28.09.2008 · Das erste Nachtrennen in der Formel 1 lässt sich der Stadtstaat Singapur einiges kosten. Der Energiebedarf für die Ausleuchtung ist extrem hoch. Doch Bernie Ecclestone sieht seinen Wanderzirkus gar schon in der Zukunft angekommen.
Von Anno Hecker, SingapurJetzt haben sie „Godfather“, dem „Paten“ Bernie Ecclestone, auch noch eine Rolle in der Schöpfungsgeschichte angedichtet. „Und Bernie sprach“, schrieb das Formel-1-Magazin F1: „Es werde Licht.“ Zweifellos hat der helle Brite blitzschnell am Schalter gedreht, als Singapur um die Aufnahme in den Formel-1-Kalender buhlte. Nun werden auf dem 5,067 Kilometer langen Stadtkurs 1500 Lampen mit einer Leistung von 2000 Watt die Nacht zum Tage machen, damit die Fahrer beim Großen Preis von Singapur am Sonntagabend nicht mit 290 Kilometern pro Stunde für immer von der Dunkelheit verschluckt werden.
Der Energiebedarf für Tests und Grand-Prix-Verkehr ist so groß, dass man auch ein Jahr lang 80 Drei-Personen-Haushalte hätte versorgen können. Doch das erste Nachtrennen in der Geschichte der jüngst auf eine „grünere“ Zukunft ausgerichteten Formel 1 (Hybridmotoren) überstrahlt die Gegenrechnung. In Singapur, schwärmten Ecclestone und die gesamte Entourage, ist die Formel 1 für eine Runde „in ihrer Zukunft“ angekommen. Und so soll den Grand-Prix-Veranstaltern in Wald-und- Wiesen-Regionen des alten Europa spätestens am Sonntag ein Licht aufgehen (Siehe auch: Formel 1 in Singapur: Wenn es Nacht wird, geben die Rennfahrer Gas).
Eine Stadtrundfahrt, die es in sich hat
Warum nun eine irdische Umlaufbahn im Rampenlicht erstrahlt, wenn die Formel 1 doch 58 Jahre ohne künstliche Beleuchtung über die Runden kam? Leser der Singapur „The Straits Times“ schrieben von der Attraktivität ihrer Stadt als Einkaufs- und Touristenparadies. Ecclestone lockten andere Aussichten. Staat und Hotel-Milliardär Ong Beng Seng überweisen dem Statthalter des Rechtevermarkters geschätzte 35 Millionen Euro für die Miete des Fahrerfeldes.
Gleichzeitig steigt vermutlich die Einschaltquote in den Kernmärkten der Formel 1 wie Deutschland, England, Italien, Spanien und Frankreich. Denn der gemeine Fan muss sich nicht wie sonst bei den Grand Prix in Asien am frühen Sonntagmorgen aus den Federn quälen, sondern bekommt den spannenden Kampf um den Fahrertitel zwischen Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes, siehe auch: Lewis Hamilton: Mitunter wie ein Geisterfahrer) und Felipe Massa (Ferrari) zur gewohnten Mittagsstunde serviert. Diesmal eine Stadtrundfahrt, die es in sich hat.
„Man sieht, dass Singapur eine reiche Stadt ist“
„Die vielen Kurven machen das Rennen zu einer größeren Herausforderung als in Valencia“, sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld. „Die Strecke vermittelt eine tolle Atmosphäre, weil sie an Bäumen vorbeiführt, die über die Strecke ragen, an den phantastischen alten wie neuen faszinierenden Gebäuden vorbei“, fügt Adrian Sutil (Force India) hinzu: „Man sieht, dass Singapur eine reiche Stadt ist.“
Da lacht das Herz des Patrioten. Obwohl in den sechziger und siebziger Jahren im Norden der Insel mit McLaren- und Ferrari-Boliden schon Autorennen gewonnen wurden, wollte Singapurs Staatsgründer, der Patriarch Lee Kuan Yew, nichts von der Formel 1 wissen: „Das war ein Fehler.“ Von der Korrektur verspricht sich Joanna Phua, Dozentin an der Singapurer Hochschule für Internationale Studien, nun einen „immensen Schub“ bei der Entwicklung des „Nationalstolzes“.
Steuerkünstler sollen auf ihre Kosten kommen
Wenn doch die Bilder von den Flitzern bei der Fahrt vorbei am Landungsort (1819) des Stadtgründers Thomas Stamford Raffles, entlang der Häuser aus der Kolonialzeit bis hinein in die Welt des zukünftigen Singapurer Finanzzentrums Millionen Fernsehzuschauern Singapurs Geschichte erzählen. Und zwar 61-mal vom Start bis ins Ziel.
Vielleicht geht es den Geldgebern in der Autokratie aber doch mehr um einen handfesten Ertrag. Schließlich bietet Singapur nicht nur Piloten wie Hamilton „einen großen Spaß“, wenn sie mit Tempo 290 den „Millenia Walk“ herunterdonnern oder unter einer Zuschauertribüne am Hafen abtauchen, bevor sie am größten Riesenrad der Welt vorbeischießen. Steuerkünstler aller Art sollen auf ihre Kosten kommen. Singapur lockt die Reichen mit niedrigsten Abgaben.
„Da könnte man das Nachtleben ja mal nutzen“
Zum Wochenende fliegen allein 40.000 Touristen aus aller Welt ein. Wie kein anderer Formel-1-Debütant in den vergangenen zehn Jahren (Malaysia, China, Bahrein, Valencia) bietet der Tropenstaat ein Festival mit anspruchsvollen wie skurrilen Angeboten: zahlreiche Konzerte, Ausstellungen mit Werken von Picasso und Botero, Eisskulpturen in Form von Rennwagen bei 30 Grad Celsius, das ganze auch in Schokolade, bis hin zu Uhrenauktionen im Kreis von Superreichen. Singapur zeigt, wie es tickt. Der Preis, den die Renngemeinschaft aus Europa für das Spektakel zahlt, ist hoch.
Die Fahrer versuchen, in ihrem europäischen Zeitrhythmus zu bleiben: „Guten Morgen“, wünschte Lewis Hamilton Journalisten, als sie ihn um seine ersten Eindrücke baten - um 14 Uhr. In der Nacht zum Samstag verließen die meisten Piloten erst nach dem Briefing mit den Ingenieuren gegen 1.30 Uhr das Fahrerlager. „Vor drei gehe ich nicht ins Bett“, sagte Timo Glock. Um 12 Uhr steht der Toyota-Fahrer in diesen Tagen auf: „Da könnte man das Nachtleben ja mal nutzen.“ Wenn die strenge Vorgabe nicht wäre. Alkohol ist tabu. Da genießen die Mechaniker mehr Freiheiten. Aber ihr Arbeitstag endet in Singapur, wenn die Einwohner aufstehen.
„Die Stadt interessiert mich nicht“
So gesehen, leben Einwohner und Formel-1-Menschen aneinander vorbei. „Während die meisten Singapurer wissen, dass es ein Formel-1-Rennen geben wird“, schrieb „The Straits Times“, „glauben viele, dass es erst im nächsten Jahr stattfindet.“ Das Desinteresse entspricht der kanalisierten Sicht vieler Piloten.
Robert Kubica (BMW-Sauber), als Dritter der Fahrerwertung mit einem Rückstand von 14 Punkten Außenseiter im Titel-Rennen, macht sich keine besonderen Gedanken um den neusten Standort der Formel 1. Todesstrafe bei Drogengenuss? „Die Stadt interessiert mich nicht“, sagt der im Cockpit hochbegabte Pole: „Mich interessiert nur die Strecke.“ Diese Einstellung gefällt Ecclestone. Seit er für Licht gesorgt hat, liegt alles rechts und links der Piste im Dunklen.