Home
http://www.faz.net/-gu4-6naqy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Großer Preis von Italien Vettels Beutezug in Feindesland

11.09.2011 ·  Der Sieg beim Großen Preis von Italien entlockte Sebastian Vettel ein paar Tränen, denn sein Auto mag Monza eigentlich nicht. Den größten Unterhaltungswert hatte Schumachers rasendes Duell mit Hamilton.

Von Anno Hecker, Monza
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (7)
© dapd Seine Vorstellung nimmt der Konkurrenz den letzten Schwung

Warum die Tränen? Oben auf dem Podium über den tanzenden Formel-1-Fans übermannten Sebastian Vettel die Gefühle für einen Augenblick. In Monza hatte 2008 sein Aufstieg mit seinem ersten Formel-1-Sieg angefangen, beim Großen Preis von Italien am Sonntag an gleicher Stelle machte der 24 Jahre alte Weltmeister mit dem achten Saisonsieg vor Jenson Button im McLaren und Ferrari-Pilot Fernando Alonso wohl den letzten großen Schritt zu seiner erfolgreichen Titelverteidigung. „Es kam so viel zusammen, die Erinnerungen an 2008, die vielen Menschen, die von allen Seiten kamen, das harte Rennen, unglaublich“, sagte Vettel: „Das ist ein Comeback.“

So nämlich sieht er den triumphalen Auftritt nach den schlechten Zeiten in den beiden vergangenen Jahren. Vettel hat auf einer Strecke gewonnen, die er nicht als Parade-Piste für seinen Red Bull einschätzte. Die Fahrt zur Pole-Position am Samstag und das souveräne Solo am Sonntag wirkten auf ihn wie ein grandioser Beutezug in Feindesland: „Wir“, schrie er vor Freude ins Bordmikrophon, „haben sie weggeblasen.“

Das Resultat des jüngsten Sturmes nimmt der Konkurrenz den letzten Schwung. Vettel führt in der Fahrerwertung sechs Grand Prix vor Ende der Saison nun mit 112 Punkten vor Alonso. Schon beim nächsten Grand Prix in Singapur in zwei Wochen könnte der Champion wieder Weltmeister werden. Selbst sein angriffslustiger Teamkollege Mark Webber hat wegen eines Unfalls in Monza aufgegeben. „Wir fahren jetzt alle nur noch um Platz zwei.“

Die Perspektive verschob sich schon während des Rennens. Vettel fuhr das fast perfekte, deshalb aber wenig aufregende Rennen des Tages. Die Show aber boten andere: Michael Schumacher in seinem Mercedes in kongenialer Zusammenarbeit mit dem McLaren-Piloten Lewis Hamilton. Da jagten sich zwei von der fünften Runde an, die aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, Racer mit wenig Sinn für große Spielräume, falls sie denn dem anderen eingeräumt werden sollen. Am Sonntag bildete ihre Kompromisslosigkeit die Essenz eines Spektakels letztlich um Rang vier und fünf. Ein Tete-á-Tete über 13 Runden durch die Schikanen, Kurven und auf den Beschleunigungsstreifen, bei Tempo 90 wie bei 330.

Die Vorstellung begann, nachdem sich Vettel in der fünften Runde die beim Start verlorene Führungsposition von Alonso zurückgeholt hatte und fortan kreiste, als führe er im Königlichen Park spazieren. So rückten Schumacher und Hamilton in den Fokus der rund 90.000 Zuschauer, ein Duell der silbernen mit pikanter Note. Schließlich werden die Renner von Mercedes-Motoren angetrieben. Am Aggregat lag es also nicht, dass der Rekord-Weltmeister in dieser fünften Park-Tour an Hamilton vorbei zog. Was selbst bei 330 Kilometer pro Stunde aussah wie eine Verschiebung in Zeitlupe.

In Monza genossen die Piloten nicht den großen Vorteil der technischen Überholhilfe. Der bewegliche Heckflügel durfte zwar zweimal pro Runde flach gestellt werden. Da die Spoilerelemente wegen der langen Geraden aber ohnehin auf das Nötigste reduziert wurden, kämpften sie am Limit. Hamilton schob sich in der 13. Runde vorbei. Doch während seine Mechaniker noch klatschten, applaudierten italienische Journalisten dem erfolgreichen Konter Schumachers. „Bravo.“ Dessen Verteidigungs-Bewegungen setzten dem impulsiven Briten zu, zwangen ihn einmal mit den rechten Rädern ins Gras. Worüber sich der Dritte im Bunde freute. Button nutzte die Gelegenheit, um gleich an beiden vorbei zu huschen.

Für Rosberg wäre „richtig was drin gewesen“

Der Teamkollege vorbei und ich blockiert? „Was macht das für einen Unterschied. Es war ein gutes Rennen“, sagte Hamilton später etwas wortkarg. Mittendrin im Zweikampf war er gesprächiger gewesen. Über Funk meldete er sich bei seinem Team und forderte zur Beschwerde bei den Streckenkommissaren auf. Die Botschaft kam an. Schumachers Teamchef Ross Brawn bat seinen Altmeister mit Blick auf die strengen Verkehrsrichter, in der Ascari-Schikane doch etwas mehr Platz zu lassen. „Lewis ist ja jemand, der als hart bekannt ist und am Limit fährt. Meine Reputation ist auch nicht viel anders. Deshalb nenne ich das jetzt mal Racing“, sagte Schumacher. Platz aber hat der Rheinländer dann doch gemacht. In der 28. Runde kam der drängelnde Hamilton endgültig vorbei. Und zeigte, warum er im Kampf gegen einen jugendlich wirkenden Schumacher in einem vergleichsweise alt aussehenden Mercedes die Faust geballt hatte. Er beschleunigte im aerodynamisch stärkeren McLaren so stark, dass er als Vierter nur 0,5 Sekunden hinter Alonso ins Ziel kam. Button hatte den Spanier noch abgefangen, aber keine Chance, Vettel auch nur annähernd zu gefährden.

Die Fans pilgerten zufrieden nach Hause. Ein unfreiwilliger Zuschauer aber ärgerte sich über die verpasste Chance. „Dann kam der Idiot übers Gras gedreht von ganz hinten und hat uns abgeräumt“, schilderte Nico Rosberg sein Unglück: „Mist.“ Nach wenigen hundert Metern hatte der außer Kontrolle geratene HRT des Italieners Vitantonio Liuzzi der Formel 1 in der ersten Schikane ein Breitseite gegeben und mit Rosbergs Mercedes eine interessante Strategie mit einem Schlag zerstört. Als einziger der besten Zehn des Startplatzrennens hatte Schumachers Teamkollege auf harten Reifen loslegen wollen. Hätte Liuzzi nur Petrow im Renault getroffen, wäre Rosberg vielleicht mit dem späteren Wechsel auf die schnelleren, weichen Pneus ein kleiner Coup gelungen. Die erhoffte Pace-Car-Phase bekam Rosberg. Nur wurde sie nötig, um den Mercedes abschleppen zu können: „Es wäre richtig was drin gewesen“, sagte Rosberg: „Aber man kann nicht damit rechnen, dass einer von ganz hinten über die Wiese antorpediert kommt.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Italienische Chaostheorie

Von Peter Heß

Nackenschlag für den italienischen Fußball: Der jüngste Manipulationsskandal, an dem auch Nationalspieler beteiligt sein sollen, dürfte sich negativ auf die Vorbereitung der Squadra Azzurra auswirken. Italien wird bei dieser EM trotzdem zu den Favoriten zählen. Das lehrt die Geschichte. Mehr 2

Ergebnisse, Tabellen und Statistik