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Formel 1 Unerträgliche Zwickmühle

26.07.2010 ·  Die Teamorder ist seit 2002 in der Formel 1 verboten. Die Folge sah man in Hockenheim: ein Schmierentheater mit peinlich berührten Fahrern. Konsequent wäre, wenn der Verband die strittige Regel wieder abschaffen würde.

Von Michael Wittershagen
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Ausgebremst vom eigenen Team - Zuschauer und Konkurrenten hatten ihr Urteil nach dem Großen Preis von Deutschland schnell gesprochen: Ferrari, die Betrüger in Rot. Schließlich ist die landläufige Meinung ganz einfach. Der Schnellste möge doch bitteschön auch gewinnen. In einem Sport wie der Formel 1 ist die Wirklichkeit jedoch weitaus komplexer als das moralische Bild von Gut und Böse.

Jahr für Jahr investieren die Rennställe zwei- bis dreistellige Millionenbeträge, Hunderte Mitarbeiter richten all ihr Tun nach dem Erfolg aus, sie üben Verzicht, weil sie etwas gewinnen wollen: die Weltmeisterschaft - koste es, was es wolle. Eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der es manchmal auch Opfer gibt. Am Sonntag traf es Felipe Massa.

Der Kern des Problems ist ein anderer, und er geht zurück in das Jahr 2002. Auf dem A1-Ring in Österreich durfte Michael Schumacher seinerzeit auf Geheiß von Ferrari gewinnen, Rubens Barrichello ließ ihn vorbei, um die Aussichten auf den Titel nicht zu gefährden. Was folgte, war ein öffentlicher Aufschrei voller Empörung. Der Internationale Automobil-Verband (Fia) reagierte und sprach ein Verbot der Teamorder aus.

Kommissare haben unerträgliche Zwickmühle wohl erkannt

Dessen Folgen bekamen Millionen Zuschauer am Sonntag überall auf der Welt zu sehen. Ein Schmierentheater mit peinlich berührten Fahrern und einem wortkargen Teamchef in den Hauptrollen. Sie waren gezwungen zu lügen, sie machten sich dabei lächerlich und wurden mit bohrenden Fragen der versammelten Journalisten vorgeführt. Weil es einen Interessenskonflikt gibt. Die Suche nach der Wahrheit auf der einen, die Verteidigung der eigenen Leistung auf der anderen Seite.

Denn eines sollte niemand vergessen: Ferrari hatte an diesem Wochenende das schnellste Auto, nur kreiste der aus ihrer Sicht falsche Fahrer in der aussichtsreichsten Position. Dass der Kommandostand dies schnell verändern wollte, ist nachvollziehbar. Dass er dabei keine Rücksicht auf die Regeln nahm, lässt eine Sanktionierung durch die Fia nur logisch erscheinen.

Die vergleichsweise geringe Strafe, 100.000 Dollar, deutet jedoch darauf hin, dass die Streckenkommissare die unerträgliche Zwickmühle erkannt haben. Konsequent wäre es, wenn der Verband die strittige Regelung wieder abschaffen würde. Allzu sehr widerspricht sie den Prinzipien der modernen Formel 1, in der es zum Geschäft gehört, dass einer der beiden Piloten eines Rennstalls im Verlauf einer Saison bevorzugt wird, wenn seine Aussichten verheißungsvoller erscheinen.

Am Ende gewinnt selbst bei Teamorder doch der Beste

Freilich, das Publikum hat andere Sehnsüchte, es will das freie Spiel der Kräfte erleben. Wilde Attacken, bei denen selbst auf den Kollegen keine Rücksicht genommen wird. So, wie es Sebastian Vettel und Mark Webber in ihren Red Bulls seit Wochen aufführen. Ende Mai endete ihr Kampf beim Großen Preis der Türkei in einer Kollision.

Beide sind in dieser Saison allzu oft auf unterschiedlichen Linien unterwegs, nun droht beiden ein Ende mit Schrecken. Womöglich müssen sie dabei zusehen, dass ein anderer im Herbst die WM-Trophäe in den Händen hält. Ferrari hat die Gefahr erkannt: Ein Formel-1-Team kann es sich nicht leisten, seine Möglichkeiten zu vergeben. Zu viel steht auf dem Spiel. Am Ende, das hat die Vergangenheit gezeigt, gewinnt selbst bei Anordnung der Teamorder doch der Beste.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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