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Großer Preis von Indien Maharadscha der Formel 1

28.10.2011 ·  An diesem Wochenende macht der Formel-1-Zirkus erstmals in Delhi Station. Damit erfüllt sich ein Traum des Inders Vijay Mallya. Dem Milliardär gehört der Rennstall Force India - und er polarisiert wie kaum ein anderer.

Von Christoph Hein, Greater Noida
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© AFP Vijay Mallya ist indischer Milliardär, charmanter Playboy, knallharter Konzernchef, Besitzer der Brauerei-Kette United Breweries, der Fluglinie Kingfisher, eines Rennpferdegestüts, einer Kunstsammlung - und eines halben Formel-1-Teams.

Dieser Mann lässt keinen kalt. Die einen lachen über ihn, seine zur Schau gestellte Eitelkeit, seine Brillanten. Die anderen ärgern sich über ihn, weil seine Unternehmen überall in der Kreide stehen, Rechnungen ungern bezahlen. Dann gibt es die Speichellecker, die sich auf ihn einlassen, in seinem Windschatten groß und mächtig werden wollen. Und jene, für die er ein Idol ist, ein Vorbild an Lebensfreude, Bauernschläue und Durchsetzungskraft. Vijay Mallya, der selbsternannte „king of goodtimes“, indischer Milliardär, charmanter Playboy, knallharter Konzernchef, Besitzer der Brauerei-Kette United Breweries, der Fluglinie Kingfisher, eines Rennpferdegestüts, einer Kunstsammlung und eines halben Formel-1-Teams. Er polarisiert.

Mit Edelsteinen in beiden Ohrläppchen, der goldenen Sonnenbrille von Porsche-Design und dem breiten Diamant-Armband mit seinen Initialen VJM, nimmt er nach dem freien Training an diesem Freitag auf der neuen Rennstrecke Greater Noida die Parade der Gratulanten ab. Seine Fahrer, der Bayer Adrian Sutil und der Schotte Paul di Resta, machen sich nach Rundenzeiten im oberen Mittelfeld Hoffnung, bei der Indien-Premiere am Sonntag ein paar Punkte gewinnen zu können. „Ich bin sehr, sehr stolz, dass wir das Rennen nach Indien holen konnten. Schon vor 30 Jahren sind wir Rennen in Chennai gefahren. Aber dass die Formel1 in Indien fährt, hätten wir uns nicht träumen lassen.“

Da stört es Mallya kaum, dass ihm sein Rennstall nicht mal mehr zur Hälfte gehört. Er musste einen weiteren schillernden Geschäftsmann an Bord holen, Subrata Roy, der rund 100 Millionen Dollar für seine 42,5 Prozent auf den Tisch gelegt haben soll. Das Geld hat Roy, obwohl ihn die indischen Steuerbehörden gerade unter die Lupe nehmen. Sein Konglomerat Sahara India Pariwar verdient am Betrieb von Krankenhäusern, Versicherungen, Banken, Fernsehkanälen und Einzelhandel. Roy machte Schlagzeilen, als sein Unternehmen versuchte, die Hollywood-Studios Metro-Goldwyn-Mayer zu kaufen.

Er führt sein Haus mit einem starken mythischen Überbau, begreift seine rund 900.000 Mitarbeiter als „Familienmitglieder“. Das Hindi-Wort Pariwar im Firmennamen steht für „Familie“. Seit Roys Einstieg ins Formel-1-Geschäft heißt der Rennstall Sahara Force India, seine Aufgabe aber ist dieselbe geblieben: Er soll das Image seiner Besitzer und Indiens heben, er soll Spaß machen, und er soll Geld bringen. Bislang aber frisst er vor allem Kapital.

Die erste private Fluglinie Indiens

Mallya und Roy ergänzen sich prächtig: Beide sind bunte Vögel, Roy, der sich als „Managing Worker“ im Sahara-Konzern bezeichnet, ist eher verschlossen, Mallya offenherzig, solange es ihm nutzt. Beide sind Mitte fünfzig, beide investieren in ein Spektrum von Sportarten, wie in den Nationalsport Cricket. Beide gründeten Fluggesellschaften. Beide wuchsen in der Intellektuellen-Metropole Kalkutta auf, sprechen Bengali. Und beide sind Nationalisten, was den Indern gut gefällt. „Unser Einstieg geht weit über den Kauf eines Anteils hinaus. Er ermöglicht uns, die indische Fahne in einer der weltweit am meisten verfolgten Sportarten hochzuhalten“, sagt Roy. Mallya nickt.

Etwas anderes könnte er auch nicht. Denn der Gründer der ersten privaten Fluglinie Indiens hat hoch gepokert und wartet immer noch auf den Gewinn. Seine Fluggesellschaft muss restrukturiert werden, große Pläne im internationalen Geschäft sind auf Eis gelegt. So unkonventionell Mallya daherkommt, ihn als exzentrischen Paradiesvogel zu unterschätzen, wäre ein großer Fehler. Aus seinem Büro an Bombays Südspitze, im fünften Stock des Hoechst-Hauses, in dem auch das Deutsche Konsulat sitzt, dreht er ein großes Rad. Den Einstieg ebnete ihm sein Vater Vittal, der lange Zeit das Geschäft von Hoechst in Indien leitete.

„Zum 18. Geburtstag bekam ich dort einen Sitz als Direktor“, erzählt Mallya im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich wirke nicht so. Aber ich plane alles bis ins Detail und arbeite es dann exakt ab. Airbus würde nicht Milliarden-Verträge mit mir schließen, nähmen sie mich nicht ernst.“ Über drei Dekaden baute er das Familienunternehmen zum Konglomerat aus. Geholfen hat ihm dabei auf der einen Seite, dass er als Parlamentsabgeordneter beste Drähte in Neu Delhi hat. Auf der anderen Seite haben ihn auch die Götter nicht im Stich gelassen: Mallya ist tief religiös, lässt seine neuen Flugzeuge zunächst von einem Hindu-Priester in Tirupati segnen.

Ein Haudegen mit Herz

Für die indische Unternehmerin Kiran Mazumdar-Shaw ist Mallya alles andere als ein Hochstapler: „Ende der achtziger Jahre ließ er die beste Straße in Bangalore bauen, er gründete das damals beste Krankenhaus und eine Spitzenschule. Er ist getrieben von der politischen Passion, ein Indien des 21. Jahrhunderts zu erschaffen.“ Zumindest seine eigenen Anwesen wirken schon so. Wenn er in seiner orange-farbenen Villa sitzt, gelegen in einem großen Park auf den Klippen über dem Strand von Goa, wenn er im Privatjet um die Welt fliegt, oder wenn er über die Ausbildung seiner drei Kinder im Ausland nachdenkt, ist sich Mallya durchaus der unüberbrückbaren Distanz zwischen seinem glitzernden Leben und demjenigen der ganz überwiegenden Mehrheit der Inder bewusst.

„Es ist meine Geschäftsgrundlage, denken und fühlen zu können wie der Durchschnittsinder. Wir haben Marken, ein Konsumprodukt - die könnten wir nicht führen, dächten wir nicht wie diejenigen, die es kaufen sollen“, sagt er. Sich zurückzuhalten, seinen Reichtum weniger zur Schau zu stellen, das käme ihm dennoch nicht in den Sinn. „Ich denke, die Ärmsten der Armen schauen zu uns auf, betrachten uns mit Respekt und Stolz“, sagt er. An den Kabinenwänden seiner 55-Meter-Yacht „Indian Princess“ hängen Chagalls, Renoirs und millionenschwere indische Kunst. Legendär sind die Partys in Monaco auf der Princess, wo der Champagner nicht in Gläsern, sondern gleich in Flaschen gereicht wird.

Seinen Landsleuten gilt VJM als Haudegen mit Herz. Als der indische Staat versagte, die Brille, die Sandalen und die Taschenuhr des gottgleich verehrten Mahatma Gandhi auf einer Versteigerung in New York zu kaufen und in die Heimat zu bringen, sprang Mallya mit 1,8 Millionen Dollar ein und brachte den Indern, was nach Indien gehört. Ob sein Doktortitel rechtmäßig erworben ist, hinterfragt da keiner mehr.

Mallya braucht seine Prominenz, um sein Bier unter der Marke Kingfisher zu verkaufen - denn Alkoholwerbung ist in weiten Teilen Indiens verboten. Also muss er sich selbst zur Marke machen, wie es auch der britischen Milliardär und Gründer des Virgin-Konzerns, Richard Branson tut. Der Brite und der Inder liefern sich seit Jahren einen Wettkampf über die Kontinente hinweg. Als Werbe-Ikonen ihrer Konzerne, in der Formel 1 (Branson ist Anteilseigner von Marussia-Virgin) und bald auch im All: Michiel Mol, ebenfalls am Team Sahara Force India beteiligt, hat das Raumfahrtunternehmen Space Expedition Curacao (SXC) gegründet. Mit dem will er Privatkunden Richtung Mond befördern. „Vijay und ich haben oft über diesem Projekt gebrütet. Er will mitfliegen. Aber er sagt, ich solle zuerst fliegen. Er will erst sehen, ob es sicher ist“, sagt Mol. So ist Mallya: Abenteuer ja, wenn sie Spaß machen. Aber kalkulierbar müssen sie bleiben.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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