Home
http://www.faz.net/-gu4-tq9j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Vor schmutzigen Tricks wird gewarnt

21.10.2006 ·  Wenn einer beim letzten Rennen alles braucht (Schumacher muß gewinnen) und der andere nichts kriegen darf (Alonso muß ohne Punkt bleiben), dann rückt aus dem düsteren Hintergrund „Plan C“ in den Mittelpunkt, um doch noch Weltmeister zu werden: Die Crash-Strategie.

Von Anno Hecker, Sao Paulo
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Als alles kaputtging, tickte Michael Schumacher wie ein Schweizer Uhrwerk. Suzuka, vorletztes Saisonrennen, 37. Runde: Mit dem Motor im Ferrari F248 platzt die Hoffnung auf den Fahrertitel. Aber der Rheinländer läßt keinen Dampf ab. Im Gegenteil. Er tröstet, lobt - und fährt alles herunter: „Ich habe den Titel abgehakt“, sagt er. Aus und vorbei.

Fehlte nur noch die Gratulation an den jungen Kollegen Fernando Alonso im Renault zum zweiten WM-Titel. Der aber verbittet sich alle guten Wünsche, bevor er nicht die letzte Runde beim Großen Preis von Brasilien am Sonntag in São Paulo gedreht und den Zweikampf tatsächlich gewonnen hat. Statt dessen werten der Spanier und sein Team Schumachers bewunderte Reaktion von Suzuka als instinktive Reaktion des schlauen Jägers: „Natürlich spielt er seine Chancen herunter“, sagt Renaults Chefingenieur Pat Symonds, „aber wir lassen uns doch nicht einlullen.“

Alonso fuhr bei 17 Rennen 15 Mal in die Punkte

Schumacher will zum Abschluß seiner Karriere im 250. Rennen zum 92. Mal gewinnen - diesmal vordergründig zum Wohle des Formel-1-Teams: „In der Konstrukteurs-WM liegen wir neun Punkte hinten, das ist zu machen“, sagte der Rheinländer am Donnerstag in São Paulo und fügte hinzu: „Was dann noch möglich ist, werden wir sehen.“ Es müßte viel zusammenkommen. Selbst ein Sieg reichte nicht, um zum achten Mal Weltmeister zu werden, falls Alonso einen Punkt gewänne, also Rang acht belegte. Welche sieben Kollegen außer Schumacher sollten schneller sein als der 25jährige Pilot aus Oviedo? Ferraris zweiter Mann Felipe Massa käme in Betracht - an einem guten Tag. Alonsos Co-Pilot Giancarlo Fisichella scheidet aus naheliegenden Gründen aus. Er fährt auch nächstes Jahr für Renault.

Und die anderen? McLaren-Mercedes, Honda, BMW oder Toyota haben entweder nicht das Tempo oder die Ausdauer, den höchst zuverlässigen Alonso auf Distanz zu halten. Selbst falls ein Pilot vom Kaliber Kimi Räikkönen oder der Grand-Prix-Sieger Jenson Button (Ungarn) über die Runden kommen sollte, für Alonso bliebe noch reichlich Platz unter den ersten acht.

Ein Motorschaden, ein verlorenes Hinterrad

Und wenn er einen Fehler macht? Es gab wohl drei: In Hockenheim rutschte der Weltmeister mit seinem R26 von der Piste, auch in Schanghai kam er kurz vom Wege ab. Aber mehr als ein paar Sekunden verlor Alonso nicht. Nur die falsche, folgenschwere Reifenwahl beim Großen Preis von China muß er sich zur Hälfte ankreiden. Ansonsten glänzte der künftige Mercedes-Fahrer in 15 von bislang 17 Grand Prix mit einer herausragenden Erfüllungsquote: sieben Siege, sechs zweite und zwei fünfte Ränge.

Den Motorschaden in Monza und das verlorene Hinterrad in Ungarn haben Techniker und der unglückliche, inzwischen ausgewechselte Mechaniker zu verantworten. Einmalige Vorfälle, wenn man der Jahresstatistik trauen darf: Der Renault ist über 95 Prozent der geforderten Kilometer wie am Schnürchen gelaufen.

„Plan C“ rückt in den Mittelpunkt

Diese aus Ferraris Sicht schwer ernüchternde Hochrechnung (ohne Zufallskomponente) hat längst die Lust der Branche an einer Manipulationsgeschichte geschürt. Wenn einer alles braucht und der andere nichts kriegen darf, dann rückt aus dem düsteren Hintergrund angeblich automatisch „Plan C“ in den Mittelpunkt: Die Crash-Strategie.

Schließlich ist die Abschußquote in der Formel 1 so gering nicht. Schumacher versuchte Villeneuve 1997 von der Piste zu schieben. Ayrton Senna übte in Suzuka 1990 erfolgreich Selbstjustiz an Alain Prost. John Surtees soll 1964 Weltmeister dank der brachialen Schützenhilfe seines Teamkollegen bei Ferrari (Lorenzo Bandini) geworden sein. Was also, wenn Massa in der ersten scharfen Linkskurve nach dem Start, dem Unfallschwerpunkt in São Paulo, für seinen Chefpiloten den Weg frei räumte?

Vollgas beim persönlichen Finale

„Ich hoffe, daß die Nummer zwei jedes Teams nicht blockiert oder sonstwie einbremst“, hatte Ferraris honoriger Technischer Direktor Ross Brawn schon vor dem Rennen in Japan erklärt: „Das wäre inakzeptabel.“ Und es hätte Folgen, die alle fürchten. Der Internationale Automobil-Verband hat Ferrari wie Renault drakonische Strafen im Falle einer destruktiven Taktik angedroht. Die Handlanger wären zudem als Piloten erledigt. Massa im Fall der Fälle noch mehr als Fisichella. Er würde sich vor den Augen seiner Landsleute als gemeiner Vasalle entpuppen - und müßte wohl fliehen.

Schmutzige Tricks, beteuern alle Beteiligten, sollen den WM-Kampf nicht entscheiden. Spielchen aber sind erlaubt. Ferrari protzte mit Fabelzeiten bei den letzten Testfahrten von Schumacher in Jerez de la Frontera. Nur 33 Tausendstelsekunden blieb der Rheinländer mit dem 200 PS schwächeren V-8-Motor über dem Rundenrekord von 2004 im 950-PS-Geschoß. Was erstens die gewaltigen Entwicklungsschritte der Autos und Reifen und zweitens Schumachers ungebrochene Leidenschaft beweist. Er wird zu seinem persönlichen Finale Vollgas geben, mit einem frischen Motor und allen Risiken. Renault plant dagegen, den roten Bereich zu meiden. Trotzdem läuft es auf ein knappes Rennen hinaus. Deshalb macht die Wahrscheinlichkeitsrechnung (ohne Rücksicht auf das angekündigte Regenwetter) Alonso zum Gewinner des Jahres. Der glaubt, vor der Kür hart geprüft zu werden: „Der Grand Prix von Brasilien wird der längste meines Lebens.“ Vielleicht.

Quelle: F.A.Z., 20.10.2006, Nr. 244 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik