02.09.2005 · Monza gilt als die schnellste Strecke in der Formel 1. Auf keinem Kurs werden die Autos derart gefordert. Kimi Räikkönnen will den Abstand auf den Führenden Fernando Alonso verkürzen.
Von Anno HeckerAngst? Darüber spricht man nicht in der Formel 1. Das Tarnwort heißt Respekt. Nun haben die Formel-1-Piloten viel Respekt vor dem neuen Rekord in ihrer Branche: 372 Kilometer pro Stunde registrierte der Geschwindigkeitsmesser bei einer Testrunde des McLaren-Mercedes-Piloten Juan Pablo Montoya in der vergangenen Woche in Monza. Wo sonst? Die Rennstrecke gilt als letzte Zuflucht für Hochgeschwindigkeitsfanatiker.
Zwar hat der Kurs den Charme der fünfziger Jahre mit der Ausgliederung der Steilkurve eingebüßt. Aber die große Sause im königlichen Park steht immer noch für Triumphe und Tragödien, für überschäumende Freude und unkontrollierbaren Frust.
Große Gefühle
Hier schluchzte Ferrari-Star Michael Schumacher herzergreifend nach seinem Sieg 2000, hier weinte Mercedes-Mann Mika Häkkinen 1999 abseits der Piste im Wald vor Enttäuschung über einen folgenschweren Fahrfehler, hier wurde der Streckenposten Paolo Ghislimberti 2001 von einem abgerissenen Rad erschlagen, und hier ließen unter anderen die bewunderten Heroen Jochen Rindt und Graf Berghe von Trips ihr Leben. Selbst die Rennstallmitglieder im Kommandostand an der Boxenmauer fürchten um Leib und Seele. Denn falls Ferrari gewinnt, stürmen die Fans die Piste, als gälte es, eine Festung zu nehmen. Das Rennen in Monza treibt alle Beteiligten seit Jahrzehnten an ihre Grenzen und darüber hinaus. Am Sonntag ist es wieder soweit.
Die besondere Rolle von Monza mag auch mit dem Termin zusammenhängen. Im Spätsommer tritt der WM-Kampf in die entscheidende Phase: Wird Kimi Räikkönen dem Renault-Piloten Fernando Alonso mit dem nächsten Sieg doch noch mal auf die Pelle rücken können? Der Finne liegt fünf Rennen vor Ende der Saison 24 Punkte hinter dem führenden Spanier, der es ruhig angehen lassen könnte. Ihm reichen fünf dritte Plätze, und er wäre mit 24 Jahren der jüngste Champion der Formel-1-Geschichte. Aber bei der Vorstellung der Belastungen in Monza fährt seinen Hintermännern doch der Schrecken in die Glieder.
Drehzahlen schießen hoch
Hält der Wagen? Auf keiner anderen Piste ist die Kraft des Motors so wichtig, auf keiner wird das Aggregat im Heck so stark und lange gefordert. Mehr als 70 Prozent der Strecke fahren die Piloten unter Vollast. Die Durchschnittsgeschwindigkeit wird beim Großen Preis von Italien auf trockener Piste etwa 260 Kilometer pro Stunde betragen. Das sind vierzig mehr als üblich. Und dann hüpfen die brutal auf Härte getrimmten Autos noch über die Randsteine, daß die Hinterreifen in der Luft hängen und die Drehzahlen hochschießen, auf 19000, 20000.
Manch hartgesottener Motoreningenieur mag da gar nicht hinhören und mancher Bremsenexperte gar nicht hinsehen, wenn die Renner auf die erste Schikane zufliegen und dann von jetzt auf gleich stillzustehen scheinen - hinuntergebremst auf Tempo 70, also um etwa 300 (!) Kilometer pro Stunde. Für seinen McLaren-Mercedes, beteuert Räikkönen, seien die extremen Belastungen kein Problem. Das hätten die Testfahrten gezeigt. Der Wagen des Finnen läuft so schnell wie kein anderes Auto im Feld. Das muß auch am Sonntag so sein.
Urlaubssperre für die Ingenieure
Räikkönen kann keine Rücksicht nehmen auf die bisweilen frappierende Gebrechlichkeit seines Autos: „Wir müssen gewinnen“, sagt er. „Er muß das Risiko eingehen und zu jeder Zeit attackieren“, fügt Renaults Teamchef Flavio Briatore hinzu. Briatore könnte Alonso also in aller Ruhe fahren lassen. Aber den Italiener hat trotz aller Beschwichtigungen die Sorge gepackt, Alonso könnte kurz vor dem Zielstrich überholt werden.
So erließ die Teamführung während der allgemeinen Formel-1-Ferien im August eine Urlaubssperre für die Ingenieure. Vor zwei Wochen dann, beim Großen Preis der Türkei in Istanbul, räumte Alonsos Teamkollege Giancarlo Fisichella, ein Vollblutrennfahrer, angeblich leichten Herzens die Strecke, als der Spanier von hinten heranrauschte. Den Vorwurf der verbotenen Teamorder wies Briatore verärgert zurück: „Er hatte Probleme mit seinen Reifen in der ersten Runde. Wir sagten ihm, daß Fernando schneller ist. So hat Giancarlo auf einen Zweikampf verzichtet“, erläuterte Briatore und erklärte den feinen Unterschied: „Das hat nichts mit Teamorder zu tun, das ist Teamwork.“
Vom Sinn des Mannschaftsgeists überzeugen
Diese Interpretation könnte auch von Ron Dennis stammen. Jedenfalls wird der Teamchef von McLaren sich auf die Formulierung am Sonntag berufen, falls es nötig sein sollte, Montoya vom Sinn des Mannschaftsgeistes zu überzeugen. In Istanbul hatte der Kolumbianer kurz vor Ende des Rennens wegen eines Drehers Rang zwei an Alonso verloren und damit Räikkönens Gutschrift bei der mühsamen Aufholjagd um die Hälfte auf zwei Punkte reduziert.
Über Montoyas Patzer von Istanbul freute sich allerdings vorwiegend Renault: „Ein Weihnachtsgeschenk“, frohlockte Briatore. Es soll das letzte gewesen sein in diesem Jahr. Montoya hat nun keine Chance mehr, Weltmeister zu werden. Das sei die Voraussetzung, hatte er im Frühsommer angekündigt, um ganz und gar dem Team zu dienen. Die Frage ist nur, wer davor Angst haben muß.