie genau hin, was Barrichello macht?
Ich bin froh, dass Rubens da ist. Teamkollegen sind immer ein bisschen durchsichtig für den anderen. Ich sehe seine Daten, sehe, was er macht. Seine Erfahrung kann uns in manchen Situationen sicher helfen. Ich werde genau schauen, was Rubens macht. Ich höre genau hin, wenn er mit den Ingenieuren über die Technik spricht, wie er sich dabei gibt, was er denkt und wie er redet. Trotzdem ist er ganz bestimmt kein Mentor für mich.
Kann man denn die Fahrer-Paarung bei Williams mit der Kombination aus Nico Rosberg und Michael Schumacher bei Mercedes vergleichen?
Nein, das kann man nicht. Bei Mercedes ist mehr Würze drin. Nico ist ein etablierter Formel-1-Fahrer und will Weltmeister werden. Michael ist Weltmeister und will es wieder werden.
Und Sie, sind die großen Erwartungen keine Belastung?
In diesem Sport sind die Erwartungen immer hoch, und meine persönliche ist noch die höchste von allen. Als Rennfahrer muss man diesen Druck aushalten. Es wird viel geredet, aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Mir kommt es vor allem darauf an, dass ich einen guten Job für mich selbst mache.