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Formel 1 Vettel im Drucktopf

30.08.2010 ·  Sebastian Vettel hat ein schlechtes Wochenende hinter sich. Der Crash in Spa wirft den Formel 1-Piloten im Titelrennen weit zurück. Und jetzt nutzen auch noch seine Gegner den Fehler für Psychospielchen neben der Strecke.

Von Michael Wittershagen, Spa-Francorchamps
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Er wollte nur noch verschwinden. Nicht mehr diese Bilder von seinem Zusammenprall mit Jenson Button (McLaren) beim Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps sehen, die über die Monitore flimmerten, nichts mehr hören und nichts mehr sagen. Sebastian Vettel schaltete seinen Tunnelblick ein, er steckte sich Kopfhörer in die Ohren und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Im Motorhome von Red Bull suchte sein Vater Norbert derweil nach Erklärungen, Optimismus war aber auch in dessen Gesicht kaum zu erkennen.

23 Jahre ist Vettel inzwischen alt, er gilt als großes Talent. Für Experten im Fahrerlager der Formel 1 ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser junge Mann Weltmeister wird. Zur Mitte der Saison schien er die Prognose zu erfüllen. Doch nun scheint Vettel der eigene Ehrgeiz auszubremsen. Seine aggressive Fahrweise treibt ihn immer wieder in Fehler hinein. Prompt ernannte ihn die englische Boulevardzeitung „Sun“ zum „Crash-Kid-Dummy“. Oft genug hat Vettel in der Vergangenheit betont, dass alles andere als ein Sieg für ihn eine Niederlage bedeute. Kompromisse oder taktische Spielereien sind seine Sache nicht. Auch deshalb wollte er am Sonntag in Spa-Francorchamps mit aller Macht an Button vorbei, es war der Zweikampf um Position zwei (siehe auch: Formel 1 in Spa: Vettel bohrt sich in Buttons Boliden). Es war der einzige Weg, als Verfolger noch einmal Druck auf den späteren Sieger Lewis Hamilton auszuüben. Dass Vettel zum Überholen ansetzte, ist ihm nicht vorzuwerfen. Doch dass ihm dabei abermals ein handwerklicher Fehler unterlief, lässt Zweifel wachsen. Ist dieser junge Mann wirklich schon reif für den ganz großen Coup?

„Es ist einfach, Kritik an Sebastian zu üben“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner: „Aber die Leute vergessen, dass ihm noch etwas Erfahrung fehlt.“ Gewinnt Vettel in diesem Jahr doch noch den Titel, dann wäre er der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Formel 1. Viel entscheidender aber wird sein, ob es ihm gelingt, nun die notwendige Reaktion zu zeigen, stabil und belastbar zu werden.

Bisher lächelte der Hesse tapfer alles weg, was ihm bedrohlich erschien. Nun hat die Konkurrenz längst erkannt, dass es an der Zeit ist, seine Schwächen auszunutzen - und ihn zu provozieren. „Sebastian ist ein außergewöhnlicher Fahrer“, sagt McLaren-Teamchef Martin Withmarsh: „Aber er hat nicht nur heute Mist gebaut, sondern schon das eine oder andere Mal in diesem Jahr. Ihm ist ein Fehler unterlaufen, den man sonst nur aus Nachwuchsklassen kennt.“

Der Druck auf Vettel wächst

Die Psychospielchen zwischen den Verantwortlichen von McLaren und Red Bull nehmen Fahrt auf. Der Druck auf Vettel wächst, zumal sein Teamkollege Mark Webber seine große Chance auf die Berufung als Fahrer Nummer eins bei Red Bull wittert. „Es ist noch nicht ganz so weit“, sagt der 34 Jahre alte Australier: „Aber so lange sollten wir es nicht hinauszögern.“ Mit 179 Punkten liegt Webber in der Gesamtwertung nur knapp hinter Hamilton (182). Vettel (151) hat schon einen beachtlichen Rückstand und müsste nun bei noch sechs ausstehenden Rennen mehr als fünf Punkte pro Grand Prix aufholen.

Dabei hätte Vettel der Konkurrenz längst enteilt sein können. Sieben Mal ist er in dieser Saison von der Pole Position gestartet. Aber nur ein Rennen hat er vom ersten Startplatz aus gewonnen. Das nennt man eine dürftige Chancenverwertung. Zwar warfen Vettel technische Probleme zurück, mal war die Strategie am Kommandostand falsch - doch der Mann im Cockpit zeigte auch Nerven. Wäre Vettel immer auf dem Platz ins Ziel gekommen, von dem er ins Rennen startete, dann hätte er nun 268 Punkte gesammelt und würde die Wertung vor Webber (241) anführen. Hamilton, dem 2010 bislang eine Pole-Position gelang, käme auf 151. Eine Rechnung, die eines beweist: McLaren versteht es, das Optimum aus seinen Möglichkeiten zu holen. „Wir geben wirklich an allen Ecken und Enden Vollgas, sind aber noch nicht so schnell wie die anderen“, sagt Hamilton.

„Sebastian weiß genau, was passiert ist“

Der 25 Jahre alte Engländer muss wissen, wie sich Vettel derzeit fühlt. Ein kapitaler Patzer kostete ihn gleich in seiner Premierensaison 2007 die WM, beim Großen Preis von China rutschte er in der Kurve vor der Boxeneinfahrt auf abgefahrenen Reifen in den Kies. Den Titel gewann Hamilton ein Jahr später. Seitdem ist er keinesfalls fehlerlos geblieben, doch seine Lernkurve zeigte steil nach oben. Diesen Beweis muss Vettel noch erbringen. Doch vielleicht braucht er sich dabei gar nicht sonderlich verändern. In die Formel 1 hat er es vor allem deshalb geschafft, weil er in allen Nachwuchsserien kompromisslos und erfolgreich war. Diese Eigenschaften haben ihn so begehrt gemacht und katapultierten ihn auch in der Königsklasse des Motorsports im Rekordtempo an die Spitze. Für den letzten, den entscheidenden Schritt, aber bedarf es nun auch ein wenig Kalküls. Aufmunterung kommt von einem, der weiß, wie man Weltmeister wird. „Sebastian weiß genau“, sagt Michael Schumacher, „was passiert ist und was er anders machen würde.“

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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