21.10.2007 · Die Formel 1 spricht deutsch - trotz des Abgangs von Michael Schumacher. Selten zuvor haben so viele Piloten den wichtigsten Schritt vom Einsteiger zum Aufsteiger in der ersten Saison geschafft. Das gibt Mut für die nahe Zukunft.
Von Anno Hecker, Sao PauloUnd wo fahren sie nächstes Jahr? Schulterzucken im Fahrerlager der Formel 1. Lange nicht mehr haben so viele Fahrer zum Urlaubsantritt nach dem Finale nicht gewusst, wo sie im nächsten Jahr Gas geben. Nur eines ist sicher: Die Branche fährt weiter auf deutsche Piloten ab. Nick Heidfeld ist bei BMW-Sauber gesetzt, der Williams-Pilot Nico Rosberg wird als McLaren-Mann der Zukunft gehandelt, Adrian Sutil gehört mit seinem Auftritt beim Hinterbänklerteam Spyker zu den Kandidaten für einen Platz im ehrenwerten Williams-Rennstall, Sebastian Vettel trugen die Mechaniker von Toro Rosso schon auf Händen, und auf Timo Glock hat Toyota ein Auge geworfen. Hinter Heidfeld formiert sich eine Generation deutscher Fahrer, mit halb so viel Grand Prix wie der Mönchengladbacher (132) auf dem Buckel und einem Durchschnittsalter von kaum 23 Jahren. Die neue deutsche Welle rollt.
Vom Einsteiger zum Aufsteiger: Selten zuvor haben so viele Piloten den wichtigsten Schritt in der ersten Saison geschafft. Nachdem Rosberg schon 2006 bei Williams auf Anhieb verblüfft hatte, schickte er in dieser Saison den erfahrenen wie versierten Österreicher Alexander Wurz in den Ruhestand. Experten staunten nicht schlecht, als Vettel unter schwierigsten Bedingungen in Japan Wind und Wetter bis zu seinem unglücklichen Unfall trotzte, in China durch den Regen gar auf Rang vier sauste und seinen eingefahrenen Teamkollegen Vitantonio Liuzzi hinter sich ließ. Sutil trieb mit Extra-Touren im schwer zu fahrenden, hoffnungslos langsamen Spyker den Teamkollegen Christijan Albers aus der Formel 1. Glock, vor drei Jahren viermal im Jordan auf Formel-1-Niveau unterwegs, gewann vor wenigen Wochen die Sprungbrett-Meisterschaft GP 2 mit beeindruckenden Rennen.
„Man kann von einer neuen Generation sprechen“
Fahren können sie alle, denken auch. Dazu aber kommt ein Verhalten, das die Neuen mehr oder weniger deutlich von den vielen Alten unterscheidet: eine professionelle Flexibilität beim ständigen Wechsel der Arbeitsplätze. Nämlich der Sprung vom kühl kalkulierenden Piloten im Cockpit zum lockeren Repräsentanten im Fahrerlager. „Man kann wirklich von einer neuen Generation sprechen“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger, heute Mitbesitzer von Toro Rosso: „Zu meiner Zeit fingen wir spät mit dem Rennfahren an. Dann kam die Kart-Generation, die von Kindesbeinen nichts anderes tat. Heute drücken die Kerle gleichzeitig die Schulbank, um eine Studienreife zu bekommen. Die haben eine ganz andere Sprache drauf, einen ganz anderen Umgang mit den Ingenieuren. Das ist der Hauptunterschied.“
Dem mitunter patzigen Ralf Schumacher liegt der fließende Übergang vom bissigen Steuerkünstler zum Medien-Darling nicht gerade im Blut. Trotzdem fühlt er sich noch nicht überholt, und schon gar nicht überrollt von seinen Landsleuten. „Ich werde im nächsten Jahr Formel 1 fahren“, erklärte der 32 Jahre alte Rheinländer apodiktisch vor seinem letzten Grand Prix für Toyota. Die jungen Kollegen blockierten ihn nicht: „Wir erleben ja im Moment auf Grund des großen Erfolges von Lewis Hamilton wieder einen Jugendwahn in der Formel 1, aber das wird sich auch wieder beruhigen. Erfahrung wird ein wichtiges Kriterium bleiben.“ Vielleicht.
„Es ist einfacher, einen Formel-1-Wagen zu fahren“
Der „Jugendwahn“ hat die Teamchefs aber bislang nicht zur Weißglut getrieben. Im Gegenteil. Zufrieden stellen sie fest, wie selbst die meisten Einsteiger ohne millionenschwere Reparaturen über die Runden kommen. Dreher ins Abseits, überhaupt Unfälle haben im Vergleich zu früheren Jahren deutlich abgenommen. Außerordentliches Lehrgeld zahlte kaum einer.
„Zweifellos ist es einfacher geworden, einen Formel-1-Rennwagen zu fahren“, sagt Berger, „leider. Aber das ändert sich vielleicht wieder.“ Der Internationale Automobil-Verband hat für 2008 die elektronischen Fahrhilfen wie die Traktionskontrolle und die Motorbremse aus dem erlaubten Programm gestrichen. „Der Wegfall wird die Kluft zwischen guten und schlechten Teams eher noch vergrößern“, sagt der sechsmalige Grand-Prix-Sieger Schumacher, „weil man mögliche Schwächen beim Grundkonzept des Autos oder beim mechanischen Grip (Haftung) nicht mehr über die Traktionskontrolle kaschieren kann.“
„Jüngere Fahrer brauchen sich nicht umgewöhnen“
Dann kommt es beim Beschleunigen aus den Kurven heraus wieder auf das besondere Feingefühl im „Gasfuß“ an. „Kurven, die bis jetzt einfach waren, werden nun schwierig“, sagt der junge Rosberg, „Besonders da, wo du über die Randsteine musst. Wenn da ein Hinterrad in der Luft steht und du voll auf dem Gas stehst, dann musst du zaubern. Bis jetzt hat das die Traktionskontrolle erledigt.“
Heidfeld freut sich diebisch auf die Rückkehr in alte Zeiten, die Schumacher in einem nächsten Team noch mal gute bescheren sollen. Die jungen Deutschen aber auch. Abgesehen von Vettel kennen sie das Gefühl, wenn die geballte Kraft des Motors im Rücken mit den Zehenspitzen gebändigt werden muss. In Der GP 2 war die Traktionskontrolle schon immer verboten. „Die jüngeren Fahrer“, sagt Berger, „brauchen sich nicht umgewöhnen.“