Home
http://www.faz.net/-gu4-tqe4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 „Wenn es passieren soll, dann passiert es“

18.10.2006 ·  Noch viermal zum Training antreten, einmal zum Rennen, maximal 600 Kilometer fahren als Stammpilot im Formel-1-Rennwagen. Michael Schumacher wird am Sonntag nach dem Rennen in Brasilien als Glückskind der Branche abtreten. So oder so.

Von Anno Hecker
Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (0)

Noch viermal zum Training antreten, einmal zum Rennen, maximal 600 Kilometer fahren als Stammpilot im Formel-1-Rennwagen. Dann hat es Michael Schumacher geschafft. Am Sonntag nach dem Finale mit dem Großen Preis von Brasilien in São Paulo wird wahrscheinlich die Abschiedshymne gesungen auf den bislang erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Geschichte.

Wie der ellenlange Abspann eines epochalen Kino-Werkes läuft dann im Hintergrund noch einmal die Erfolgsstatistik einer gut 15jährigen Karriere: die meisten Siege, die meisten WM-Titel, die meisten Pole Positions, die meisten Podiumsplätze, die meisten Führungskilometer und so weiter. Nach letztlich 30 Jahren Rennerei vom Kartsport über die Formel-Serien und die Sportwagen-WM bis in die Königsklasse des Motorsports tritt Schumacher als Glückskind der Branche ab. Denn er gewinnt am Sonntag, falls nichts passiert, auch als Verlierer des WM-Kampfes mit dem Renault-Piloten Fernando Alonso: die Erkenntnis, in einem lebensgefährlichen Sport gesund geblieben zu sein.

Runde um Runde durchgeprügelt

Gesund? Sein Stiernacken trotzt den hohen Fliehkräften in den Kurven, über Brust und Schultern wölben sich die Muskeln, seine Bauchdecke hält dem Sixpack-Vergleich stand. Mit 37 Jahren taugt der Rheinländer durchaus als Dressman für Unterwäsche. Aber wie hat der Methusalem unter den Formel-1-Piloten die harten Schläge weggesteckt? Ob im Kart oder im Formel-1-Renner, solche Gefährte bieten einen Federweg von Millimetern, wenn überhaupt. Und so werden die Piloten beim Überfahren der Randsteine, der Unebenheiten wie auf der Piste von São Paulo Runde um Runde durchgeprügelt. Schumachers Arzt macht eine Gedankenpause. Über Patienten spricht man nicht. "Ganz allgemein", sagt Johannes Peil, Leiter der Sportklinik Bad Nauheim, "kann man sagen, daß die Belastungen für die Hals- und die Lendenwirbelsäule besonders groß sind. Aber man kann viel tun, um Schäden vorzubeugen." Schumacher hat daran gearbeitet. Täglich.

Allerdings hat Peils Betreuungsteam alle Hände voll zu tun, den Sportfreak immer wieder geradezubiegen. Denn dessen Fußball-Leidenschaft mit bis zu 30 Spielen pro Saison in der vierten Schweizer Liga oder mit den Motorsportkollegen der Kick-Elf "Nationale Piloti" brachte hin und wieder das Gleichgewicht durcheinander. "Da hat der Doc schon mal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", sagt Schumacher. Und dann wieder gestaunt über die Disziplin und die Leistungswerte des Ferrari-Stars.

Gedankenfreiheit im Oberstübchen

Seit sechs Jahren greift der beim Frühstück zum gleichen Müsli. Und nach wie vor ist Schumachers Kreislauf einer Grand-Prix-Belastung bestens gewachsen: Bei einem Puls von 140 pro Minute bleibt mehr Gedankenfreiheit im Oberstübchen zur blitzschnellen Lösung unerwarteter Probleme als bei vielen Gegnern. Peil zweifelt keine Sekunde: "Michael hat konstante Werte und eine so hohe Grundfitness, daß er auch nach einer Pause, wenn sie nicht über ein Jahr geht, wieder einsteigen könnte." An Kraft, Ausdauer und Konzentration wird es nicht liegen, falls Schumacher dem zwölf Jahre jüngeren Alonso am Sonntag nicht davonfahren sollte. Aber wie steht es mit der Sorge, sich im allerletzten Grand Prix doch noch einmal ernsthaft weh zu tun? Wenn doch der Fahrertitel ohnehin kaum noch zu gewinnen ist.

Kaum mehr als zwanzigmal ist Schumacher seit seinem Formel-1-Debüt im Spätsommer 1991 verunglückt. In der Regel endeten die bisweilen spektakulären Abflüge mit Prellungen. Aber in Japan brach er sich 1991 einen Halswirbel - ohne es fünf Jahre lang zu merken; in England 1999 beim Frontalcrash in einen Reifenstapel das rechte Waden- und Schienbein. Schumacher hat die Lebensgefahr seines Jobs zu spüren und die schlimmsten Folgen als einziger aktiver Pilot neben Rubens Barrichello noch zu sehen bekommen. Er fuhr 1994 in Imola als erster am Wrack des tödlich verunglückten Ayrton Senna vorbei - Sekunden nach dem Unglück.

Kunst der Verdrängung

Trotzdem scheint ihm die schwierige Kunst der Verdrängung geglückt zu sein. "Unheimlich sind mir nur Unfälle, die unerklärlich bleiben", sagt er seit Jahren. Regelmäßig stieg er nach schweren Unfällen wieder ins Cockpit, als sei nichts geschehen. Selbst dann, wenn statt des Menschen am Steuer die Maschine versagt hatte: 1995 brach beim Training in São Paulo ein Kreuzgelenk der Lenkung; 1999 blieb in England die Hinterradbremse wirkungslos, 2001 während einer Testfahrt in Mugello löste sich die Hinterradaufhängung, 2004 beim Test in Monza platzte ein Hinterreifen bei Tempo 345. Schumacher ließ sich nie beeindrucken. Immer wieder verweist er auf das Los des Prototypentesters und seine Grundeinstellung: "Wenn es passieren soll, dann passiert es."

Schumacher hat viel getan, die Unfallfolgen in der Formel 1 zu minimieren. Hinter den Kulissen wirkte er an der Verbesserung der Sicherheitsstandards auf den Rennstrecken mit. Auch deshalb hat es seit zwölf Jahren keinen tödlichen Unfall mehr in der Formel 1 gegeben. Außerdem behauptet der Chefpilot von Ferrari, nie ein unnötiges Risiko einzugehen. Seine Frau glaubt ihm: "Er weiß", sagt Corinna Schumacher, "wann es keinen Sinn mehr macht, sich zu widersetzen. Ich weiß, daß das so ist. Das hilft mir." Auch am Sonntag wird es so sein. Danach aber warten neue Risiken, höhere. Schumacher wird mehr Zeit haben, Motorrad zu fahren.

Quelle: F.A.Z., 18.10.2006, Nr. 242 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik