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Formel 1 Starre Gesichter bei Ferrari

26.07.2010 ·  Alonsos Überholmanöver gegen Massa beschäftigt die Fia. Die Strafe könnte höher werden als 100.000 Dollar. Ausgerechnet Jean Todt, der 2002 wegen Teamorder bei Ferrari belangt wurde, wird darüber mitentscheiden.

Von Michael Wittershagen, Hockenheim
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Sie wollten am liebsten nur noch verschwinden. In der Garage von Ferrari bauten die Mechaniker die beiden Boliden auseinander, sie packten die Kisten und beluden die Lastwagen. Und niemand von ihnen sah in diesen Momenten aus wie ein Sieger. Genauso wenig wie Fernando Alonso, der noch vor einer Stunde den Pokal für seine Triumphfahrt von Hockenheim in den Himmel gehalten hatte. Aber eine Triumphfahrt?

Die Gesichtszüge des Spaniers blieben starr in diesen Momenten. Denn auch er wusste, dass ein Schatten auf dem Doppelerfolg der Scuderia lastete. Teamorder – es klingt wie ein Schimpfwort, viele setzten den Begriff unweigerlich mit dem Bruch moralischer Werte gleich. So, wie es in der 49. Runde passiert war. Nach der Haarnadelkurve drückte Felipe Massa nicht sofort wieder auf das Gaspedal – und Alonso konnte mühelos überholen. „Heute habe ich gezeigt, wie professionell ich arbeite“, sagte der Brasilianer später.

Ein Ereignis, zwei Sichtweisen. Noch am Abend reagierten die Streckenkommissare und ahndeten das strittige Manöver mit einer Buße in Höhe von 100.000 Dollar gegen Ferrari. Höhere Geldstrafen dürfen sie laut Reglement an der Strecke nicht aussprechen. Deshalb verwiesen sie den Fall an den Motorsport-Weltrat des Internationalen Automobil-Verbands (Fia), er ist in seinem Urteil uneingeschränkt. Ein Termin für die Besprechung steht noch nicht fest.

„Wir haben lediglich Informationen über die Situation gegeben“

Geleitet wird der Motorsport-Weltrat in jedem Fall von Jean Todt, dem Präsidenten der Fia und ehemaligen Teamchef von Ferrari. Eine bemerkenswerte Konstellation, schließlich war es der Franzose, der seine Worte 2002 auf dem A1-Ring per Funk an Rubens Barrichello richtete und befahl: „Let Michael pass for the Championship!“ Auf der Zielgeraden zog Schumacher damals am Brasilianer vorbei – und gewann.

Kurz danach verbot die Fia derartige Kommandos der Teams durch Artikel 39.1 ihres Sportlichen Reglements – nun darf Todt darüber entscheiden, ob die Strafe gegen Ferrari noch einmal erhöht wird. Genau das passierte 2002. Am Ende musste die Scuderia aus Maranello eine Million Dollar zahlen. Bisher verzichteten die Verantwortlichen von Ferrari auf einen Einspruch – und gingen dennoch verbal in die Verteidigung: „Wir haben unseren Fahrern lediglich Informationen über die Situation gegeben und alles andere ihnen selbst überlassen“, behauptete Teamchef Stefano Domenicali und widersprach dem Eindruck, dass es sich dabei um eine – verbotene – Teamorder gehandelt habe.

Öffentlich wurden derartige Befehle nicht ausgesprochen, sehr wohl aber kann man Funksprüche als codierte Aufforderungen verstehen. Das wird auch der Präsidentensohn wissen, Nicolas Todt ist als Manager von Massa tätig. Sein Klient setzte den Wunsch des Teams so um, dass jeder auf der Welt sehen konnte, was da vor sich ging.

„Ich kann gewinnen, das ist es, was zählt und jeder gesehen hat

Auf den Tag genau vor einem Jahr war der Brasilianer auf dem Hungaroring verunglückt, eine Stahlfeder prallte seinerzeit bei Tempo 190 an seinen Helm, Massa erlitt Verletzungen an der linken Augenhöhle, lag im Koma und musste um seine Karriere bangen. In Hockenheim hätte er seinen ersten Grand Prix nach diesem Unfall gewinnen können – doch er durfte nicht und weiß nun mit abschließender Sicherheit, dass das Team im Kampf um die WM auf Alonso setzt. Trotz aller Ausflüchte, Beteuerungen und Rechtfertigungen kam es Massa deshalb nach dem Grand Prix von Deutschland noch auf etwas anderes an, der Wiederherstellung seiner selbst als Rennfahrer: „Ich kann gewinnen, das ist es, was zählt und jeder heute gesehen hat.“

Einer beobachtete das Treiben um ihn herum aufmerksam und zumeist schweigend: Sebastian Vettel. Der offene Kampf mit seinem Teamkollegen Mark Webber bei Red Bull hat den Dreiundzwanzigjährigen in dieser Saison schon einige wertvolle Punkte gekostet. Und auch jetzt hätten auf ihn wieder unangenehme Fragen zukommen können.

„Unter dem Strich hatten wir bis jetzt mit Abstand das beste Auto“

Auf Vettel, den Trainingsweltmeister. In Hockenheim ging er zum sechsten Mal in dieser Saison von der Pole-Position in das Rennen, dennoch reichte es für ihn bisher nur zu zwei Siegen. In Anbetracht der Möglichkeiten von Team und Fahrer gleicht diese Bilanz einer Enttäuschung. „Unter dem Strich hatten wir bis jetzt mit Abstand das beste Auto, wir müssen es in den nächsten Rennen nur umsetzen“, sagte Vettel.

Oft scheiterte er an den technischen Unzulänglichkeiten seines Red Bull, am Sonntag brachte ihn ein schlechter Start um all seine Möglichkeiten – er wurde Dritter. Und natürlich wusste er ganz genau, dass er in der Gesamtwertung abermals einen weiteren Schritt nach vorn verpasst hatte. Dritter ist er dort nur, der Rückstand auf Lewis Hamilton, den Führenden in der WM-Wertung, beträgt 21 Punkte. Die Stärke der beiden McLaren liegt in der Konstanz ihrer Leistungen. Genau das ist die Schwäche in Reihen von Red Bull. „Es ist eine große Komödie, dass wir dieses Mal nicht im Fokus stehen“, sagte Vettel. Eine Komödie, über die jedoch nur die wenigsten lachen konnten.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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